29. März 2016

Die Leibeigene

Unter den Augen der Vormundschaftsbehörde wird Lina Zingg über Jahrzehnte von ihrer Pflegemutter als Dienstmädchen gehalten, missbraucht und ausgenutzt.

Die Leibeigene
Unter den Augen der Vormundschaftsbehörde wird Lina Zingg über Jahrzehnte von ihrer Pflegemutter als Dienstmädchen gehalten, missbraucht und ausgenutzt.

Die Farbstiftzeichnungen über dem Sofa sind unübersehbar und erfüllen die niedrige Stube im Rheintaler Bauernhaus von Emma und Werner Zingg mit leuchtenden Farben. Wer die Geschichte der Familie nicht kennt, könnte denken, ein Enkelkind des betagten Ehepaars habe all die Blumen und den Vogel gemalt, der vor einem offenen Käfig sitzt.

Doch die Zeichnungen stammen nicht von einem Kind, sondern von Werners Schwester Lina, die in den nächsten Tagen ihren 76. Geburtstag feiert. Sie markieren die Wende zum Guten in einer äusserst tragischen Lebensgeschichte: Lina wurde mehr als 50 Jahre lang wie eine Leibeigene gehalten, missbraucht und misshandelt. Die Vormundschaftsbehörde erkannte Linas Martyrium nicht. Und schlug alle Warnungen von Emma und Werner in den Wind.

Lina, ihr Bruder Werner und zwei weitere Buben werden in eine mausarme Rheintaler Bauernfamilie hineingeboren. Als Lina sieben Jahre alt ist, stirbt die Mutter. Das Mädchen geht weiter zur Schule, daneben muss es den Haushalt schmeissen, später auch in der Fabrik arbeiten. Ein hartes Leben. Der Vater spricht nicht viel, Lina ist auf sich gestellt. Zeichnen tut sie schon damals gern, «mit Bleistift – wenn es mal Papier gab», erinnert sich ihr Bruder.

Mit 17 erleidet die überforderte Lina einen Zusammenbruch und landet in der Psychiatrischen Klinik Wil SG. Nun beginnen die Mühlen zu mahlen. Ein einziger IQ-Test, nach der Einlieferung durchgeführt und nie verifiziert, drückt ihr für immer den Stempel «debil» auf, und das Etikett «schizophren» gibt es gleich noch dazu, obwohl Lina weder Stimmen hört noch Wahnvorstellungen hat. Schlimmer noch: Alle – vom Psychiater über den Gynäkologen bis zum Dorfpfarrer – sind sich einig, was mit dieser rotwangigen Bauerstochter nach ihrer Erholung, natürlich nur zu ihrem eigenen Schutz, am besten geschehen soll: Sie soll ihr Auskommen als Dienstmädchen an einem guten Plätzchen finden. Denn nach den Normen der damaligen Zeit, 1958, ist sie eine potenziell lasterhafte junge Frau, wurde sie doch im Bett eines Burschen «aufgefunden».

Vergewaltigt, geschlagen, ungeliebt

Wie der Vater von der Behörde dazu gebracht wird, auf die elterliche Gewalt zu verzichten, damit Lina bevormundet werden kann, ist eine Geschichte für sich. Tatsache ist: Als Lina volljährig wird und die Vormundschaft eigentlich erlöschen sollte, geht dies in den Akten unter. Sie bleibt entmündigt als Mädchen für alles bei ihrer von der Vormundschaft vermittelten Herrin.

Diese, eine selbst ernannte Frau Doktor und Psychologin, isoliert sie geschickt von der Aussenwelt, täuscht die Behörden konsequent und raffiniert. Lina lebt in Angst, lässt sich manipulieren. Ihre Dienstherrin bläut ihr ein, dass sie nichts ist und nichts kann, dass ihr Bruder Werner sie nur ausnützen will. Die Drohung «wenn du nicht parierst, musst du zurück nach Wil» hilft immer. Wil, die Psychiatrie, ist Linas grosse Furcht. Sie nennt die Klinik «die grauen Wände». Lieber nimmt sie alles andere in Kauf.

Als Bruder Werner und Schwägerin Emma 1975 einen Überraschungsbesuch bei Lina in Zürich wagen, obwohl sie längst Hausverbot haben, ist die Herrschaft nicht da. Lina sagt, sie dürfe niemandem öffnen. Lässt sich dann aber überreden. Emma verwirft heute noch die Hände, wenn sie zurückdenkt: «Das Haus war eine Villa. Aber Lina war angezogen wie aus der Brockenstube. Sie zeigte uns ihre Kleider. Zehn Zentimeter an einer Stange: zwei Pärli Hosen, zwei Blusen, fertig.» Noch heute nagt an Emma, dass sie ihre Schwägerin nicht einfach mitgenommen hat: «Sie hat mich so ‹verbarmet›. Aber wir dachten, wir dürfen das nicht.» Und Lina hat Angst, würde sich nie trauen, das Haus ohne Erlaubnis und für etwas anderes als zum Einkaufen zu verlassen.

1975. Da arbeitet sie bereits seit 17 Jahren als Dienstmädchen bei ihrer Herrin und deren Mann, fast ohne Lohn und ohne Ferien. Was niemandem auffällt, ausser Emma und Werner. Aus Sicht der Vormundschaft ist weiterhin alles bestens.

