18. Januar 2018

Lieblings-Reiseziel West-Cork

Irland ist der Sehnsuchtsort unserer Leserinnen und Leser. Vor allem der südwestlichste Zipfel der Insel begeistert Träumer, Geniesser, Naturfreunde und Liebhaber irischer Musik gleichermassen: Ein Zipfel Glückseligkeit.

An der zerklüfteten Toe Head Bay
An der zerklüfteten Toe Head Bay endet das liebliche Grün abrupt, und man schaut auf die Keltische See.

Wenn im Januar die Fluchtgedanken überhandnehmen, aber eine Reise an die Sonne nicht drin liegt, dann gibt es für mich nur eines: In Erinnerungen an einen wunderbaren Ort schwelgen und so dem Winterblues die Stirn bieten. Jetzt gerade fliehe ich geistig nach Irland, begebe mich auf eine Reise, die heute noch nachklingt.

Der Traum beginnt im Sky Garden auf dem Anwesen von Liss Ard Estate, dem luxuriösen Herrenhaus in georgianischem Stil in Skibbereen, westlich von Cork, im Süden Irlands. Ein grasgrüner, ovaler Wall umgibt mich, und darüber spannt sich ein fast wolkenloser Himmel. Es ist still, kein Vogelgezwitscher dringt in die überdimensionale Rasenschüssel.
Hier ist man mit sich alleine, kann auf dem «Steinaltar» Energie tanken und sich liegend in Gedanken verlieren. Was sich wohl der amerikanische Künstler James Turrell (74) dabei gedacht hat, als er dieses riesige Gartenkunstwerk entworfen hat? «Eigentlich», erklärt Timo Stern (30), Mitglied der Zürcher Besitzerfamilie des Anwesens, «sind noch mehr solcher Gartenwerke von James Turrell für Liss Ard skizziert worden, und wir hoffen, dass wir diese irgendwann realisieren können.»

Timo Stern ist Gastgeber in Liss Ard Estate
Timo Stern ist Gastgeber in Liss Ard Estate und versteht es, seine Gäste zu verwöhnen.

Der Gastgeber ist in Liss Ard am Ort seiner Sehnsucht angekommen. Schon als Kind hat er hier seine Ferien verbracht und ist durch den Garten gestrolcht.
Wer in einer der grosszügigen Suiten im Herrenhaus, in den ehemaligen Stallungen oder in der viktorianischen Lake Lodge nahe dem hauseigenen See wohnt, kann den Sky Garden zu jeder Tages- und Nachtzeit besuchen. Der Garten mit seinen riesigen Baumfarnen, den Rhododendren und dem alten Baumbestand lädt zum Spazieren ein und ein Ruderboot zum Schippern.

Vogelperspektive: James Turrells Sky Garden
Vogelperspektive: James Turrells Sky Garden in Liss Ard (Bild: Liss Ard Estate).

Krimi und Kontraste

Für Schweizer Besucher ist Liss Ard geradezu ein Stück Landesgeschichte – nur wissen die wenigsten davon. Das 121 Hektar grosse Gelände war einst im Besitz des Schweizers Albert Bachmann beziehungsweise einer seiner Tarnfirmen. Ebenso acht Häuser und das Pub Skibbereen Eagle im nahe gelegenen Ort Tragumna. Der Geheimdienstler, eine schillernde Figur, richtete Mitte der 1970er-Jahre mit dem als Hotelbetrieb getarnten Liss Ard eine Exilunterkunft für die Schweizer Regierung ein, sollte diese wegen kriegerischer oder atomarer Gefahren gezwungen sein, die Heimat zu verlassen.

Aber: Das alles war derart geheim, dass nicht einmal der Bundesrat davon wusste. Als die skurrile Geschichte, die durchaus an einen Agentenkrimi erinnert, doch ans Tageslicht kam, wurde Oberst Bachmann in Frühpension geschickt. Daraufhin übersiedelte er nach Union Hall in der Nähe von Skibbereen, wo er 2011 im Alter von 81 Jahren starb.

English Market im Herzen von Cork
Der English Market im Herzen von Cork ist für Gourmets und Köche ein wahrer Hotspot.

Doch zurück in die Gegenwart der sehnsuchtsbefrachteten Ecke Irlands. Der Südwesten hat es mir angetan. Vielleicht, weil dort die Kontraste am schönsten sind? Die liebliche Landschaft mit sanften Hügeln, Kühen, Schafen und Fuchsien endet überwältigend und sehr abrupt an den Klippen zum Nordatlantik. Je nach Wetter wirken die Kliffe völlig anders. Bei Sonnenschein sind sie fast idyllisch, denn die sattgrünen Wiesen lassen vergessen, dass bei Sturm die Wellen mit solcher Macht an die Klippen donnern, dass einem bange wird.
Manchmal findet die Landschaft aber auch ein sanftes Ende, wie in Tragumna am kleinen Strand, an dem bei Ebbe mit Muscheln bewachsene Felsen trockenen Fusses erreichbar sind. Wer mag, kann hier sein Badetuch ausbreiten und die Meeresluft geniessen.

