09. August 2017

Lehrabschluss dank Case Management

Zurück in die Jobzukunft: Viele Jugendliche schaffen den Berufsabschluss nicht, weil ihnen die Probleme über den Kopf wachsen. Der Bund setzt auf Case Management, damit junge Menschen wie Jessica Boss wieder Perspektiven haben.

Jessica Boss
Jessica Boss blickt optimistisch in die Zukunft: Bald beginnt sie ihre Lehre zur Fachangestellten Betreuung Kinder.
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Jessica Boss (20) ist jung, temperamentvoll und erweckt den Eindruck, als könne sie mit ihrem Lachen und ihrer aufgeweckten Art die Welt erobern. Lehrstelle finden? Sich im Leben zurechtfinden? Das scheint kein Problem zu sein.
Doch die Realität sieht anders aus: Die vergangenen drei Jahre waren für die junge Frau alles andere als leicht.

Während Gleichaltrige ein Fachschuldiplom erworben oder ihre Lehre abgeschlossen haben, musste sie noch mal ganz von vorn anfangen. Sich neu orientieren, die Hoffnung bewahren. «Mein Traum war es immer gewesen, Dentalassistentin zu werden», erzählt die Spiezerin. «Ich hatte eigentlich eine gute Lehrstelle, war happy. Doch dann klappte es in der Schule überhaupt nicht mehr.»

In der Abwärtsspirale

Jessica Boss sitzt im Thuner Berufs-informationszentrum (BIZ), im Büro ihres Case Managers Urs Gretener (51). Der Arbeitsagoge und Jobcoach hat in den vergangenen Jahren ihren Fall betreut, sie begleitet und dafür gesorgt, dass es mit der Berufsausbildung voranging. Denn in der Lehre harzte es: Der Arbeitsalltag in der Zahnarztpraxis lief zwar gut, aber in der Schule gings bergab.

Die Noten sackten ab, aus den Anforderungen wurde Überforderung. Jessica Boss entwickelte eine Schulangst, aus der sie nicht mehr herausfand. Ein Teufelskreis. «Ich wusste überhaupt nicht mehr weiter.»
Schliesslich kontaktierte ihre Beiständin das BIZ in Thun. Sie wusste: Hier gibt es das sogenannte Case Management – Unterstützung für Jugendliche, denen es Mühe bereitet, den Berufsabschluss zu schaffen.

Jessica Boss mit Case Manager Urs Gretener
Jessica Boss mit Case Manager Urs Gretener vom BIZ in Thun: Der Coach und Arbeitsagoge hat immer wieder geholfen, den Karren anzustossen.

Vor neun Jahren hat der Bund im Auftrag des Bundesrates das Case Management in der Berufsbildung ins Leben gerufen. Mit einer dreijährigen Anschubfinanzierung wurden in den Berufsinformationszentren schweizweit Anlaufstellen für Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse, Schulabgänger und Lehrabbrecher geschaffen: Case Manager wie Urs Gretener sorgen dafür, dass Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit der Schritt in die Berufswelt gelingt und dass sie nicht schon in jungen Jahren in die finanzielle Abhängigkeit von Sozialämtern geraten.

«Wir unterstützen junge Menschen mit einer Mehrfachproblematik», erklärt Urs Gretener. «Das können schulische, gesundheitliche, soziale, psychische oder finanzielle Schwierigkeiten sein oder auch persönliche Probleme mit Lehre oder Ausbildung.» Schlechte Noten allein reichen also nicht.

Urs Gretener betreut jährlich rund 50 Fälle. «Ich plane und koordiniere das Vorgehen mit der Klientin oder dem Klienten, mit Schule, Lehrmeister, Berufsberatung, Erziehungsberatung, Sozialamt – mit allen, die eingebunden sind», erklärt Urs Gretener. «Ich halte sozusagen die Fäden in der Hand.»

Aufgeben ist keine Option mehr

Nicht allen jungen Menschen fällt es leicht, Hilfe anzunehmen. Jessica Boss indes schon. «Ich war enorm froh um die Unterstützung», sagt sie. «Denn manchmal hätte ich am liebsten alles hingeschmissen.» Und dann, was hätte sie gemacht? «Ich hätte im Service gearbeitet und wäre ausgewandert», sagt sie lachend und mit einer Unbekümmertheit, die sie nur deshalb an den Tag legen kann, weil sie ihren Weg gefunden hat.

Aufgeben ist längst keine Option mehr. Ihren Kindheitstraum, Dentalassistentin zu werden, hat sie aber aufgeben müssen. Mit ihrer Schulphobie war Jessica in einer Negativspirale gelandet, aus der sie so schnell nicht mehr rauskam.
Im Rahmen eines sogenannten Motivationssemesters, eines mehrmonatigen Arbeitsintegrationsprogramms des Kantons Bern, arbeitete sie in einem Nähatelier und besuchte an zwei Tagen pro Woche die Schule. «Die Arbeit im Atelier war cool. Aber ich befand mich gleichzeitig in einem totalen Loch», sagt sie. Noch immer bereitete ihr der Unterricht Bauchschmerzen und Kopfweh. Die Angst zu versagen, war nach wie vor präsent.

«Oft behindern auch Themen die Lehrstellensuche, die mit der Ausbildung direkt gar nichts zu tun haben», erklärt Urs Gretener. Etwa finanzielle oder soziale Probleme. Er beschreibt die Situation bildlich mit einem Karren, der laufen muss: «Wenn ein Rädchen fehlt, wird das Fortbewegen sehr harzig und langsam.»

