07. September 2017

Licht- und Schattenseiten der Reformation

Der Zürcher Theologe und Zwingli-Experte Peter Opitz weiss alles über die Reformation, die vor 500 Jahren begann. Ein Gespräch über Doppelmoral, Luthers Intoleranz, magische Praktiken und die Zukunft des christlichen Glaubens.

Peter Opitz
Der Zürcher Theologe Peter Opitz beschäftigt sich gerne mit richtig alten Büchern.
Lesezeit 10 Minuten

Peter Opitz, was wäre heute hier bei uns anders, wenn es die Reformation nicht gegeben hätte?

Sie war ein wichtiger Impuls für unsere geschichtliche Entwicklung, aber natürlich lässt sich nicht abschätzen, was stattdessen passiert wäre. Würden wir jedoch gesellschaftlich noch so leben wie im späten Mittelalter, wäre die katholische Kirche die einzige religiöse Instanz, die den Zugang zum Heil ermöglicht. Sie hätte grossen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einfluss, könnte sogar Gefängnisstrafen verhängen.

Oft heisst es, die Reformation sei die Grundlage für unsere heutige liberale Gesellschaft. In Geschichtsbüchern steht aber auch, dass in den reformierten Gebieten eine strenge öffentlichen Moral herrschte, während in den katholischen volkstümliche Belustigungen geduldet blieben. So frei klingt das nicht.

Die Reformation war zwar ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die moderne Gesellschaft, man sollte diesen Aspekt aber auch nicht überbewerten, was bei den aktuellen Feiern tendenziell geschieht. Im Herzen der Reformation steckte die religiöse Frage nach dem Verhältnis zu Gott. Sie kam auf, weil immer mehr Menschen der Ansicht waren, es laufe in der katholischen Kirche diesbezüglich einiges falsch.

Was denn?

Man zweifelte an der Lehre, dass der Papst Stellvertreter Gottes auf Erden ist und bestimmen konnte, was es brauchte, um das Heil zu erlangen. Der Ablasshandel, mit dem man sich von der Leidenszeit im Fegefeuer freikaufen konnte, war eine extreme Form davon. Die Reformation war also zunächst eine religiöse Befreiungsbewegung. Man las die Bibel neu und entdeckte ihre ursprüng­liche Botschaft wieder – eine be­freiende und fröhliche Botschaft, die unabhängig von den Instanzen der Kirche stark war. Die Reformation war aber auch aus weltlicher Perspektive attraktiv: So konnte man sich vom rechtlichen und finanziellen Joch der Kirche befreien, deshalb entschieden sich viele Dörfer und Städte für einen Wechsel.

Wurde darüber abgestimmt?

Ja, anders als in den deutschen Fürstentümern, wo über die Köpfe der Leute hinweg entschieden wurde, konnten die Menschen hier bereits mitreden. Und viele waren froh, Abgaben und Bischöfe loszuwerden, und wollten ihren Pfarrer selbst wählen.

Und die strenge Moral bei den Reformierten und der Spass bei den Katholiken?

Das ist ein Klischee, an dem vieles schief ist. Natürlich musste sich früher der Einzelne stärker in die Gemeinschaft und ihre Regeln einfügen als heute, und die Strafen waren hart. Aber schon immer war man sich einig, dass man etwa Prostitution, Alkoholismus und Geldspielsucht bekämpfen sollte. Das Problem war nur, dass zwar moralische Regeln galten, man sich in der Praxis aber nicht daran gehalten hat. Zwingli schrieb sogar einmal, er habe versucht, im Kloster Einsiedeln nach Vorschrift zölibatär zu leben. Dies sei jedoch daran gescheitert, dass er niemand anderen gefunden habe, der dabei mitmachen wollte. (lacht) Und die damalige katholische Kirche hat solches Verhalten noch gefördert: Man konnte sündigen, und mit etwas Geld war alles wieder gut. So hatten etwa trotz Zölibat viele Priester Kinder, die sie dem Bischof melden und ihm dafür jährlich einen bestimmten Betrag abliefern mussten. Dafür vergab er ihnen und finanzierte so seinen Bischofssitz. Das Schicksal der mittellosen Mütter interessierte niemanden. Diese Form von Korruption und Doppelmoral war den Reformatoren ein Dorn im Auge. Und so versuchten sie, diese Moralvorstellungen auch tatsächlich durchzusetzen.

Es gibt Kritiker, die in der Reformation den Auslöser für die heutige grosse Werteverwirrung sehen. Sie öffnete quasi die Büchse der Pandora, die es jedem erlaubt zu glauben, was er will.