Mit der zweiten Ehe von «Frau Doktor» verschlimmert sich die Situation weiter, denn dieser neue Mann hat einen extremen Hygienefimmel, und er fühlt sich von Lina abgestossen. Während der erste Gatte sie regelmässig vergewaltigte, verlangt der zweite, dass Lina sich möglichst unsichtbar macht. Dabei aber ihre Arbeit perfekt erledigt. Die Herrin bestimmt nun, dass Lina nur mit Ja oder Nein antworten darf, ansonsten bekommt sie ein Pflaster über den Mund geklebt. Für die Glätte der gebügelten Hemden, es sind täglich drei Stück, gibt es Punkte. Hat Lina zu wenige davon, setzt es Schläge. «Egal, wohin, mit dem Stock, wies grad gekommen ist», sagt Lina später.

Manchmal wird sie auch zur Strafe in den Kleidern kalt abgeduscht. Und manchmal gibt man ihr Farbstifte. Aber sie darf nur fertige Mandalas ausmalen, freies Zeichnen ist verboten. Parallel zu dieser zusätzlichen Verschärfung laufen weitere Versuche von Linas Schwägerin und ihrem Bruder, die Vormundschaftsbehörde darauf hinzuweisen, dass etwas nicht stimmt. Dass sie die Schwester nicht sehen dürfen, dass diese bei den wenigen Telefongesprächen wie ferngesteuert wirkt. Doch die Behörden sind weder willens noch fähig, sich mit dem Vorzeigefall zu beschäftigen. Niemand setzt sich wirklich mit der Situation auseinander. Die Blindheit der Gutachter führt dazu, dass jeder vom andern abschreibt: Linas Herrin hat aus dem Hausmädchen inzwischen einen Pflegefall gemacht. Über die Jahre kassiert sie so mehr als 500'000 Franken Betreuungsgeld und viele dankende Worte der Amtsvormundschaft.

Indes: Je älter Lina, ihre Herrin und deren zweiter Mann werden, desto gefährlicher wird die Situation. Lina, die Süsses liebt, bekommt vorwiegend Tomaten und Brot zu essen, angeblich hat sie Diabetes. Sie ist brandmager und schwach. Emma und Werner versuchen jedes Jahr, ihr zum Geburtstag zu gratulieren, und jedes Jahr kommt ihre Karte zurück.

«Wenn das so weitergegangen wäre, gäbe es jetzt keine Lina mehr», sagt Lina einmal nach ihrer Befreiung. Diese wird von unerwarteter Seite initiiert: Zwei Töchter der Herrin sind es, die eine Gefährdungsmeldung an die Zürcher Vormundschaftsbehörde machen. Jahrelang haben sie den Kontakt zur Mutter gemieden. Als sie nun Lina, ihr Kindermädchen aus längst vergangener Zeit, wiedersehen, sind sie schockiert, und es gelingt ihnen, die Behörden endlich wachzurütteln.

Glück? Eine Abwaschmaschine

Bei ihrer amtlich bewilligten «Entführung» im Jahr 2011 ist Lina 71 Jahre alt. Sie wird in einem betreuten Wohnheim untergebracht, in dem es ihr gefällt. Erstaunlich schnell erholt sie sich, findet wieder Freude am Malen und Genuss beim Essen. Doch etwas in ihr ist für immer zerbrochen. Sie hat ihre ganz eigene Art sprunghafter Kommunikation. Und wenn sie nicht im Haushalt arbeiten kann, fühlt sie sich schnell einmal wertlos und unruhig. Manchmal gehen überraschend Türen auf, und sie erinnert sich mit grosser Klarheit an Situationen. Anderes hat sie so tief in sich verschlossen, dass es wohl für immer begraben ist. «Wann warst du am glücklichsten in deinem Leben, Lina?», fragt sie nach der Befreiung eine Betreuerin. «Ich glaube, als die Abwaschmaschine gekommen ist», antwortet sie.

Emma und Werner machen sich noch immer Vorwürfe, dass sie Lina nicht früher helfen konnten. Balsam für ihre Seelen ist eine schriftliche Entschuldigung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), wie die Vormundschaftsbehörde seit Jahresbeginn 2013 heisst. Im roten Lina-Ordner, in dem Emma jahrzehntelang alle Notizen, Briefe und Postkarten abgeheftet hat, liegt der Entschuldigungsbrief zuoberst.

Als das ganze Ausmass der Misshandlungen und des Betrugs klar wurde, überlegte sich die Kesb, Strafklage gegen die Täterin einzureichen. Diese Bemühungen verliefen jedoch im Sand; auch deshalb, weil man der traumatisierten Lina einen Prozess ersparen wollte. Stattdessen hat man sich für eine pragmatische Lösung eingesetzt: Lina darf bis an ihr Lebensende und ohne finanzielle Sorgen in ihrem geliebten Wohnheim bleiben. Die Täterin wie auch ihr erster Gatte sind inzwischen gestorben. Der zweite Ehemann lebt noch, er war jedoch vielmehr Mitläufer als Täter.

Aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes sind alle Personen- und Ortsnamen (ausser Zürich und Wil) anonymisiert.

Buch: Tragisches Schicksal

Lina Zinggs unglaubliche Lebensgeschichte wurde von der Autorin und Journalistin Lisbeth Herger in aufwendiger Recherche- und Quellenarbeit rekonstruiert und in einen soziokulturellen Zusammenhang gestellt. Lisbeth Herger: Unter Vormundschaft. Das gestohlene Leben der Lina Zingg, Verlag Hier und Jetzt, 240 Seiten, ExLibris .

Illustration: Tina Berning/2agenten

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