Kurioses und Kulinarisches

Für mich sind all die Fischerorte an der Küste von West Cork kleine Genussorte, die in guter Erinnerung bleiben. Schull, Baltimore, Glandore und Castletownshend beispielsweise. Letzteres ist berühmt für die zwei Platanen, die wie ein Bollwerk mitten in der eher schmalen Hauptstrasse stehen. Alle, die mit dem Auto zum Hafen oder in Mary Ann’s Pub wollen, müssen um die Bäume kurven.

Natürlich wollen wir wissen, wie es zu einer solchen Verkehrsbehinderung kommen kann. Nun, so katholisch das Land ist, so abergläubisch sind dessen Bewohner! Angenommen, es hausen Feen in diesen Bäumen, dann ist es für einen Iren unmöglich, sie zu fällen. Aberglaube gehört hier ganz einfach zum Alltag. So hat auch jeder Ort eine heilige Quelle, von der man sich jeweils am 1. Februar, am Tag der heiligen Brigit, ein wenig Wasser holt und sich damit die Augen wäscht. Das soll sie gesund erhalten.

Essen im Mary Ann’s Pub
Ein Essen im Mary Ann’s Pub ist zwar nicht ganz günstig, aber die Meeresfrüchte sind fantastisch.

Alle diese Ortschaften haben auch einen Hafen, der je nach Gezeiten mehr oder weniger bis gar kein Wasser aufweist, und viele Pubs, in denen man die besten und frischesten Fish & Chips und Moules et Frites bekommt. Diese Ecke Irlands ist ja sowieso auch ihrer Kulinarik wegen bekannt und empfehlenswert, denn hier wird gern frisch und einfallsreich gekocht. Der Blick in die ironischerweise English Market genannte Markthalle in Cork offenbart die erlesenen Zutaten der Küche des Südwestens: Fische und Meeresfrüchte ohne Ende, aber auch feinstes irisches Rindfleisch und natürlich Gemüse. Auch in der Küche in Liss Ard versteht man sich vortrefflich auf kulinarische Verführungen, deren Rohstoffe aus der Gegend von West Cork und aus dem eigenen Garten stammen.

Entlang der Küste Südwestirlands treffen wir in wilden Gärten und abgelegenen Gegenden immer wieder auf Baumfarne, chilenische Riesenrhabarber, Rhododendren und wilde Fuchsien. Letztere leiten uns in leuchtendem Rot quasi den Weg zu einem der Höhepunkte für Romantiker: zum Drombeg Stone Circle, auch «Altar der Druiden» genannt. Sein Zweck soll es gewesen sein, anhand des Lichteinfalls die Wintersonnenwende präzise anzuzeigen. Dass die Sonne nicht wiederkehren könnte, war nämlich eine grosse Sorge der Menschen des Mittelalters.

Der Drombeg Stone Circle
Der Drombeg Stone Circle in der Nähe von Glandore lädt zum Träumen ein. (Bild: Getty Images)

Der gut erhaltene Steinkreis wurde in den 1950er-Jahren ausgegraben und ist heute einer der meistbesuchten Plätze der Megalithkultur Irlands. Er befindet sich in der Nähe von Glandore und ist frei zugänglich. Ausserhalb der Hochsaison kann man mit etwas Geduld stille Momente erwischen. Und so stehe ich zwischen den Menhiren, halte inne, lege die Hände auf den einzigen liegenden der 17 Steine und versuche, seine Energie zu spüren. Indes, es sind die Gedanken, die eine Reise in vergangene Zeiten unternehmen – die Hände empfinden «nur» die sonnengewärmte Oberfläche des Steins. Wie es wohl anderen ergeht?

Vielleicht lässt es sich abends im Pub in Erfahrung bringen? Denn zum stilechten Ausklang eines Tages in Irland gehören – in West Cork wie im ganzen Land – zwei Dinge: feiner Whiskey und Irish Folk in einem der Pubs. Glauben Sie mir, zu dieser lüpfigen Musik verfliegt jegliche Müdigkeit, und Sie werden garantiert später ins Hotel zurückkehren als angenommen. Irland ist eben mitreissend! 

Die Karte von Irland mit den Reisezielen im Südwesten
Die Karte von Irland mit den Reisezielen im Südwesten
Fuchsienhecken sind in Südwestirland weit verbreitet – als Windschutz und als Augenweide.

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