13. Februar 2019

Liebesbriefe gestern und heute

Selten ist der Mensch so fantasievoll wie wenn er Liebesbotschaften verfasst. Die Germanistin Eva Lia Wyss weiss, was sich Liebende und Leidende schreiben, simsen und mailen.

Bedürfnis, ihre Gefühle in Worte zu fassen
Liebesbotschaften: Schon immer hatten Liebende das Bedürfnis, ihre Gefühle in Worte zu fassen. (Bild: Pixabay)
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Wie wärs mit uns?», schreibt Melanie* an Patrick*, «ich weis, dass wir nicht zusammenpassen, aber eine liebe wird nicht am zusammenpassen des aussehen gemessen, sondern an zusammen passen der Liebe und des Herzens.» Mitten in den Satz malt sie ein Herz. Entstanden ist das Brieflein in den 1990er-Jahren. Melanie ist etwa zwölf Jahre alt, der Angeschwärmte auch. Nach dem forschen Einstieg erklärt sie Patrick die Sachlage: «Du weist das wir dich alle gleich fest lieben Jennifer liebt dich von Herzen Ruth liebt dich von Herzen und Isabelle liebt dich von Herzen.» Ungeachtet der vielen Herzen fordert sie Patrick dann ganz unzimperlich auf, sich für eins der Mädchen zu entscheiden, und schliesst mit den Worten: «Nicht vergessen auf diesem Stück Papier sind tausend Gefühle.»

Dieses Liebeselaborat lagert mitsamt seinen charmanten kleinen Fehlern im Liebesbriefarchiv an der Uni Koblenz, zusammen mit über 21 000 anderen Botschaften voller Liebe, Leiden und Lust. Es sind handgeschriebene Briefe aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert, E-Mails, Postkarten, Notizzettel, Zeichnungen, SMS und Whatsapp-Nachrichten.

Von Mannli und Schnubbel

Zusammengetragen hat das alles ein Team um Eva Lia Wyss aus Zürich. Die Germanistin begann vor 20 Jahren Liebesbriefe von Privatpersonen zu sammeln und gründete das Liebesbriefarchiv an der Uni Zürich. Heute befindet sich die Sammlung in der Uni Koblenz. Gelesen hat die Wissenschaftlerin nicht alle Briefe, aber genügend, um die Entwicklung der Liebesnachrichten von schnörkelschriftlichen Schwurbeleien bis zu schnöden elektronischen Kurznachrichten nachzeichnen zu können. «Der Wunsch, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ist enorm und war es schon immer», sagt Wyss.

Freilich ist es nicht einfach, Gefühle in Worte zu fassen, was zuweilen für amüsante Unschärfen sorgt, wie etwa bei dem 15-jährigen Dani*, der schreibt: «Seit ich Dir im März beim Rollschuhfahren begegnete, stimmt etwas nicht mehr mit mir.» Derweil ein Pöstler die Angehimmelte nach seinem Liebesgeständnis politisch überkorrekt bittet: «In dem Falle, dass sich bei Ihnen die gleichen Gefühle bemerkbar machen sollten, wären Sie so freundlich und täten Sie mir berichten ...».
Andere wiederum sind vor lauter Sturm und Drang nahezu unfähig, klare Worte zu finden. Bei einem gewissen Päde* führt das zu den Zeilen: «Ich bin so bliblabla, so oingboing guli, so ritschrätschtätsch verliebt i Dich!» So wird geschmachtet, geworben und gebuhlt, aber manchmal auch analysiert: «Nach meiner graphologischen Untersuchung hast Du den Brief entweder diktiert oder mit der Maschine kopieren lassen», schreibt Rudolf* aus Zürich im März 1928.

