18. Juli 2017

Lieber hundert Mal zu viel anrufen

Der Berner Kriminalist Thomas Sollberger über ungeklärte Kindsentführungen, Panikmache und ein Verbot, das Eltern ihren Kindern auf den Weg geben müssen.

Thomas Sollberger, Kantonspolizei Bern
Thomas Sollberger (49) ist Leiter der Kriminalabteilung der Kantonspolizei Bern, bei der die Koordinationsstelle «Gewaltverbrechen an Kindern» angesiedelt ist. Sie koordiniert interkantonale Ermittlungen im Falle einer Kindsentführung.
Lesezeit 2 Minuten

Die Koordinationsstelle Gewaltverbrechen an Kindern wurde 1982 als Soko-Rebecca geschaffen. Damals verschwand die achtjährige Rebecca Bieri. Gelangen auch heute noch Hinweise zu diesem Fall an Sie?

Wir erhalten immer wieder Hinweise zu älteren Fällen oder Anfragen, auch aus dem Ausland. Letztes Jahr kamen deutsche Kollegen auf uns zu, die Kinderkleider gefunden hatten, die in Bezug zu einem alten Delikt in der Schweiz hätten stehen können. Das war dann aber nicht der Fall.

Wie wahrscheinlich ist es, dass diese ungeklärten Fälle gelöst werden?

Je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher wird das. Es gibt aber immer wieder lang zurückliegende Delikte, die man kriminalpolizeilich doch klären kann. Weil sich beispielsweise Zeugen melden, neue Hinweise dazukommen oder Täter aussagen

Manche Experten denken, ein Täter könnte sich eines Tages doch noch stellen, um reinen Tisch zu machen.

Auch das ist in meinen Augen spekulativ. Ich denke, je länger eine Tat zurückliegt, desto mehr verdrängt ein Täter sie. Wir haben immer wieder mit Gewalttätern zu tun, die Delikte verdrängen.

Könnten diese Fälle mit einer DNA-Analyse heute gelöst werden?

Voraussetzung wäre, dass der Täter Spuren hinterlassen hat. Ob dies ­jeweils der Fall war, bleibt offen. Zugleich müsste der Täter in einer Datenbank erfasst sein. Ob man die Fälle mittels einer DNA-Analyse hätte ­lösen können, lässt sich rückblickend nicht sagen. Tatsache ist, dass die DNA – neben Fingerabdrücken und Schuhspuren, deren Auswertung wir schon länger kennen – wesentlich zu Ermittlungserfolgen beitragen kann.

Wie wahrscheinlich ist eine Kindsentführung heute?

Das lässt sich so nicht sagen. Die Kapo Bern ist immer wieder mit Fällen konfrontiert, in denen ein Elternteil in einem Scheidungsverfahren mit den Kindern abtaucht. Dass irgendwo ein Unbekannter auf ein Kind lauert und es entführt, passiert zum Glück äusserst selten.

Wie können Eltern ihre Kinder am besten sensibilisieren?

Genau so, wie Eltern ihre Kinder auf den Strassenverkehr vorbereiten, sollten sie ihnen kindgerecht vermitteln, dass sie nie zu Fremden in ein Auto steigen oder mit ihnen mitgehen dürfen. Panikmache bringt nichts.

Angenommen, Eltern warten zu Hause vergeblich auf ihr Kind. Wie schnell sollten sie die Polizei rufen?

Es gilt, den Gesamtkontext abzuwägen. Eltern kennen ihr Kind und wissen, ob es sich gern ablenken lässt und auf dem Heimweg trödelt oder ob es stets pünktlich zu Hause ist. Im ersten Fall ist eine Verspätung bestimmt kein Grund zur Sorge, im zweiten Fall ist sie vielleicht anders zu beurteilen. Grundsätzlich kann man die Polizei über die Nummer 117 immer anrufen, oder den allgemeinen Notruf 112. Lieber ein Mal, zehn Mal oder hundert Mal zu viel anrufen – als ein Mal zu wenig.

Benutzer-Kommentare

Mehr zum Thema

Ylenia