08. Februar 2016

Let’s Swing!

Ein Japaner, der Schweizer Kindern die Freuden des Swings beibringt? Jawohl, das gibts. Dai Kimotos Jugendorchester aus Romanshorn geht sogar auf Tournee nach Asien und Amerika. Sein Sohn Fabian hat nun einen Dokumentarfilm über die Swing Kids gedreht.

Swing Kids
Die swingenden Kids von Romanshorn mit ihrem Bandleader Dai Kimoto (oben links).

Es herrscht lautes Stimmengewirr in der Aula der Schulanlage Reckholdern in Romanshorn TG. Helles ­Kinderlachen mischt sich mit Trompetentönen und Begrüssungsgemurmel – die Swing Kids versammeln sich zur ihrer üblichen Dienstagabendprobe. Eigentlich wären es 15, aber wegen Skilager und Krankheit ist die Gruppe ein bisschen dezimiert. Orchesterleiter Dai Kimoto (66) bringt Ordnung ins Chaos, und schon bald sitzen die Kids im Alter von 11 bis 18 Jahren mit ihren Instrumenten auf den Stühlen und warten auf den ersten Einsatz.

Am Wochenende haben sie, wie so oft, gleich mehrere Auftritte, einer vor extra grossem Publikum an den Solothurner Filmtagen. Dort hat gleichzeitig auch «Swing it Kids» Premiere, ein Dokumentarfilm über das ungewöhnliche Jugendorchester.

Vater und Sohn: Kameramann Fabian Kimoto 
hat die Swing Kids seines Vaters Dai Kimoto über Jahre mit der Kamera begleitet.
Vater und Sohn: Kameramann Fabian Kimoto hat die Swing Kids seines Vaters Dai Kimoto über Jahre mit der Kamera begleitet.

Gedreht hat den Film Fabian Kimoto (33), der Sohn des Bandleaders. Der Colorist und Kameramann hat die Swing Kids während Jahren mit einer Kamera begleitet, mit der Idee, aus dem Material einen Film für seinen Vater, die Kids und ihre Angehörigen zu machen. «Aber dann realisierte ich, dass sich daraus mehr machen lässt», erzählt Fabian Kimoto.

Er schnitt aus den 160 Stunden einen Film von 80 Minuten, der dem Zürcher Verleih First Hand Films so gut gefiel, dass er ihn nach der Premiere an den Solothurner Filmtagen nun sogar ins Kino bringt.

Der Fokus der Dokumentation liegt auf einer Japan-Tournee wenige Monate nach der Katastrophe in Fukushima 2011. Er zeigt die Kids beim unbeschwerten Blödeln, beim konzentrierten Üben, bei Auftritten vor kreischenden japanischen Teenagern und gerührten Senioren.

Aber er zeigt auch die Schattenseiten: Heimweh, Konflikte, Selbstzweifel, Abschiede. «Mir war wichtig rüberzubringen, was alles möglich ist, wenn Freude und Kreativität mit Wille und Disziplin gepaart werden», sagt der Filmemacher. «Das sind die Elemente, mit denen mein Vater arbeitet – es geht ihm nicht darum, aus den Kids ­Profimusiker zu machen. Dieser Druck fehlt völlig. Sie sollen weiterhin Kinder sein können.» Dai Kimoto freut sich sehr über den Film. «Ich finde es toll, dass er auch Schattenseiten zeigt – und das Leben der Kinder unterwegs, das ich normalerweise so gar nicht mitbekomme.»

Kimoto spielte einst beim legendären Max Greger

Dai Kimoto hat selbst ein bewegtes Leben hinter sich. Als Kind in Japan konnte er mit Musik nichts anfangen, seine Leidenschaft galt dem Baseball. Mit 15 jedoch stolperte er in einem Plattenladen über eine Dixielandjazz-Aufnahme und mochte den Sound auf Anhieb. «Er war so fröhlich, so ganz anders als die meist melancholische Musik in Japan.» Er brachte sich dann aus lauter Begeisterung selbst das Trompeten spielen bei, in der High School gründete er eine Band, die Dixie, Jazz und Swing spielte.

Mit 25 wanderte er nach London aus und spielte bei Tony Evans. Danach war er festes Mitglied im Orchester des legendären Bandleaders Max Greger in München. «Es war der bestbezahlte Job in der Musikwelt, jeder wollte bei ihm spielen.» Als die Band sich auflöste, kam er 1979 nach Romanshorn, um die junge Schweizerin zu besuchen, in die er sich bereits in London verliebt hatte. Und blieb dort hängen. Die beiden bekamen drei Kinder, Kimoto trat regelmässig freischaffend auf, etwa im Schweizer Fernsehen oder im Opernhaus Zürich, später wurde er Musiklehrer in Romanshorn.

