Content: Home

Die Schule zu Hause

Weit häufiger als «Unschooling» ist in der Schweiz das «Homeschooling»: ein Privat-Schulunterricht durch Eltern nach festgelegtem Lernprogramm. Allerdings sind je nach Kanton die Regelungen unterschiedlich. Migrosmagazin.ch verrät die wichtigsten Bedingungen im Überblick. Rechts finden Sie das Porträt einer Familie mit nicht klassisch (ein-)geschulten Kindern.

Für die grosse Mehrheit der Eltern steht nie zur Debatte, die eigenen Kinder nicht in öffentliche Lerninstitute einzuschulen. Neben der mehr oder weniger überzeugenden Qualität des Unterrichts spielt auch die gesellschaftliche Komponente eine wichtige Rolle: Das Kind wird «nebenbei» gründlich ins soziale Leben im Quartier oder Dorf eingeführt, erhält enge Kontakte zu Gleichaltrigen und seine Familie im selben Zug zu anderen Familien. Die Gesellschaft ihrerseits hat ein ebenso grosses Interesse daran, den Nachwuchs früh zu integrieren.

Für einige Eltern sieht die Situation jedoch anders aus. Zwar möchte kaum jemand seinen Nachwuchs ohne die nötige Grund- und Allgemeinbildung in Berufslehre und -leben entlassen. Doch Gründe wie die drei folgenden können für den Unterricht daheim sprechen:

1. Der Schulweg von abgelegenen Gebieten zum nächsten Schulhaus ist für das Kind kaum zumutbar. Es gibt längere Strecken ohne ÖV-Angebot zur vorgegebenen Tageszeit, die Eltern müssten ihre Kinder deshalb in der Regel privat abliefern und abholen.

2. Die Weltanschauung im Elternhaus ist mit den in der Volksschule mehrheitlich vertretenen Werten schwer vereinbar. Gewisse Eltern wollen ihre Kleinen den aus ihrer Sicht negativen Einflüssen nicht aussetzen. Zumeist steht dahinter ein ausgeprägt religiöser Hintergrund.

3. Das mangelnde Vertrauen in die Qualität des Unterrichts oder in die Sozialkompetenz der Unterrichtenden tritt auch verschiedentlich als Hauptmotivation in Elternhäusern auf, die Kinder in Eigenregie auszubilden. Sie halten sich für kompetenter – bisweilen handelt es sich auch um Lehrer.

Grosse kantonale Unterschiede
Eidgenössische Vorgaben für die Zulassung respektive die Voraussetzungen für elterliche Schule in den eigenen vier Wänden bestehen im Detail keine. Bloss vage garantiert die Bundesverfassung allgemeinverbindlich die Grundrechte, insbesondere Glaubens- und Gewissensfreiheit, und macht allgemeine Bemerkungen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen (Artikel 11, 15.1, 49.1 und 67). Befürworter von Privatunterricht wie bildungzuhause.ch leiten aus der allgemeinen Bildungsfreiheit auch das Recht auf die Lehrerrolle von Eltern ab, doch wenige Kantonsverfassungen erwähnen Homeschooling so explizit wie die zürcherische. In anderen Kantonen gilt es deutlich höhere Hürden zu überspringen, und der Blick über die Grenze verheisst mindestens Richtung Norden nichts Gutes: Deutschland setzt die Schulpflicht in dafür vorgesehenen, öffentlichen Institutionen absolut und toleriert keine Ausnahmen.

In der Schweiz reicht die Palette in den jeweiligen Schulgesetzgebungen von einer nicht allzu kompliziert erhältlichen Registrierung elterlichen Unterrichts bis hin zu jährlich abzugebenden Programmen und Nachweisen, dass die Lehrkräfte für ihre Aufgabe befähigt sind. Und zu guter Letzt in sechs Fällen schlicht dem Verbot. Meist sind die Abweichungen politisch motiviert oder historisch bedingt. Kantone mit stark liberal formulierter Verfassungen, die lange nicht überarbeitet wurden, machen wenig Vorschriften. Viel höher sind die Hürden aufgrund der im 21. Jahrhundert teilweise harmonisierten Schulstrukturen (Stichwort HarmoS ) in Kantonen mit neueren Verfassungen oder Gesetzesbestimmungen. Stark vereinfacht lassen sich die Stufen der behördlichen Vorgaben so zusammenfassen:

A. In ein paar Kantonen ist nicht nur Unschooling, sondern auch Homeschooling grundsätzlich nicht zugelassen: Tessin, Uri, Ob- und Nidwalden, Zug und Thurgau.

B. Eine Bewilligungspflicht besteht bei den restlichen Ständen überall. Eingaben sind an die Erziehungs-/Bildungsdirektion zu richten. Allerdings beginnen die Unterschiede schon bei der Dauer der erteilten Bewilligung: Sie kann für die Grundschule, allenfalls, wie im Kanton Basel-Stadt, auch nur jährlich gelten (und danach zwingend erneuert werden).

