03. August 2018

Letzter Ausweg Heim

Im beschaulichen Appenzeller Vorland haben zehn junge Frauen in einer sozialpädagogischen Wohngruppe ein neues Zuhause gefunden. Sie leben im Heim. Doch was bedeutet das eigentlich für sie?

Lena (20) macht gerade eine Kochlehre
Lena (20) macht gerade eine Kochlehre. Früher hat sie sich selbst verletzt, ihre Arme sind auf der Innenseite voller Narben.

Das ist mein Zimmer», sagt Anna und öffnet die Tür. Die 17-Jährige lebt in der Rose, einer sozialpädagogischen Wohngruppe für Mädchen und junge Frauen in Heiden AR. Überall stehen Kerzen und Blumen, es wirkt gemütlich. Ein Zuhause, wie es die junge Frau mit langen schwarzen Haaren nicht immer hatte.

Im Primarschulalter verabredete sich Anna nicht mit Gleichaltrigen, sondern zahlte Rechnungen und kümmerte sich um ihre depressive, frisch vom Vater getrennte Mutter. Dabei verstrickte sich das Kind in Verantwortung, getraute sich nicht mehr aus der Wohnung. «Ich hatte Zwangs- und Angststörungen», sagt die junge Frau heute sehr reflektiert. Als Elfjährige wusste sie das nicht. Aber sie hatte gehört, dass Psychologen Menschen sind, die anderen helfen. So googelte sie «Psychologe» und bat die überraschte Mutter: «Ruf da für mich an, ich brauche Hilfe!»

Zwei Betreuungsmodelle

Mit 13 kam Anna in die Rose nach Heiden, einem 4000-Seelen-Dorf im Appenzeller Vorland. Das ehemalige Hotel bietet Platz für zehn Mädchen und junge Frauen zwischen 13 und 25 Jahren. Sie wohnen in zwei Häusern, jede im eigenen Zimmer. In Haus eins ist auch nachts eine Sozialpädagogin anwesend, in Haus zwei leben die Selbständigeren: Sie kaufen ein, kochen, nabeln sich langsam ab. Auch Anna hat hier ihr Zimmer.

Nicole Wolschendorf leitet die Rose
Nicole Wolschendorf (rechts) leitet die Rose. Das gesamte Heimteam ist weiblich.

Die jungen Frauen stammen aus der gesamten Deutschschweiz. In ihren Familien hatten sie zu wenig Strukturen und keine Grenzen. Und sie haben Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hinter sich.
Die sogenannte Fremdplatzierung in einem Heim ist das letzte Mittel.

Die Rose ist ein offenes Haus, alle sind freiwillig hier. «Aber sie sind nicht freiwillig fremdplatziert», betont Nicole Wolschendorf (39), die Leiterin der Rose. 80 Prozent der Heimkinder sind laut Studien traumatisiert. Mädchen zeigen oft ein internalisierendes Verhalten wie depressive Gedanken oder Selbstverletzungen, während Jungen zu externalisierenden Auffälligkeiten wie Aggressivität oder Diebstahl neigen.

Die Rose-Mädchen besuchen vormittags Schulen in der Region, machen Ausbildungen, absolvieren externe Therapiesitzungen. Erst nachmittags füllt sich die Wohngruppe mit Leben. In der Stube lässt sich Anna Mathe-Hausaufgaben erklären, während ein anderes Mädchen einer Betreuerin erzählt, was heute «mega blöd» war.

Eine durch und durch weibliche Einrichtung

«Wir stabilisieren im Alltag», sagt die Heimleiterin. Sie gehen zum Beispiel mit den Mädchen klettern, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Die Mädchen werden in Transaktionsanalyse ausgebildet, einem psychologischen Konzept, mit dem sie ihr Erlebtes reflektieren. Viele wurden als Kind von psychisch angeschlagenen Eltern emotional vernachlässigt. «Zum Schutz entwickeln Kinder Anpassungsstrategien», sagt Wolschendorf. Sie versuchen, nicht zur Last zur fallen, nicht zu weinen, unsichtbar zu sein. Manche flüchten sich in Drogen, verletzen sich selbst.

In der Rose erleben die jungen Frauen, dass ihre Meinung etwas zählt, dass sie Fehler machen dürfen. «Meist dauert es ein Jahr, bis ein Mädchen sich den Überlebensstrategien seiner Kindheit stellt», erklärt die Heimleiterin. «Dann können wir arbeiten.» In der Gruppe erleben die jungen Frauen «ich bin nicht allein damit» und erkennen, weshalb sie sich wertlos fühlen.

An fünf Abenden kochen sie zusammen den Znacht, auch den Speiseplan machen sie selbst. Heute gibt es Zucchetti mit Ricotta, Tomaten, Pouletbrust und Salat. «Wer ist nur auf diese Zusammenstellung gekommen?», fragt Anna belustigt, während sie sich der Zucchetti annimmt. Unter viel Gelächter wird gerüstet und gebrutzelt.

Im Vergleich zu Kindern, die bei ihren Eltern aufwachsen, müssen die Rose-Mädchen früh selbständig sein: Zimmer putzen, Wäsche waschen. Bei der Gründung vor 25 Jahren war das Heim für Mädchen und Buben da, aufgrund der Nachfrage entwickelte es sich aber zu einer reinen Mädcheneinrichtung. «Das macht vieles leichter», sagt Wolschendorf. Auch das Team ist mittlerweile rein weiblich.

Anna absolviert momentan die 11. Klasse einer weiterführenden Schule. «Aber vor der Zukunft habe ich mega Angst», sagt die junge Frau, die so selbstsicher wirkt. Sie spielt fünf Instrumente, singt und schaffte es dieses Jahr beim Casting der Musikshow «Voice of Germany» fast in die erste TV-Runde. Zu ihrem Vater hat Anna keinen Kontakt, aber zur Mutter fährt sie fast jedes Wochenende.