Auch familiäre Probleme bremsten

Bei Jessica waren es soziale und familiäre Probleme, die sich bremsend auswirkten. Ihre Mutter war alleinerziehend. Als Detailhandelsangestellte hatte sie lange Arbeitszeiten und ein prekäres Einkommen – Zeit und Geld für ihr Kind waren knapp bemessen. Mehrmals zogen sie um, das Eingewöhnen an den neuen Orten fiel Jessica nicht immer leicht. Seit vier Jahren muss sie sich finanzielle Hilfe beim Sozialamt holen.

Ihren Vater kennt Jessica zwar, von einer Beziehung zu ihm kann man aber nicht sprechen: «Ich habe ihn als 13-Jährige kennengelernt. Aber es fühlte sich nie so an, als wäre er mein Vater», sagt sie.
Mit der Krise in der Lehre traten auch die anderen Probleme an die Oberfläche. «Der Besuch bei der Psychologin brachte Hilfe», sagt Jessica Boss. Die Sitzungen eingefädelt hatte ihr Case Manager. Nun konnte die junge Frau von ihren Sorgen erzählen, abladen und Knöpfe lösen. Der Wagen kam wieder ins Rollen.

Auch beruflich, im Rahmen einer Schnupperwoche in der Kita, bewegte sich etwas. «Das war eins meiner schönsten Erlebnisse überhaupt», sagt Jessica Boss rückblickend. Und es war eine Überraschung für sie selbst: «Meine Pflegeeltern haben mir immer eingeredet, ich könne nicht mit Kindern umgehen.»

Doch noch der Traumberuf

Das hat sich nun als komplette Fehleinschätzung herausgestellt: Jessica beginnt in Kürze die Ausbildung zur Fachangestellten Betreuung Kinder (FaBeK). Sie hat inzwischen ein einjähriges Praktikum hinter sich, und auch in der Schule läuft es wieder rund. Um die Lehrstelle zu finden, brauchte sie aber eine gehörige Portion Glück – erst nach gefühlten tausend Bewerbungen wurde ihre Hartnäckigkeit belohnt.

Dank Case Management hat Jessica Boss in den vergangenen drei Jahren den Mut nicht verloren. «Ohne diese Unterstützung wäre ich jetzt wohl arbeitslos, hätte die falschen Freunde, würde rumhängen. Kiffen, Drogen, was auch immer.»
Wieder lacht sie. Sie hat nicht nur eine Lehrstelle, auch mit der Schule klappt es wieder. «Was ich lerne, bleibt im Kopf!»

Und wenn es doch wieder mal harzen sollte? Dann weiss Jessica Boss genau, an wen sie sich wenden kann.

EXPERTE BEDA FURRER

Für uns gibt es keine hoffnungslosen Fälle

Beda Furrer ist Leiter des Geschäftsbereichs Case Management
Beda Furrer (53) ist Leiter des Geschäftsbereichs Case Management Berufsbildung bei der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung im Kanton Bern.

Was versteht man unter Case Management?

Der englische Ausdruck steht für «Fallführung» und stammt aus dem amerikanischen Gesundheits- und Sozialbereich. Er bezeichnet eine Methode, eine auf den einzelnen Fall zugeschnittene Hilfeleistung. Ein Case Manager koordiniert die Situation, verbindet involvierte Akteure miteinander und kann Begleitmassnahmen einleiten.

Was heisst das im Fall von Jugendlichen in Ausbildung?

Wir haben es teilweise mit Fällen zu tun, bei denen viele Stellen involviert sind: Sozialdienst, Schule, Psychologe, RAV, Erziehungsberatung und so weiter. Das ist manchmal unübersichtlich und für Jugendliche eine Überforderung. Der Case Manager übernimmt dann im Regelfall die Führung, sorgt dafür, dass die wichtigen Stellen beteiligt sind und koordiniert zusammenarbeiten.

Wie viele Jugendliche betreuen Sie und wie lange?

Im Kanton Bern sind es rund 1300 pro Jahr. Jährlich kommen 500 neue Fälle dazu. Wir begleiten die Jugendlichen im Durchschnitt während eineinhalb Jahren. Es gibt aber auch Einzelfälle, die bis zu fünf Jahre dauern. Meist handelt es sich um Situationen mit happiger Mehrfachproblematik.

Von welchen Problemsituationen sprechen wir?

Das können gesundheitliche Beeinträchtigungen sein, tiefes schulisches Niveau, Motivationsschwierigkeiten, belastende familiäre Verhältnisse, soziale und finanzielle Probleme.

Werden alle Jugendlichen aufgenommen?

Nur wenn mehrere Probleme gleichzeitig bestehen und schulinterne Möglichkeiten wie Schulsozialarbeit, Berufswahlunterricht oder andere Massnahmen schon ausgeschöpft wurden. Schlechte Noten allein reichen nicht.

Welches sind die Vorteile von Case Management in der Berufsbildung?

Es ist eine effiziente Methode, benachteiligten jungen Menschen einen beruflichen Abschluss zu ermöglichen. Rund die Hälfte der Betreuten im Kanton Bern schafft dank Case Management eine Berufslehre, weitere 30 Prozent finden andere Lösungen oder können durch andere Institutionen begleitet werden. Das ist bei Jugendlichen mit schwierigem Hintergrund und diversen Beeinträchtigungen eine hohe Erfolgsquote.

Kann man Jugendliche zu einer Ausbildung zwingen?

Nein, unser Angebot beruht auf Freiwilligkeit. Manchmal gibt es Jugendliche, die nicht mehr auftauchen und die wir nicht mehr erreichen können. Es sind nicht sehr viele, doch das schmerzt immer. Denn für uns gibt es keine hoffnungslosen Fälle: Wenn es harzt, suchen wir gemeinsam nach Lösungen. Es gibt immer einen Weg.

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