C. In gewissen Kantonen müssen die Eingaben mit Ausführungen der Unterrichtsprogramme bis zu einem gewissen Detaillierungsgrad erfolgen und abgesegnet werden.
- Dabei wird in der leichter erfüllbaren Variante verlangt, dass die übergeordneten Lernziele mit jenen der entsprechenden Volksschulstufe übereinstimmen.
- Andernorts wird das weitgehende Befolgen des kantonal gültigen Lehrplans vorausgesetzt.

D. Am radikalsten gehen die Kantone vor, die von Personen, die eigene (oder angehörige) Kinder unterrichten wollen, gleich eine Lehrbefähigung erwarten. Es wird eine abgeschlossene pädagogische Ausbildung erwartet. In der strengsten Variante müssen also Eltern oder andere privat Unterrichtende wortwörtlich Lehrer für die besagte Altersstufe sein. In einer Zwischenstufe verlangen Kantone wie Bern, dass ausgebildete PädagogInnen nicht ausgebildete Privatlehrkräfte in gewissem Rahmen anleiten.

Zudem gilt in den meisten Kantonen eine Obergrenze für privat unterrichtete Kinder. Oft liegt diese bei vier (z.B. Kanton Luzern) oder bei fünf (Zürich) Kindern. Damit soll nebst dem Entscheid, ob Private überhaupt für den Unterricht infrage kommen, verhindert werden, dass sich schleichend private Konkurrenz zu staatlichen Schulen ohne entsprechende Kontrolle bildet.

Überblick über die Schulgesetzgebungen
Edudoc.ch hat alle wichtigen Paragrafen der Schulgesetzgebung hinsichtlich Homeschooling in einer kompletten PDF-Auflistung zusammengestellt. Mögliche Änderungen in den letzten knapp fünf Jahren sind jedoch vorbehalten.

Und was ist sinnvoll?
Unabhängig von der rechtlichen Situation und der Bewilligungspraxis stellen sich Eltern, die Kinder wegen grosser Distanz zur Schule, weltanschaulichen, staatskritischen oder anderen Gründen zu Hause lernen lassen wollen, weitere bedeutende Fragen:

1) Wie lange soll der private Weg voraussichtlich beschritten werden? Was bedeutet das Homeschooling im Hinblick auf eine Berufslehre oder etwaige höhere Ausbildungen nach Ablauf der obligatorischen Schulzeit? Solches gilt es auch ohne strengeren Bewilligungszwang der Schul- respektive Kantonsbehörde mit Fachleuten unter Berücksichtigung mehrerer Varianten abzuklären.

2) Reichen die Kenntnisse in Sachen Allgemeinbildung, Sprachen, Rechnen oder grundlegende Naturwissenschaften für den Heimunterricht überhaupt aus?

3) Trauen sich Mutter beziehungsweise Vater den mitunter nötigen Wechsel von der Eltern- in die Lehrerrolle zu?

4) Was bedeutet mittel- oder längerfristig der Verzicht des Kindes auf Kontakte mit Gschpänli ausserhalb der Familie? Gerade in abgelegenen Regionen hängt der Grund für Homeschooling (unpraktischer Schulweg) auch sonst mit wenig Nachbarskindern zusammen …

5) Bestehen Möglichkeiten und Kontakte zu Lehrern oder Schulbehörden, die bei der anforderungsreichen Aufgabe ein wenig unterstützend beistehen könn(t)en?

 

Erschienen in MM-Ausgabe 20
12. Mai 2014

Text
  Mag ich   Kommentare  20

 Drucken  E-Mail

Weitere Artikel zum Thema

 

Die beliebtesten Artikel der Rubrik

 


Kommentar verfassen


20 Kommentare

Dora Siegenthaler [Gast]

Geschrieben am
14. Mai 2014

Dieser Artikel hat mich gefreut. Es ist gut darüber zu reden. Unsere Kinder sind verschieden, darum müssten sie auch Ihren Bedürfnissen gemäss gefördert werden. Dass wir aus lauter Angst vor den Kosten so stur am staatlichen Schulmonopol festhalten, obwohl dieses System lange nicht allen Kindern gerecht wird, ist bedenklich. Ein Kurswechsel wäre längst fällig.

Pia Amacher [Gast]

Geschrieben am
13. Mai 2014

Unschooling, Homeschooling, Privatschulen, Freie Schulen und Staatsschulen, alle diese Bildungsangebote haben ihre Berechtigung, da sie einem Bedürfnis verschiedener Familien entsprechen. Die grosse Ungerechtigkeit ist jedoch, dass nur eines dieser Bildungsangebote, die Staatsschule, den ganzen Bildungskuchen (unsere Steuern) alleine essen darf. Damit werden das Staatsschulmonopol und die stetig wachsende Bildungsbürokratie künstlich am Leben erhalten. In Kanada hat jedes Kind Anspruch auf eine Bildungspauschale. Aufgabe des Staates ist, zu schauen, dass jedes Kind gebildet wird.

Rolf A [Gast]

Geschrieben am
13. Mai 2014

 

Weitere Kommentare anzeigen

  • Sie haben diesen Kommentar bereits gemeldet