Da ist etwas dran, die Frage ist nur, was die Alternative wäre. Wer in der Schweiz will heute ernsthaft, dass ihm ein Papst oder sonst jemand vorschreibt, was er glauben und wie er leben soll? Hinzu kommt, dass es schon vor der Reformation keine einheitliche Interpretation des christlichen Glaubens gab. Es wurde immer schon gestritten.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Verbindung von politischer und religiöser Macht, die in den verheerenden Dreissigjährigen Krieg mündete, der ja auch ein Religionskrieg war.

Dass Könige, Fürsten und Stadträte nun auch für die Religion zuständig wurden, war tatsächlich eine Folge der Reformation. Wer sonst hätte die religiöse Neuausrichtung durchsetzen können, wenn nicht die weltlichen Instanzen? Das führte auch dazu, dass die Politik die Religion gerne instrumentalisierte. Auf dem Weg in den Krieg wurde schon religiös argumentiert, aber eigentlich ging es oft um weltliche Macht. Im Dreissigjährigen Krieg spielte Religion eine wichtige Rolle, auch hier ging es aber letztlich um politische Macht und Herrschaft.

Klicke hier, um die Infografik herunterzuladen und vergrössert anzuzeigen.

Vor 500 Jahren ging es los. Was gibt es denn aus heutiger Perspektive zu feiern?

Das frage ich mich manchmal auch. In früheren Jahrhunderten wurden Reformationsfeiern oft politisch missbraucht, in Deutschland wurde mit dem Gedenken an Luther Kaiser- und später Hitlerkult betrieben. Heute verbinden die Politiker die Reformation mit Freiheit und Pluralität, weil das in ihr aktuelles Konzept passt – den Rest ignorieren sie. Die Kirche wiederum nutzt das Jubiläum, um daran zu erinnern, dass es sie noch gibt. Das ist ein Stück weit auch legitim. Als Historiker freut es mich, wenn sich dank der Feiern ein paar Menschen mehr für Geschichte interessieren als üblich: Geschichte prägt die Gegenwart, und es wäre wichtig, über unsere eigene Geschichte Bescheid zu wissen. Allerdings müsste man sich schon ernsthaft mit ihr befassen, mit ihren Licht- und Schattenseiten. Für teure Events mit Knalleffekt und wenig Inhalt müsste man von mir aus kein Geld ausgeben.

Auf den Punkt gebracht: Was waren die Lichtseiten der Reformation?

Nach 1500 Jahren besann man sich im Christentum zurück auf den Kern der Botschaft, der immer wieder verunstaltet worden war: dass Gott kein unbarmherziger Richter ist, wie dies das mittelalterliche Portal des Berner Münsters verkündet, sondern sich die Not der Menschen zu Herzen gehen lässt; dass die Welt trotz Krankheit, Unrecht und Gewalt nicht von Gott verlassen ist, dass der Tod nicht über das Leben siegt und der Mörder nicht ewig über sein Opfer. Für mich ist das das Wichtigste an der Reformation. Sie gab aber auch Impulse für mehr Freiheit in der Gesellschaft und hatte einen Anteil an der Entwicklung der Demokratie, wie wir sie heute kennen. Die US-Verfassung hat zum Beispiel starke Wurzeln im protestantischen Glauben. Die Reformation löste auch einen Bildungsschub aus, sie ermutigte zur Erforschung der Welt und legte damit einen Grundstein für die Naturwissenschaften. Der Zürcher Stadtarzt und berühmte Naturforscher Konrad Gessner etwa wurde von Zwingli gefördert.

Was ist mit Max Webers berühmter These, dass dank der protestantischen Ethik die Wirtschaft so richtig in Schwung kam?

Vieles an seiner These ist längst widerlegt, aber es bleibt ein Kern, der etwas für sich hat. Im Zentrum des reformierten Glaubens steht der Gedanke, dass Gott uns seine Gnade geschenkt hat und uns nun in die Welt schickt, als christliche Menschen zu leben. Reformierte müssen ihr Leben nicht mehr damit zubringen, mit religiösen Werken das Heil zu verdienen. Damit haben sie die Freiheit, die Welt zu gestalten, stehen aber auch in der Verantwortung, daraus etwas Gutes zu machen. Grob illustriert: Ein reicher Katholik vermachte seinen Besitz an seinem Lebensende der Kirche, weil das seinem Seelenheil förderlich war. Ein reicher Protestant vermachte ihn seinen Söhnen, die darauf aufbauen konnten.

Zwinglis Ziel war nicht, die Katholiken mit Gewalt zu bekehren, aber er wollte, dass die christliche Kernbotschaft überall in der Schweiz gepredigt werden durfte.