Und dann die Kosenamen. In Schweizer Briefen wimmelt es nur so von Müsli, Bärli und Schatzli, es werden Küssli verteilt und Föteli versandt. Es schreiben sich Mannli, Schnubbel und Schnügge, Chrälleli und Öpfelbaum. 1930 allerdings unterschreibt ein Herr die Briefe an seinen «Tiger» Lisl mit «Dein Spitz», was für die damalige Zeit schon ziemlich frech war. In alten Briefen ist die Wortwahl meist bis an die Schmerzgrenze anständig («Herzlichen Gruss und Kuss von Deinem Rudolf», 1904) – selbst wenn sich die Schreibenden vor Liebe verzehren.

Der Grund: Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts lasen oft die Eltern mit. «Das war in bürgerlichen Kreisen ganz normal», erklärt Eva Lia Wyss, «diese Briefe waren nicht in unserem Sinne privat.» Vielmehr entnahmen die Eltern solchen Nachrichten wichtige Informationen über die Liebenden: Hat der Schwiegersohn in spe genügend Geld?
Ist die Braut wirklich so gut erzogen, wie man sich erzählt? «Brautbriefe» nannte man diese Schreiben. «Sie wurden in der Familie vorgelesen», so die Sprachwissenschaftlerin. Das erklärt, warum nicht selten am Ende stand «viele Grüsse an die Frau Mama».

Zeitgeist und Geschichte sind in vielen der Liebesbriefe spürbar, selbst wenn man sie gedruckt liest, wie in Eva Lia Wyss’ Buch «Leidenschaftlich eingeschrieben». Darin präsentiert die Autorin einen Auszug aus ihrer Sammlung. Hier findet sich auch die Korrespondenz zwischen Soldaten und ihren Strohwitwen. Zu Kriegszeiten ging es oft um praktische Dinge wie den Bauernhof, das Geld, das Soldbuch, die Gesundheit der Eltern oder des Viehs.

Liebe in Zeiten des Hashtags

Hat man früher mehr geschrieben als heute? Eher umgekehrt, sagt Eva Lia Wyss, «schreiben können heute alle, früher beherrschte es nur die gebildete Schicht». Und das Bedürfnis, die Liebe in Worte zu fassen, ist ungebrochen. In ihrem neuen Buch «vermiss dich krass my love» befasst sich die Germanistin deshalb mit der jüngsten Generation von Liebesbotschaften – getippt auf dem Smartphone, verbreitet via Facebook, Whatsapp oder SMS.  Herzen – gebrochen oder pochend – werden inflationär eingesetzt, jetzt, da man sie nicht mehr von Hand hinmalen muss. Es kommen Smileys hinzu und unzählige weitere Emojis. Das Körperliche wird nun explizit beschrieben oder gleich im Foto gezeigt.
Aber an einem Punkt klingen Liebende von heute und damals ähnlich: wenn sich Herzschmerz einstellt. «Die Welt fällt zusammen, alles fällt zusammen», klagt eine gewisse Dora* im Jahr 1960. Diese Worte könnten genauso gut in einer Whatsapp-Nachricht von heute stehen. Gefolgt von zehn weinenden Smileys natürlich. 

*alle Namen geändert

Bücher von Eva Lia Wyss
«Leidenschaftlich eingeschrieben», Nagel & Kimche, 2006
«vermiss dich krass my love», Orell Füssli, 2017, bei exlibris.ch


EVA LIA WYSS ANALYSIERT LIEBESBRIEFE

Er siezt und küsst

1931: Der Herr aus Bern sucht Kontakt zum Fräulein aus Zürich. Letzteres ist aber eine moderne «Neue Frau».

«Peter* kommt aus Bern und hat das angeschriebene Fräulein in Zürich beim Tanzen kennengelernt. Wahrscheinlich haben sie geflirtet,er macht sich jetzt Hoffnungen auf ein Wiedersehen.

Das Fräulein ist eine gebildete junge Frau, eine Studentin, und sie führt ein Bohème-Leben. Sie hat in dieser Zeit 17 Liebhaber, die ihr teilweise gleichzeitig schreiben. Das ist recht typisch für junge Frauen in der Zwischenkriegszeit. Sie kommt aus vermögenden Kreisen, ist viel gereist und das, was man zu dieser Zeit eine «Neue Frau» nennt.

