21. Februar 2019

Leben in der Abgeschiedenheit

Auf den ersten Blick Postkartenidyll, auf den zweiten ein hartes Pflaster: Überalterung, schlechte Verkehrserschliessung, Abwanderung. Was eigentlich hält die Bewohner noch hier? Zu Besuch in drei Schweizer Bergdörfern.

Vrin GR
Vrin GR, 1448 m ü. M.; gehört zur politischen Gemeinde Lumnezia in der Surselva
Lesezeit 8 Minuten

Lucian Alig (23), Koch und Pächter des «Péz Terri», Vrin

Vrin befindet sich am Ende des Val Lumnezia. Wenn man von hier zu Fuss weitergeht, gelangt man auf die Greinaebene und später ins Tessin. Trotz der wenigen Einwohner – knapp 200 – gibt es hier Infrastruktur: einen Volg, eine Bäckerei, eine Metzgerei, zwei Beizen. Und ein Hotel mit Restaurant, das «Péz Terri». Lucian Alig hat den Betrieb vor vier Jahren gepachtet. Er war gerade mal 19, hatte erst seine Kochlehre in Ilanz abgeschlossen. Jetzt plant der Bündner seinen Wegzug: Anfang 2020 will er an der Hotelfachschule in Passugg die Weiterbildung zum diplomierten Hotelier beginnen.

«Es tut weh, alles aufgeben zu müssen. Aber ich will mir damit mehr Möglichkeiten schaffen.» Alig steht hinter dem Tresen, lässt sich einen Kaffee raus. Er habe lange überlegt, ob er gehen oder bleiben soll: «Weil ich so viel investiert und aufgebaut habe. Aber ich habe gezeigt, dass man auch an abgelegenen Orten erfolgreich wirten kann.» Er hofft, dass jemand den Betrieb weiterführen wird. «Bei mir steht der Stammtisch; hier treffen sich abends die Einheimischen.» Er plant, in die Nähe von Chur zu ziehen. «Mittlerweile habe ich den Drang, aus dem Dorf rauszukommen. Ich will neue Leute kennenlernen. Das war früher nicht so. Während der Lehre bin ich jedes Wochenende heimgefahren.»

Bald zum letzten Mal am Tresen des «Péz Terri» in Vrin: Pächter Lucia Alig.
Bald zum letzten Mal am Tresen des «Péz Terri» in Vrin: Pächter Lucia Alig zieht es weg.

Vrin hat zu kämpfen. «Wenn jemand geht, dann meist für immer. Zugezogene gibt es kaum. Und junge Familien schon gar nicht. Die letzten Geburten gab es 2015.» Alig glaubt, dass es für Auswärtige schwierig ist, sich hier einzuleben. «Man muss auf vieles verzichten und den Alltag genau planen. So ein Dorfleben hat seine Eigenheiten. Die soziale Kontrolle ist gross: Man schaut zwar zueinander, aber man fühlt sich ab und zu auch beobachtet und kontrolliert. Jeder weiss alles über jeden.» Ob er nach Vrin zurückkehren wird, weiss er nicht. «Die meisten Bewohner sind über 60. In den nächsten Jahren wird die Einwohnerzahl weiter schrumpfen. Dann steht wohl alles auf der Kippe.»

«Ich verstehe alle, die diese Nähe nicht aushalten und in die Anonymität der städtischen Agglomeration aufbrechen», sagt Architekt Gion A. Caminada.
«Ich verstehe alle, die diese Nähe nicht aushalten und in die Anonymität der städtischen Agglomeration aufbrechen», sagt Architekt Gion A. Caminada.

