20. Juli 2017

Liebesbriefe unter der Lupe

Die Historikerin Christa Hämmerle aus Wien hat in Teamarbeit Tausende Liebesbriefe aus dem 19. und 20. Jahrhundert analysiert. Daraus entstanden ist ein Beitrag zur Geschichte der Gefühle und der Geschlechterverhältnisse.

Historikerin Christa Hämmerle
Liebesbrief – ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten? «Keineswegs», sagt die Historikerin Christa Hämmerle.
Lesezeit 6 Minuten

Christa Hämmerle, wie fühlt es sich an, persönliche Briefe von zwei Menschen zu lesen, die ihr Innerstes preisgeben?

Nicht alle Paarkorrespondenzen sind intim, manchmal geht es um sehr pragmatische Dinge: die Organisation des Haushalts, Kindererziehung, Finanzielles. Die jeweiligen Nachfahren haben uns ja alle diese Briefe überlassen mit dem Wunsch, dass sie aus­gewertet und der Geschichtswissenschaft zur Verfügung gestellt werden.

Was haben die Briefe über die Zeitspanne von 1870 bis 1970 gemeinsam?

Bis zu den 1970er-Jahren war die Ehe der zentrale Fixpunkt, auf den legitime, gesellschaftlich nicht versteckte Liebesbeziehungen hinauslaufen sollten. Das änderte sich erst im Zuge der Frauen- und Studentenbewegung.

Welche Funktion erfüllten Briefe im 19. Jahrhundert?

Da zeigt sich, dass im Bürgertum die Verlobungskorrespondenz für die Anbahnung einer Ehe ungemein bedeutsam war. Es gehörte zum guten Ton, sich auch korrespondierend in die Ehe zu bringen. Diese Briefwechsel verfolgten auch das Ziel, die Beziehung zu verhandeln. Viele Beispiele zeigen, wie Männer versuchten, ihre künftige Braut nach ihren Vorstellungen zu formen. Zum Beispiel hat das auch Theodor Storm mit seiner Konstanze Esmarch gemacht.

Was haben Frauen verhandelt?

Auch die Frauen beschrieben ihre Vorstellungen von der Zukunft und der Ehe. Zum Teil deckten sich diese mit denjenigen ihrer Verlobten oder den Normen, wie eine gute Ehe- und Hausfrau zu sein hatte. Zum Teil sind sie aber durchaus eigenständig. Im Briefwechsel ­eines Künstlerpaars um 1900 macht die Frau unmissverständlich klar, dass sie auch nach der Ehe als Künstlerin arbeiten werde. Die Bandbreite an Möglichkeiten war schon damals gross. Und schon 30 Jahre vorher sagt eine im Haushalt ihrer Verwandten arbeitende junge Frau ihrem bürgerlichen Verehrer in einem Brief ziemlich genau, was sie von ihm erwartet. Nämlich, dass er nicht mehr so viel durch die Wirtshäuser ziehen soll. Er ist voller Schwärmerei, schreibt schwülstig. Sie ist eher zurückhaltend, will ihn zur Räson bringen und die Ehe Schritt für Schritt angehen.

Die beiden gehörten unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten an?

Sein Vater war zuerst nicht für diese Ehe, aber nach einer gewissen Zeit gab er dem Paar dennoch seinen Segen – was eine Voraussetzung war: Bis weit ins 20. Jahrhundert versuchten Paare, Eltern und Verwandte in ihre Partnerwahl einzubeziehen.

Christa Hämmerle
Christa Hämmerle erläutert den Briefwechsel eines Liebespaars aus dem 19. Jahrhundert: «Er ist voller Schwärmerei, sie ist zurückhaltend.»

Drücken sich Männer und Frauen anders aus?

Im 19. Jahrhundert schrieben Frauen oft pragmatischer. Für sie war eine Ehe fast die einzige Möglichkeit, eine gesicherte Existenz zu erlangen, wenn sie nicht als alte Jungfer oder Gouvernante enden wollten. Die Orientierung Richtung Ehe war auch eine Pragmatikder Frauen, während Männerschwärmen durften.

Und mussten?

Genau. Das war auch die Erwartungshaltung den Männern gegenüber. Zwei Briefbestände aus den 1870er-Jahren zeigen, dass die Briefe bürgerlicher Männer viel gefühlsbetonter und romantischer waren als die der Frauen. Das hat natürlich auch mit der unterschiedlichen Bildung zu tun. Den Frauen stand zu dieser Zeit bloss die Primarschule oder eine private Ausbildung offen, ein Studium war ausgeschlossen.

Wie frei konnten Liebende ihre Gedanken auf Papier äussern?

Sie waren schon sehr durch gesellschaftliche Konventionen eingeschränkt, und Anleitungsliteratur gab vor, wie man einen guten Liebesbrief schreibt. Die Kosenamen, oft der Beziehungsgeschichte entnommen, waren aber teilweise schon sehr kreativ: Da war die oder der Liebste das Schlampampchen, das Burschi oder der Bösewicht.

Welche Bedeutung hatten Liebesbriefe während der beiden Weltkriege?

