04. Juni 2018

Leck mich

Bänz Friedli liess sich erheitern. Hier kannst du die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen und dich mit ihm und anderen Leser(inne)n austauschen.

Briefmarken
Abschlecken oder nicht – das ist die Frage!

Das «Basler Dybli» war mir ein Begriff, ehe ich wusste, wozu Briefmarken gut sind. Vater sammelte Marken. Ganze Nachmittage verbrachte ich mit ihm im Fachgeschäft, wo er Seltenheiten prüfte und oft verwarf, sich immer wieder am Kopf kratzend und offenbar rechnend, ob es noch für die Zeltferien am Wolfgangsee reichen würde, wenn er diese Marke nun erwürbe. Er war vernarrt in die Dinger, liess sich einzelne Exemplare immer und immer wieder zeigen, füllte daheim Album um Album. Aber seinen grossen Traum, die «Basler Taube», erfüllte er sich nie. Mir ist, sie wäre damals, Anfang der 1970er-Jahre, für 10 000, vielleicht 15 000 Franken zu haben gewesen. Unlängst erzielte ein «Dybli» – ursprünglicher Frankaturwert zweieinhalb Rappen – den Auktionspreis von 109 800 Franken.

Vaters Sammelfieber hat sich nicht vererbt. Wohl aber die Freude an besonderen Marken. Wann immer möglich, vermeide ich die gewöhnlichen A-Post-Marken. Die lieben Postverkäuferinnen im Quartier ahnen es meist – gleich fragt der Friedli wieder: «Haben Sie noch andere Marken?» Zwar kaufe ich nicht jeden Sonderdruck, manche missfallen mir grafisch, zuweilen ist das Sujet allzu militärisch, aber ich pflege gern die Vielfalt und erwarb neulich auch einen ganzen Bogen Briefmarken, auf denen ein weisses Herz auf samtenem Grund prangt, als Zeichen der Liebe. Nur merkte ich dann, dass man damit nicht jeden Brief frankieren kann, ohne möglicherweise missverstanden zu werden.

Spezielle Marken zu kaufen, kann einen angenehmen Nebeneffekt haben. Vorige Woche war eine neue Schalterfrau ob meines Begehrens zunächst leise verstört. Mit «Wie, anders?» quittierte sie meine Frage nach anderen Marken. Zeigte mir dann aber mehrere neue ­Sujets. Und bemerkte: «Die müssen Sie dann einfach … also, Dings … nass machen.» – «Ich weiss», beschied ich ihr. Doch sie schien es zu überhören, ermahnte mich, während sie die Bögen sorgsam faltete, erneut: «Die müssen Sie dann … Also, die sind nicht selbstklebend.» Zuletzt rief sie mir gar hinterher: «Und vergessen Sie nicht, sie ab- ähm, ... abzu…» – «Abzuschlecken, ich weiss!», gab ich über die Schulter zurück. Und verliess die Poststelle beschwingten Schrittes. Dass sie mich für so jung hielt, dass ich das Befeuchten von Briefmarken nicht erlebt hätte, erheiterte mich. Auch wenn ich nie im Leben versuchen würde, eine Marke aufzukleben, ehe ich sie nicht abgeschleckt hätte.

Das Gegenteil passierte mir schon öfter: Dass ich Marken abschleckte, bis ich merkte, dass man eine Folie abziehen musste, weil sie selbstklebend waren.

Die Hörkolumne herunterladen (MP3)

Bänz Friedli live: 8. 6. Heimberg BE, Aula; 9. und 13. 6. Zürich, «Miller’s Studio»

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