15. Dezember 2017

Linkin Park spielen gegen die Traurigkeit an

Musik weckt Gefühle und Erinnerungen oder kreiert neue. Wenn Linkin Park gegen ihre Traurigkeit anspielen, bewegt das. Für Elena Bernasconi ist «One More Light » das Live-Album des Jahres.

Linkin Park, One More Light Live

Das Jahr 2017 war für die Band Linkin Park von A-Z durchgetaktet: Ein neues Album und eine Welttourne standen auf dem Programm. Alles lief nach Plan – bis der Leadsänger starb.

Blicke ich zurück, bleibe ich bei dem Moment hängen, als Linkin Park in der «Jimmy Kimmel»- Show ein Tribut für den Soundgarten-Sänger Chris Cornell spielten. Der Song, den sie für ihn ausgewählt hatten, war neu: Er hiess «One More Light» und ich bekam schon vom Zuhören Gänsehaut. Es geht um Abschied, Tod und Zurückbleiben. Mir blieb die Zeile: «Wen kümmert es, wenn ein weiteres Licht ausgeht. Nun mich kümmert es.» Rückblickend scheint der Auftritt prophetisch: Chris Cornell hatte sich in einem Hotelzimmer das Leben genommen. Ziemlich genau zwei Monate nach dem Tribute-Auftritt beging auch Chester Bennington Suizid. Er erhängte sich am Geburtstag des toten Freundes, dem 20. Juli 2017.

Die Wochen dazwischen, die letzten seines Lebens, verbrachte Chester Bennington auf Tour mit seinen Kollegen. «Die beste Tour, die wir je gespielt haben», sagte er zur Band. «Kameradschaft und Freude, tiefe Verbindung mit den Fans und untereinander – durch die Musik», davon schreiben Linkin Park im Booklet zum Live-Album «One More Light», das im Dezember erschienen ist.

Die Erwartungen waren hoch. Schliesslich hat sich die Band in ihrer 17-jährigen Geschichte keinen einzigen Flop geleistet. Während Kritiker bei jeder neuen Scheibe von einer «Verwässerung des Sounds», «Schamlosen Anbiederung an Pop» schrieben, schien dies den Fans herzlich egal zu sein, sie machten Linkin Park zur weltweit erfolgreichsten Band der letzten Jahre. Ob ihre Alben zu plastifiziert, formatiert und Radio-tauglich getrimmt sind, darüber darf man sich bei Linkin Park ruhig streiten. Live deklassieren sie allerdings so ziemlich jede andere Band, die ich je gehört habe. Linkin Park bringen ihre Lieder auf ganz neue Art zum Leben und präsentieren diese mit noch mehr Kraft und Intensität als auf den Studioalben.

Beim Durchhören von «One More Light Live» wird das sofort greifbar. Was ebenfalls auffällt ist, wie viele Hits der Band von Trauer und Depression oder Ohmacht handeln, und wie diese Männer, angeführt von ihrem Frontmann, zu sechst gegen eben diese Traurigkeit anspielen. Das bringt eine enorme Spannung in die Songs.

Auf «One More Light Live» gibt es 16 Mitschnitte aus der Tour im Frühsommer`17, der Schwerpunkt liegt auf dem aktuellen Album. Es ist intensiv und kraftvoll. Wie oder ob die Band weitermacht, ist im Moment noch unklar. Was man nach dem Durchören des Albums weiss: Es ist gelungenes Denkmal für Chester Bennington.


Das Album «One More Light Live» von Linkin Park bei exlibris

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