Mit Zwingli und Calvin hatte die Schweiz ihre eigenen Reformatoren. Aber sie waren inspiriert von Luthers Vorarbeit.

Es gab viele wichtige Reformatoren, deren Namen heute leider oft vergessen sind. Heinrich Bullinger zum Beispiel war Mitte des 16. Jahrhunderts in ganz Europa die wichtigste Person für den reformierten Protestantismus, wichtiger als Calvin, der erst später relevant wurde. Zweifellos aber gab Luther den Startschuss und prägte mit seinen Schriften die Anfänge der Reformation. Viele seiner Gedanken wurden schon früher geäussert, aber während man manche seiner Vorgänger einfach als Ketzer verbrannt hat, war Luther zur richtigen Zeit am richtigen Ort und erhielt die nötige Unterstützung. Die Schweizer Reformatoren haben seine Schriften gelesen, sind aber ihre eigenen Wege gegangen.

Worin unterschieden die sich denn?

Zunächst einmal war die Schweizer Reformation weniger personenzentriert. Zwingli war Humanist und sah sich als Impulsgeber im Kreis von anderen. Es herrschte Teamwork. Inhaltlich gab es viel Gemeinsames, aber auch unterschiedliche Akzente. Beim Marburger Abendmahlstreit 1529 zwischen Luther und Zwingli waren sich die beiden in 14 von 15 Punkten einig. Strittig war einzig die Frage, wie man sich die Gegenwart von Christus im Abendmahl vorstellen sollte. Luther war der Ansicht, das Abendmahlbrot sei in geheimnisvoller Weise real der Leib von Jesus. Für Zwingli war Jesus beim Abendmahl im Geist gegenwärtig, und das Brot war ein Zeichen dieser Gegenwart. Für die Schweizer Reformatoren wäre dies übrigens kein Grund zu einer Kirchentrennung gewesen – für Luther allerdings schon. Seither gibt es Lutheraner und Reformierte.

Was war Zwingli für ein Mann?

Er war hochgebildet, kannte die Werke aller antiken Philosophen. Das genossenschaftliche Denken war tief in ihm verankert, er wollte das ganze Volk als Gemeinschaft retten – und nach einer überstandenen Pesterkrankung 1519 war er davon überzeugt, dass Gott ihn als Prophet für die Eidgenossenschaft berufen hat. Er war aber auch ein sehr humorvoller, selbstironischer Mensch, was ihn stark von Luther und Calvin unterschied. Sein Ziel war nicht, die Katholiken mit Gewalt zu bekehren, aber er wollte, dass die christliche Kernbotschaft überall in der Schweiz gepredigt werden durfte. In der Innerschweiz jedoch wurden solche Prediger umgehend hingerichtet, wenn man sie erwischte. Dieser Konflikt führte schliesslich zur Schlacht von Kappel, bei der Zwingli 1531 getötet wurde.

Was würde Zwingli zur aktuellen Situation des Christentums in der Schweiz sagen? Die Zahl der Konfessionslosen liegt inzwischen bei knapp 25 Prozent, und etwa 50 Prozent glauben an die Kräfte von Heilern und Hellsehern.

Zwingli trat zwar für Glaubensfreiheit ein, aber nur für die der Kommunen. Die Idee der individuellen Glaubensfreiheit kam erst Jahrhunderte später auf. Dass jemand sich nicht als Christ, sondern als Buddhist oder Atheist bezeichnen könnte, war im 16. Jahrhundert schlicht unvorstellbar. Er wäre wohl von den heutigen Verhältnissen ziemlich verwirrt. Aberglaube und magische Praktiken waren allerdings schon in der Reformationszeit stark verbreitet: Wenn eine Kuh krank war, kam eine Heilerin, kombinierte fünf Ave Maria mit einem Zauberspruch und trug eine Salbe auf.

«In der engen Schweiz haben sich die Reformierten und die Katholiken schon immer gegenseitig beeinflusst», sagt Opitz. «Es ist kein Zufall, dass die Schweizer Katholiken weltweit gesehen wohl die liberalsten überhaupt sind.»

Früher war es ganz wichtig, ob man katholisch oder reformiert war, heute scheint es in der westlichen Welt vollkommen egal.