Gion A. Caminada (61), Architekt und ETH-Professor für Architektur und Entwurf, Vrin

«Ich bin tief verbunden mit Vrin, bin hier aufgewachsen, lebe und arbeite seit Jahrzehnten mit meiner Familie hier. Als Architekt beschäftige ich mich sehr oft mit dem Wandel der Lebensräume in Bergregionen. Die Arbeiten, die ich in Vrin verwirklicht habe, reichen von Vorschlägen für die Neuzuteilung von landwirtschaftlichen Grundstücken über die Planung der Kläranlage bis zum Bau der Stiva da Morts, einer Totenstube, und einer Telefonkabine.

Der Begriff Dorf bedeutet mir viel. Ich betrachte es nicht als Zwangsgemeinschaft. Selbstverständlich gibt es enge Kontrollen des Tuns und der jeweils verkörperten Haltung. Ich verstehe alle, die diese Nähe nicht aushalten und in die Anonymität der städtischen Agglomeration aufbrechen.

Die Einwohnerzahl der Dörfer sinkt. Diese Veränderung können wir nicht aufhalten. Wandel geschieht. Wir können ihn aber steuern. Die Dorfgrösse wird in Zukunft nicht mehr die gleiche Rolle spielen wie bisher. Die Ortschaften im Val Lumnezia haben sich zur Gemeinde Lumnezia zusammengeschlossen. Nun müssen wir die Beziehungen zwischen den einzelnen Fraktionen verbessern. Es geht um die Qualität der Nachbarschaften. Es braucht neue Ideen für die verschiedenen Fraktionen. Vrin hat mir viel gegeben. Auch für mein Schaffen ausserhalb des Tals. Dafür bin ich dankbar.»

Rasa TI, 898 m ü. M.; gehört zur politischen Gemeinde Centovalli im Bezirk Locarno
Rasa TI, 898 m ü. M.; gehört zur politischen Gemeinde Centovalli im Bezirk Locarno

Sascha Gloor (16), Schüler, Rasa

Sascha Gloor steckt seinen Schlüssel in den Schaltkasten der Talstation in Verdasio und betritt die Kabine der Seilbahn, die ihn hinauf nach Rasa bringen wird. Alle 22 Bewohner des Dorfs tragen so einen am Schlüsselbund, damit sie im Winter allein runter- und hochfahren können. Bedient wird die Seilbahn nur von März bis Oktober, dann, wenn auch Touristen und Wanderer nach Rasa kommen.

Sascha blickt hoch zum Dorf, das allmählich auf der Terrasse erscheint. «Bei Sturm wird der Betrieb eingestellt. Dann ist man entweder oben in Rasa oder unten im Tal gefangen.» Die Fahrt mit der Seilbahn ist die einzige Option für den 16-Jährigen – es sei denn, er will einen zweistündigen steilen Aufstieg zu Fuss auf sich nehmen. Eine Strasse gibt es nicht.

Sascha ist gebürtiger Aargauer und lebt seit vier Jahren mit seinen Eltern im Tessiner Bergdorf. Diese hatten schon lange eine Vorliebe für das Tessin, die Familie besass jahrelang einen Dauerstellplatz auf der Campinganlage in Tenero. Als sich ihnen die Möglichkeit einer Anstellung in der Herberge Campo Rasa in Rasa bot, fragten sie Sascha, ob er sich einen Umzug vorstellen könnte. Er zögerte. So weit entfernt von allem zu leben, schien ihm ein wenig übertrieben.

«Inzwischen finde ich es gar nicht so schlimm.» Obwohl Sascha der einzige Jugendliche im Dorf ist, hat er immer etwas zu tun. Er liebt das Biken, repariert defekte Apple-Geräte oder trägt dem älteren Nachbarsehepaar das Brot von der Bergstation nach Hause. «Ich konnte mich schon immer gut selber beschäftigen.» Und wenn er seine Freunde treffen wolle, dann müsse er das einfach planen.

Das Tessiner Terrassendorf Rasa ist nur per Seilbahn oder zu Fuss erreichbar.
Das Tessiner Terrassendorf Rasa ist nur per Seilbahn oder zu Fuss erreichbar. «Bei Sturm ist man entweder oben in Rasa oder unten im Tal gefangen», sagt Sascha Gloor.