2002 gründete er dort auch die Swing Kids. «Die Kinder hatten ja sonst immer nur Einzelunterricht, so konnten sie gemeinsam spielen und auch auftreten.» 2005 gab es die erste Tournee, die gleich nach Japan führte, das seither fester Bestandteil auf dem Konzertkalender ist.

Wenn es mal Streit gibt, wird in der Gruppe geredet

Die Reisen gehören für die Kinder zu den Höhepunkten – auch wenn die Trips anstrengend sein können und ab und zu Heimweh ausbricht. «Auf meiner ersten Tour war das richtig schlimm», sagt Melina Huber (14, Trompete). «Aber mit der Zeit wurde es besser, und die anderen trösten einen ja.» Denn was fast noch wichtiger ist: «Die Swing Kids sind wie eine Familie», sagt Anna Hunziker (12, Trompete). Die Kinder verbringen so viel Zeit miteinander, das hat sie enorm zusammengeschweisst.

Natürlich gibts auch mal Streit und schlechte Stimmung: «Wenn man auf Tourneen ohne Unterlass zusammen ist, kommts schon vor, dass man sich mal auf die Nerven geht», sagt Dario Schmidli (18, Bass). «Aber dann setzen wir uns als Gruppe zusammen und lösen das. Am Ende zählen die Musik und die Auftritte.»

Alle drei sind schon seit mehreren Jahren bei der Band. Sie üben täglich, zwei Mal pro Woche gibts Bandprobe, all jene, die Blasinstrumente spielen, haben zudem noch Einzelstunden bei Kimoto. Und am Wochenende gibts fast immer Konzerte, rund 50 Auftritte im Jahr, dazu noch die Auslandstourneen. Viel Raum für andere Hobbys bleibt da neben der Schule nicht mehr. «Und manchmal haben wir so viele Hausaufgaben, dass zum Üben kaum Zeit bleibt», sagt Anna.

Genügend Interessenten fürs Jugendorchester zu finden, ist trotzdem kein Problem, erklärt Dai Kimoto. «Auch jetzt haben wir wieder eine Warteliste.» Er wählt die Kinder nach Talent und sozialen Kriterien aus. «Sie müssen in die Gruppe passen und sich dort wohlfühlen.» Das Musikgenre ist dabei überhaupt kein Problem, obwohl Swing und Jazz bei der Jugend nicht eben im Trend liegen. Aber Anna, Melina und Dario hören den Sound auch privat gern. Und der Freundeskreis habe sich «daranmgewöhnt», sagt Melina und lacht. «Die meisten kommen inzwischen an die Konzerte.»

Mit 18 Jahren muss man gehen

Dario muss sich nun allerdings langsam auf seinen Abschied vorbereiten, im Sommer ist Schluss. Damit auch andere Kinder eine Chance bekommen, liegt die Alterslimite bei 18 Jahren. Er trägt es mit Fassung: «Es war ja von Anfang an klar.» Zudem interessieren sich bereits andere Bands für ihn. Dass die Abschiede nicht immer so leicht sind, ist im Film zu sehen, etwa bei Nico Geiser und Flavio Hodel (beide inzwischen 21). «Es war hart, die Freunde zu verlassen», sagt Flavio rückblickend, «aber irgendwann wurden die Auftritte zu routiniert. So gesehen, war es wohl ein guter Zeitpunkt aufzuhören.» Beide spielen noch immer ab und zu Saxofon, aber viel seltener als früher.

Und sie schauen mit grosser Freude auf ihre Jahre bei den Swing Kids zurück: «Es war eine Zeit, die ich ganz sicher nie vergessen werde», sagt Nico. «Ich habe unzählige Erfahrungen gemacht, die mir geholfen haben und bestimmt auch in Zukunft noch helfen werden.» Er freut sich auch darauf, den Film mit Freunden und Familie zu sehen. «Sie erfuhren meist nur aus meinen Erzählungen von den Erlebnissen in der Band. Nun können sie live miterleben, wie es tatsächlich war.» 

«Swing it Kids» wurde vom Migros-Kulturprozent unterstützt. Er startet am 11. Februar in den Kinos.

Bilder: Daniel Ammann

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