30. April 2018

Liebes Instagram

Manchmal liebe ich dich, manchmal nicht. Fakt ist: Das Leben ohne dich wär schampar trost- und filterlos.

Person fotografiert mit Handy ein Menu
Teilen oder nicht? (Bild: Igor Miske via unsplash.com)
Lesezeit 3 Minuten

In meinem Artikel «Handy weg» habe ich kürzlich einen friendly Reminder an mich selbst verfasst – dass ich doch bitte etwas mehr off- statt online wäre. Mit täglich 15 Minuten weniger Handykonsum würden mir pro Jahr 5475 Minuten, sprich 91,25 Stunden mehr für anderes zur Verfügung stehen. Wieviel ich seither tatsächlich gespart habe? Ich weiss es nicht.

Die App, die ich nebst Whatsapp am meisten benütze, ist ganz klar Instagram. (Die drei wichtigsten Sachen, die ihr übrigens über die neuen Datenschutzrichtlinien wissen müsst, hat Bento easy peasy, für alle verständlich, zusammengefasst.)
Ja und mit diesem Instagram ist das so eine Sache. Ich hinterfrage keine meiner Tätigkeiten so oft wie den Umgang mit der Foto-App. Da sitze ich gemütlich mit Freunden im Restaurant, wir bestellen Pasta. Und Wein. Das Essen kommt, und diese Pasta, ach diese Pasta, sieht einfach sooo schön aus. Der darüber gehobelte, weisse Trüffel, der Parmesan, der Teller, die Form und Verteilung der groben Pfefferkörner – tutti quanti: perfetto. Ich greife zum Handy.

Online-Me: Diesen Moment muss ich doch festhalten und mit vielen Menschen teilen.

Offline-Me: Nein, jetzt lass das Handy und geniess es.

Online-Me: Aber diese Farben!

Offline-Me: Iss jetzt!

Online-Me: Aarrrghhhhh, nur schnell. Und für eine Story hats immer noch gereicht. Zagg! Foto gemacht. Filter «Buenos Aires», check. Hashtag #Pastalove, check. Nur noch die Location taggen, check. Finito.

Journalistin Jocelyn de Kwant hat letztens in einem Bericht im «Flow Magazin» Ähnliches beschrieben. Als ihre beiden Kinder im Auto ausgelassen zu einem Radiosong mitsingen, greift sie zum Handy und beginnt zu filmen. «Diese Situation macht mich nachdenklich. Woran liegt es nur, dass ich in einem solchen Augenblick sofort nach meiner Kamera greife? Natürlich geht es mir auch darum, einen schönen Moment festzuhalten, und deshalb fotografiere oder filme ich. Aber in dieser Situation wollte ich vor allem eins: teilen, was ich mit meinen Kindern erlebt habe.»

De Kwant zitiert Medienpsychologe Mischa Coster, der erklärt das Verhalten so: «Die meisten Leute teilen Videos und Fotos, weil sie schöne Momente wirklich gern auch anderen nahebringen wollen. Im Hintergrund laufen jedoch verschiedene Prozesse ab, die ebenfalls eine Rolle spielen, etwa das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung und der Wunsch nach Bestätigung. Häufig geschieht das unbewusst, aber es beeinflusst uns.»

Habe ich also unbewusst gehofft, dass möglichst viele Leute auf meine Pastastory reagieren? No Plan. Ich habe eher das Gefühl, das Motto beim Posten meiner Storys ist: Sharing is Caring. Ich teile gern gluschtige, schöne und feine Entdeckungen mit meinen Instagram-Freunden. Kürzlich ist bei mir ums Eck ein Kaffee-Take-away aufgegangen. Sehr unscheinbar, leicht zu übersehen. Das Foto vom fast perfekten Flat White hat am selben Tag noch zwei Leute dazu bewegt, dort vorbeizuschauen. Zwei, die sonst ziemlich sicher daran vorbeigegangen wären - ohne fast perfekten Flat White. Daher finde ich: Teilen, wenns gerade passt, einfach alles im bestimmten Mass. Wie so alles im Leben halt.

Zum Schluss stelle ich euch gern noch drei tolle Illustratoren vor, denen ich ohne Instagram nie begegnet wäre:

Quarter Life Poetry

Ketnipz

Kati Rickenbach

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Himmeltraurig schön

Besen

Denke an Kartoffelbrei!

Informationen zum Author

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Wenn Vater «männixte»

Zug

Augen zu und durch

Informationen zum Author