Eine grössere Einschränkung als die Seilbahn war für Sascha stets die Zugverbindung: Die letzte Centovalli-Bahn ab Locarno fährt um 19.07 Uhr. «Viel zu früh!» Seit er den Rollerausweis hat, ist er aber flexibler geworden. Inzwischen ist die Seilbahn in Rasa angekommen. Sascha nimmt den Weg durch die Gassen. Niemand sonst ist unterwegs, das Dorf wirkt ausgestorben.

Sascha plant eine Lehre als Mechaniker – im Tessin. «Ich will bleiben. Ich fühle mich wohl hier.» Und wenn dann noch die schlechte Internetverbindung besser wird, wäre er vollends zufrieden. Denn die führt ihm täglich vor Augen, dass er doch abgelegener lebt als andere.

«Man muss die Ruhe und die Einsamkeit mögen, wenn man hier glücklich sein will.», sagt Künstler Renato Domiczek.
«Man muss die Ruhe und die Einsamkeit mögen, wenn man hier glücklich sein will.», sagt Künstler Renato Domiczek.

Renato Domiczek (71), Künstler und Keramiker, Rasa

«Ich stamme aus der Deutschschweiz und lebe seit 45 Jahren in Rasa. Mir ist klar, dass ich nie ein echter Einheimischer sein werde – obwohl unsere beiden Töchter hier aufgewachsen sind, ich früher als Landwirt viel für das Kulturland rund um das Dorf getan habe und im Gemeinderat war. Das ist das Dilemma vieler Deutschschweizer im Tessin: Auch wenn sie die Sprache lernen und den Kontakt suchen, ganz dazugehören werden sie nie. Der Weg zu einer partiellen Integration ist sehr lang. Die Akzeptanz der Kinder war sicher grösser als die meinige. Sie sind in Intragna und Losone zur Schule gegangen, haben den Dialekt verstanden und nennen das Tessin heute ihre Heimat.

Von den 13 Menschen, die hier ganzjährig leben, gibt es noch zwei Einheimische. Ohne Zugezogene würde es das Dorf so wohl nicht mehr geben. Wir unterstützen einander im Winter, stapeln Holz füreinander oder helfen mit Lebensmitteln aus. Ich bin aber auch gern allein. Man muss die Ruhe und die Einsamkeit mögen, wenn man hier glücklich sein will. Trotz meines Status als ‹ewiger Zucchini› ist für mich klar: Rasa ist mein Zuhause.»

Meien UR, 1313 m ü. M.; gehört zur  politischen Gemeinde Wassen im Reusstal
Meien UR, 1313 m ü. M.; gehört zur politischen Gemeinde Wassen im Reusstal

Yvonne Gamma (58), ehemalige Wirtin und Hausfrau, Meien

Das Tal ist eng, die Hänge sind steil. Der Weg ins Meiental windet sich. Im Dorf angekommen, wähnt man sich in einer anderen – verlasseneren – Welt, obwohl es von hier nur 30 Minuten Autofahrt nach Altdorf sind. Die Strasse nach Wassen wurde in diesem Winter wegen der Lawinengefahr schon mehrere Male gesperrt, die Bewohner waren abgeschnitten.

Yvonne Gamma lebt seit 20 Jahren hier. Die gebürtige Luzernerin übernahm mit ihrem damaligen Mann ein Wirtshaus. Die Ehe zerbrach, Yvonne Gamma blieb – auf Wunsch ihrer vier Kinder. «Sie hatten sich an ihre Freiheit und das Leben in den Bergen gewöhnt.» Heute lebt sie mit ihrem neuen Partner Roland zusammen, einem Einheimischen.