Millionen von Liebespaaren ­waren getrennt, oft über lange Jahre. Sie waren auf das Briefeschreiben angewiesen, um überhaupt Kontakt zu haben. Aus der Zeit der Weltkriege sind auch Paarkorrespondenzen aus dem bäuerlichen Milieu erhalten. Schon der Erste Weltkrieg hat die Schreibkompetenz dieser Menschen gestärkt, weil sie plötzlich schreiben mussten.

Was haben Sie über Liebe in Zeiten des Krieges erfahren?

Das Modell der romantischen Liebe spielt in Zeiten des Krieges eine besondere Rolle. Angesichts der Trennung, der Situation der Angst umeinander, kommt der Liebe eine noch grössere Bedeutung als in Friedenszeiten zu. Man lebt nicht zusammen, der Alltag fällt weg. Dadurch ist die Tendenz, den anderen zu verklären und die Zukunft rosig aus­zumalen, oft sehr stark.

Wie bricht der Krieg in die Korrespondenz ein?

Soldaten schreiben oft beschönigend und heroisierend über das Kriegsgeschehen. Sie betonen ihre soldatische Männlichkeit und dass sie durchhalten müssen. Ob sie das schrieben, weil sie ­daran glaubten oder wegen der Zensur, ist sekundär. Es macht auf jeden Fall etwas mit der Adressatin. Worte entfalten eine mächtige Wirkung. Der Feldpostbrief ist auch instrumentalisiert worden, um den Kampfeswillen der Soldaten zu stärken.

Wie das?

Die Kriegsgesellschaft veröffentlichte Feldpostadressen in Zeitschriften. Junge Frauen wurden aufgefordert, ungebundenen Sol­daten zu schreiben und ihnen Liebesgaben zu schicken. Die Soldaten sollten spüren, dass man in der Heimat an sie denkt. Die Frauen stützten die kämpfenden Soldaten. Wie der Staat das romantische Liebesmodell zum Zweck der Kriegsführung missbrauchte, ist erschreckend.

Haben die Frauen fleissig ­geschrieben?

Wir haben Bestände, in denen junge Frauen zuerst mit fünf Soldaten korrespondierten. ­Ihnen Zigaretten schickten und sich irgendwann für eine Liebesbeziehung mit einem von ihnen entschieden. Im folgenden Briefwechsel entwarfen sie ihren Paarkosmos und bauten so eine Liebesbeziehung auf.

Welche Geschichte hat sie ­besonders bewegt?

Ich denke an einen Sanitäter, der im Zweiten Weltkrieg vor­übergehend in Wien stationiert war. Dort lernte er eine Frau kennen, sie verliebten und verlobten sich. Dann wurde er an die Ostfront geschickt. Sie ­haben ausgemacht, dass sie eine Stunde am Tag ganz intensiv aneinander denken. In ­dieser Stunde verfasste er ­immer wieder Liebesbriefe, in der Hoffnung, dass sie so weiter zusammenwachsen, er eines Tages zurückkommen und sie dann heiraten würden. Er landete dann aber für Jahre in Kriegsgefangenschaft. Als er endlich freikam, funktionierte die Beziehung nicht, und die Verlobung wurde aufgelöst.

Welche Bedeutung hatten ­Pakete?

Eine unschöne. Viele Soldaten haben Beuteware nach Hause geschickt. Sie wollten damit ­ihren Familien helfen, haben aber mit diesen vermeintlich unschuldigen Gesten der Liebe am nationalsozialistischen Krieg, der gewaltsamen Besetzung von vielen europäischen Ländern partizipiert. Liebe kann in Zeiten des Krieges nicht unschuldig sein.

Die 68er-Bewegung brach mit allen Konventionen. Was lässt sich an den Liebesbriefen dieser Zeit ablesen?

Ab den 1960er-Jahren wird der Liebesbrief immer mehr zur Bühne für das eigene Ich. Beziehungen werden viel offener, Frauen und Männer suchen nach neuen Rollen. In Briefen wird die Frage debattiert, wie ein Paar eine Beziehung zwischen zwei Gleichen bilden kann. Es geht um Beziehungsformen, die nicht in die Ehe führen. Man grenzt sich ab vom Leben in der kleinbürgerlichen Familie, das die Eltern gewählt hatten. Ab den 1970er-Jahren wird auch Sexualität offen thematisiert. Über Erotik wurde zuvor meist nur in Metaphern geschrieben.

Ist die romantische Liebe noch präsent?

Es gibt eine grosse kritische Gegenbewegung zur romantischen Liebe, der Exklusivität einer Liebe, die in die Ehe führt. Für die Vertreterinnen der Frauenbewegung begibt sich die Frau mit einer Ehe in die Abhängigkeit vom Mann und in gesellschaftlich beengende Konventionen.

Werden wir weiterhin Liebesbriefe schreiben?

Obwohl wir heutzutage über ganz andere Kanäle kommunizieren, bleibt das Bedürfnis,über Liebe zu schreiben – wenn auch in reduzierter Form und in einem anderen Rhythmus. Auf Partnerbörsen im Internet zum Beispiel erlebt der Liebesbrief in Kurzform eine richtige Renaissance.

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