Peter – ein wenig älter als sie – hat in Zürich wohl seine Adresse hinterlassen und daraufhin vom «Fräulein» ein Brieflein erhalten, ein Zetteli mit ein paar Zeilen, mehr wohl nicht. Ihn ermutigt das aber sehr, ihr zu schreiben. Er verfasst einen strategischen Brief in einer ehrfürchtigen Art, um das Fräulein nicht zu verärgern. Die beiden waren noch nicht intim, das zeigt sich darin, dass er sie siezt. Seine Intention wird aber durch den Kuss am Ende klar: Er will mehr als flirten.

In den 30er-Jahren hatten nur wenige Menschen ein Telefon, es gab nicht viele Möglichkeiten, mit jemandem Kontakt aufzunehmen. Und Zürich-Bern war eine kleine Weltreise. Das Fräulein hat später gut geheiratet, also in eine wohlhabende Familie. Was aus ihr und Peter geworden ist, ist nicht mehr zu eruieren.»

Die Emanzipierte

1997:Peppige Sprache auf Augenhöhe

«Anna* und Markus* haben sich beim Online-Dating kennengelernt. Er ist Werber aus der Schweiz, sie studiert in Frankfurt. Hier zeigt sich, wie locker und selbstverständlich Schreiben in den späten 90ern geworden ist. In dieser Mail ist viel Pepp drin. Anna kennt sich aus im Gefühlsjargon. Und sie schreibt auf Augenhöhe: Da ist keine Unterwürfigkeit oder Schonung. Sie schreibt, was ihr gerade einfällt, und  kann sich erlauben, auch Negatives zur Sprache zu bringen, denn sie ist nicht zuständig für die positive Emotionalität in der Beziehung, wie es für Frauen lange Zeit üblich war.

Das Verhältnis mit Markus ist sehr intim. Das verrät die Unterschrift ‹Annymaus*› Mit dem witzigen Goethe-Zitat demonstriert sie ihre Bildung, nimmt dies mit der Frage ‹Was romantisches?› aber auch gleich auf den Arm – typisch für die postmoderne Ambivalenz einer gebildeten jungen Frau.»

Die Dramen hinter den Herzli

2018:WhatApps sind oft mit Emojis verziert. Deren Einsatz ist nicht ganz ohne.

«E-Mails, Whatsapp, Telefonate: Der parallele Kommunikationsstrom hat sich nun etabliert. Das hat mit den E-Mails angefangen, wir wurden offener für die andauernde Zugänglichkeit. Auf Whatsapp schreiben wir nun spontan oder in fortgesetzten, ewig scheinenden Konversationen. Wir hüpfen in ein Gespräch rein und wieder raus, manchmal setzen wir nur winzige Signale ab. Die Kontaktbereitschaft ist bei vielen Menschen dauerhaft da.

Einigen ist das zu viel. Sie finden es anstrengend und haben auch nicht immer Zeit, um Nachrichten auszutauschen. Deshalb werden bisweilen Absprachen getroffen: Wer ist wann verfügbar und gesprächsbereit? Wer muss sich von Zeit zu Zeit von der Unterhaltung abmelden?

Die Sache mit den Emojis ist nicht ganz ohne. Sie sind nicht so harmlos, wie sie scheinen. Wenn mal nur neun Herzen kommen statt der üblichen zehn, macht sich der Empfänger möglicherweise sofort Sorgen und fürchtet, es stehe schlecht um die Beziehung. Oder kommt eine Gutenachtnachricht ganz ohne das übliche Herz, kann das durchaus zu Diskussionen führen.»

Eva Lia Wyss (57) ist Dozentin für Sprachwissenschaft an der Uni Koblenz. Sie hat zwei Kinder und lebt in Zürich.

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