Die 58-Jährige rührt in ihrem Kaffee, blickt aus dem Fenster an die schneebedeckten Hänge. Vor zehn Jahren donnerte ihr eine Lawine ins Haus. Die Wucht war nicht mehr so stark, dennoch zerstörte sie den Keller. «Da war mir schon etwas mulmig zumute.» Ihr Schwiegervater meinte damals, so eine Lawine komme nur alle 50 Jahre. «Das heisst, wir müssten noch eine Weile sicher sein.»

Yvonne Gamma lebt seit 20 Jahren mit der Lawinengefahr.
Yvonne Gamma lebt seit 20 Jahren mit der Lawinengefahr.

Wegen dem grossen Lawinenrisiko können die Kinder oft nicht nach Wassen in die Schule gehen. Früher hätten die Lehrer deswegen schwierig getan. Aber seit bei Gurtnellen eine Lawine die Strasse begraben und einen Bus mit Kindern nur um fünf Minuten verpasst habe, seien auch sie entspannter geworden. Von Yvonne Gammas Kindern lebt nur noch der jüngste Sohn im Dorf. Auch die älteste Tochter wollte eigentlich bleiben. «Aber ihr Mann ist auswärts tätig und hätte nicht einfach der Arbeit fernbleiben können, weil die Strasse im Winter gesperrt ist.»

Seit Jahren kämpfen die Bewohner für eine Galerie, die die Strasse auch im Winter sichern würde. Doch der Kanton habe kein Geld dafür, sagt Yvonne Gamma. Als sie ihr Haus umbauten, riet man ihnen, doch in Altdorf etwas zu kaufen und ihr Erspartes nicht in Meien zu verschwenden. «Das machte mich wütend. Hier oben leben Menschen, und man vergisst uns immer wieder.» Meien sei nicht nur die Heimat ihres Mannes, sondern inzwischen auch ihre.

«Mein Traum ist es, dass wir es schaffen, mit den zugezogenen Familien wieder ein gewisses Dorfleben zu etablieren», sagt Nicolas Etter.
«Mein Traum ist es, dass wir es schaffen, mit den zugezogenen Familien wieder ein gewisses Dorfleben zu etablieren», sagt Nicolas Etter.

Nicolas Etter (48), Kaufmännischer Angestellter, Meien

«Es hat Überwindung gekostet, dieses Projekt in Angriff zu nehmen und einen Grossteil meiner Ersparnisse zu investieren. Ich bin im Meiental aufgewachsen und lebe hier im Weiler Kapelle. An den Wochenenden ist auch meine Familie hier. Als ich die Chance sah, gleich nebenan zwei Häuser zu kaufen, habe ich das gemacht. Ich habe sie abreissen lassen, nun soll ein modernes Doppelhaus mit Platz für zwei Familien entstehen. Ich will damit Zuzügern eine Möglichkeit bieten, ein gemütliches Zuhause mit Komfort. Der Standort ist gut: sicher, geschützt und im Herzen des Tals. Gesellschaftliche Ereignisse spielen sich meistens hier im Kern von Meien ab.

Mein Traum ist es, dass wir es schaffen, mit den zugezogenen Familien wieder ein gewisses Dorfleben zu etablieren. Ich denke da natürlich an unsere beiden Kinder, die in zwei Jahren auch dauerhaft hier leben werden und jetzt schon potenzielle Freunde im Dorf hätten.

Der Mietzins für eine 4,5-Zimmer-Wohnung mit 125 Quadratmetern wird sich bei rund 1300 Franken bewegen. Das ist deutlich weniger als unten in Altdorf, wo der Marktpreis bei 2300 Franken liegt. Die tieferen Mietpreise sollen für einen gewissen Mehraufwand entschädigen, den man hat, wenn man hier oben lebt. Im Frühjahr 2020 werden die Wohnungen bezugsbereit sein. Ich mache das nicht des Geldes wegen, sondern weil mir Meien am Herzen liegt und ich dem Dorf eine reelle Chance für die Zukunft geben will.»

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