Die Eltern sind nach wie vor wichtig

Egal, was die jungen Frauen erlebt haben – ihre Eltern sind für sie nach wie vor wichtig. Deshalb versucht die Rose, diese einzubinden. Finden die Mädchen beim Besuch zu Hause wieder die gleichen Muster vor, beeinflusst dies alles, was sie sich erarbeitet haben. Deshalb werden Eltern ebenfalls in Transaktionsanalyse geschult, wobei es nicht um Schuld geht, wie die Leiterin betont, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen. Die Eltern stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Wolschendorf: «In der heutigen Arbeitswelt ist die psychische Belastung sehr hoch.»

Die 17-jährige Anna
Die 17-jährige Anna spielt fünf Instrumente und singt. Seit sie 13 ist, lebt sie in der Rose.

Welche Zukunft Anna bevorsteht, ist ungewiss, wie bei anderen Jugendlichen auch. Doch während Kinder, die bei ihren Eltern aufwachsen, auch später mit dem sicheren Netz der Familie rechnen können, fehlt ehemaligen Heimkindern diese bedingungslose Unterstützung. Dabei bräuchten gerade sie eine solche dringend.

In der Rose werden Feste gefeiert, es wird gestritten, gelacht und sich wieder versöhnt, wie in einer Familie. Und doch ist sie das eben nicht: Im Heim zu sein, ist mit Scham verbunden. Wer bei Bewerbungen ein Heim als Adresse angeben muss, hat es schwerer. Auch deshalb heisst Anna in Wirklichkeit anders. Im Freundeskreis geht sie offen damit um. Aber sagt jemand: «Bei euch würde ich gerne wohnen – wie im Klassenlager», denkt sie: «Wünsch dir das lieber nicht.» Ein Familienleben vermisst sie am meisten, vielleicht weil sie nie eins hatte. Als Kind beneidete sie Freunde, die pünktlich zu Hause sein mussten, um mit den Eltern zu essen. «Das hätte ich mir so gewünscht.» Sie selbst hat sich geschworen: «Bei meinen Kindern mache ich das anders.» 

Die Namen der Heimbewohnerinnen wurden von der Redaktion geändert.

Man muss Kinder mit einbeziehen


Thomas Gabriel

Thomas Gabriel leitet an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften das Institut für Kindheit, Jugend und Familie. Er forscht u. a. über Heimerziehung im internationalen Vergleich.

Thomas Gabriel

Herr Gabriel, was bedeutet es heute für ein Kind, wenn es im Heim aufwächst?

Ein Heimaufenthalt ist ein massiver Eingriff in die Biografie. Deshalb sollten Eltern und Herkunftsmilieu miteinbezogen werden – falls Gründe des Kinderschutzes dies nicht verbieten. Platzierungen ausserhalb des Kantons oder der Schweiz sollten absolute Ausnahmefälle bleiben.

Was ist über den späteren Lebensweg von Heimkindern bekannt?

Für eine Studie haben wir Heimkinder im Kanton Zürich gesucht, die aufs Gymnasium gehen – und keine gefunden. Das ist zwar zehn Jahre her, doch es hat sich nicht genug verändert. Wir wissen aus den Pisa-­Studien, dass Schule in der Schweiz soziale Ungleichheiten eher verstärkt, als soziale Teilhabe durch Bildung zu eröffnen. Kinder, die in einem Heim aufwachsen, sind hier benachteiligt.

Was sind die Gründe?

Fast allen Betroffenen fehlten Erwachsene, die sie verlässlich begleiteten, vor allem nach dem Heimaufenthalt. Wir fanden unter den Interviewten nur eine Frau, die studiert hat – weil ihre Lehrerin an sie glaubte. Alle Kinder brauchen Menschen, die sie an den Schlüsselstellen des Lebens unterstützen. Im Heim sind das bestenfalls Profis, was die Arbeit dort so fordernd macht.

Wie meinen Sie das?

Professionelle Mitarbeiter im Heim sind meist sehr engagierte Menschen, die schwierige Arbeitsbedingungen akzeptieren. Der Schichtplan zum Beispiel erfordert oft ein ­hohes Mass an Flexibilität, was wiederum das Privatleben stark beeinflusst. Entsprechend hoch ist die Fluktuation in diesem Metier.

Was hat sich in Schweizer Heimen im Vergleich zu früher verändert?

Heime verfolgen heute einen kindzentrierten Ansatz – während in den 50er-Jahren Kinder oft nur verwaltet wurden. In Winterthur konnte ein Kind damals ins Heim kommen wegen «unsteter Lebensweise» der Eltern – dabei waren sie nur dreimal umgezogen. Alleinerziehenden nahm man Kinder weg, weil man ihnen die Erziehung nicht zutraute. All dies gibt es heute glücklicherweise nicht mehr. Auch dank des neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrechts. Die Kesb macht einen sehr guten Job, auch wenn sie ab und zu für Einzelfälle gerügt wird. Dass wir so eine Professionalisierung in der Schweiz erst seit fünf Jahren haben, ist im internationalen Vergleich immer noch ein Skandal.

Welche Verbesserung bräuchte es noch?

Kinder muss man bei Entscheidungen, die Ihr Leben betreffen, altersgerecht miteinbeziehen. Ihnen muss klar sein, weshalb sie im Heim sind, sonst können sie sich nicht entwickeln. Wissen sie auf die Frage «Warum bist du im Heim?» keine Antwort, läuft etwas falsch.

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