Wem das Christentum egal ist, dem ist auch der Unterschied der Konfessionen egal. Und mit der abnehmenden Zahl der Christen rücken die verbleibenden näher zusammen, konfessionelle Unterschiede verlieren angesichts von ganz anderen Glaubensgemeinschaften und Atheisten an Bedeutung. In der engen Schweiz haben sich die Reformierten und die Katholiken aber schon immer gegenseitig beeinflusst: Es ist kein Zufall, dass die Schweizer Katholiken weltweit gesehen wohl die «liberalsten» überhaupt sind – sie legen zum Beispiel grossen Wert auf ihre demokratischen Gremien, die in der katholischen Kirche eigentlich gar nicht vorgesehen wären. Sie widersprechen auch gerne mal dem Papst, das wäre in Süditalien oder Südamerika vielleicht weniger der Fall.

Wie sieht die Zukunft des christlichen Glaubens aus?

Anders als Zwingli bin ich kein Prophet (lacht), das ist also schwer zu sagen. Weltweit gesehen, ist das Christentum derzeit eine absolute Erfolgsgeschichte. Keine Religion wächst stärker – was wir in Europa mit unseren abnehmenden Zahlen gern übersehen. Oft sind es pfingstlerisch-charismatische Gemeinden; aber auch der Katholizismus wächst. Für Europa gehe ich allerdings von einem weiteren Bedeutungsverlust aus, was jedoch nicht nur Nachteile hat: Als das Christentum das religiöse Monopol in Europa besass, war es auch stärker mit dem Staat verbandelt und wurde regelmässig korrumpiert und missbraucht. Weniger gesellschaftliche Macht kann auch mehr Freiheit und mehr Ehrlichkeit bedeuten.

Wieso ist das Christentum in einigen Weltgegenden so attraktiv?

Weil es oft eine Form der Befreiung ist. In Südkorea etwa sorgt die Kultur des Konfuzianismus für eine strenge Regulierung von Familie und Gesellschaft. Da bringt der christliche Glaube eine gesellschaftliche Lockerung und fördert die Gleichheit der Menschen. Ähnlich verhält es sich in China. Dort propagieren teils sogar offizielle Stellen den Protestantismus mit der Begründung, er fördere die wirtschaftliche Entwicklung.

Ich wünschte mir, dass es auch im Islam eine Pluralisierung der Auslegung der Texte und eine kritische Reflektion des eigenen Glaubens geben würde.

Es heisst ja immer, dem Islam fehle eine Reformation wie sie das Christentum durchgemacht hat. Würde das einige der heutigen Probleme entschärfen?

Das hängt davon ab, was man darunter versteht. Die christliche Reformation war eine Rückbesinnung auf die Bibel: Man las die Quellen der christlichen Botschaft und entdeckte, dass es um Liebe, Vergebung und Gerechtigkeit geht, nicht um Macht, Unterdrückung und religiöse Angstmacherei. Gewalt im Namen des Christentums lässt sich mit dem Neuen Testament, für Christen auch der kritische Massstab für das Alten Testament, nicht vereinbaren. Die Weisungen des Koran scheinen hier doch weniger eindeutig zu sein, was gegenwärtig ja auch unter Muslimen in Deutschland diskutiert wird. Entscheidend ist eben nicht nur, ob man sich auf ein altes religiöses Buch beruft oder nicht, sondern auch, was da drin zu lesen ist. Zugleich würde ich mir natürlich wünschen, dass es auch im Islam eine Pluralisierung der Auslegung der Texte und eine kritische Reflektion des eigenen Glaubens geben würde. Die Chance, dass man auch dort lernt, friedlich mit Menschen umzugehen, deren Meinung man ablehnt, würde sicher steigen. Aber auch im christlichen Abendland hat man dies erst unter vielen Schmerzen lernen müssen und muss es noch immer.

An was glauben Sie?

Ich bin gläubiger Protestant, studierte Theologie und Philosophie und wurde entgegen meiner ursprünglichen Absicht auch noch Pfarrer. Aber eigentlich interessierten mich die intellektuellen Aspekte mehr, und irgendwie bin ich so schliesslich an der Uni gelandet. Allerdings ich habe schon als Teenager theologische und philosophische Bücher verschlungen. In meiner Maturaarbeit ging es um Plato, Freud und das Christentum.

Und Sie gehen auch regelmässig zum Gottesdienst in die Kirche?

Ja, ich bin immer in die Kirche meines Wohnquartiers gegangen. Ich gehöre zu denen, die dieses Prinzip noch vertreten. Zugegeben: Die Lust ist nicht immer gleich gross, und an einem früheren Wohnort musste ich danach regelmässig joggen gehen … (lacht) Aber wer sich als Christ bezeichnet und nicht in die Kirche geht, betrügt sich unter dem Strich letztlich selbst. 

Benutzer-Kommentare

Mehr zum Thema

Lea Gafner