08. November 2019

Leben ohne die Eltern

Scheiden tut weh – und die Kinder leiden oft jahrelang unter dem Trauma der elterlichen Trennung. Die Regisseurin Jacqueline Zünd hat in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm «Where We Belong» fünf Scheidungskinder erzählen lassen – auch die 17-jährige Sherazade.

Sherazade lebt seit der Scheidung ihrer Eltern im Heim.
Sherazade lebt seit der Scheidung ihrer Eltern im Heim.

Die Statistik spricht eine klare Sprache: Zwei von fünf Ehen in der Schweiz werden geschieden – Tendenz steigend: 2018 gab es vier Prozent mehr Scheidungen als im Vorjahr. Zwar sind immer weniger minderjährige Kinder betroffen: Ihr Anteil ist seit Mitte der 90er-Jahre unter die 50-Prozent-Marke gesunken; 1970 zählten bei 60 Prozent der Scheidungen auch Minderjährige zu den Leidtragenden, 2018 nur noch bei 46 Prozent. Doch hinter den nackten Zahlen des Bundesamts für Statistik verstecken sich oft bewegende Geschichten, gerade für die Kinder: Wie ist es, wenn die Eltern sich nicht mehr lieben und sich trennen? Wenn Mutter und Vater sich streiten? Wenn ein Kind ins Heim muss?

Gefühle statt Fakten

Auf diese und weitere Fragen gibt der Dokumentarfilm der Schweizer Regisseurin Jacqueline Zünd (48) Antworten. Der Film hat den «CH-Dokfilm-Wettbewerb» des Migros-Kulturprozents gewonnen (siehe unten). «Where We Belong» gibt fünf Scheidungskindern Raum, über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen. Der Film zeigt, wie zerbrechlich Kinder sind, aber auch, welche Erklärungen und Überlebensstrategien sie sich zurechtlegen, wenn ihre Fragen unbeantwortet bleiben. Die Erwachsenen bleiben im Hintergrund oder unsichtbar. «Mich hat die Perspektive der Kinder interessiert. Mir geht es um ihre Emotionen und nicht um Fakten», sagt die Regisseurin. Auch ihr Sohn hat zwei Zuhause. «In seiner Klasse war er lange das einzige Trennungskind – so sah es zumindest aus. Das Scheitern der Idee von der glücklichen Familie ist offenbar noch immer schambelastet, obwohl 40 Prozent der Ehen geschieden werden. Dieses Paradox hat mich interessiert.»

Kinder im Loyalitätskonflikt

Eine der Protagonistinnen ist die 17-jährige Sherazade aus Basel (siehe unten: Ich habe es verpasst...). Sie erzählt, wie sie mit der Scheidung ihrer Eltern umgeht und warum sie sich im Heim sicherer fühlt als bei Mutter oder Vater. Sherazades Eltern stritten in ihrer Anwesenheit. Was macht das mit einem Kind? Die Berner Psychotherapeutin Liselotte Staub, Autorin des Ratgebers «Trennung mit Kindern – was nun?», sagt: «Es bringt die Kinder in einen Loyalitätskonflikt. Kinder sind das ‹Produkt› beider Eltern und lieben in der Regel beide. Sie fühlen sich ‹beschädigt›, wenn ein Elternteil über den anderen herzieht und somit einen Teil ihrer selbst heruntermacht.» Zudem wüssten die Kinder nicht, auf welche Seite sie sich stellen sollen. Ergreifen sie Partei für die Mutter, enttäuschen sie den Vater und umgekehrt. «Diese Pattsituation ist für Kinder unerträglich.»

Emotionaler Missbrauch

Ein anhaltender Konflikt erhöhe das Risiko eines emotionalen Missbrauchs des Kindes: indem die Eltern versuchten, das Kind auf ihre Seite zu ziehen und in ihm einen Verbündeten gegen den anderen Elternteil sehen. Das ist auch auch bei Sherazade geschehen: Ihr Vater redete schlecht über die Mutter, was dazu führte, dass die Kinder nach der Trennung eigentlich beim Vater hätten leben wollen. Das Sorgerecht hatte jedoch die Mutter. Liselotte Staub sagt dazu: «Lieber stellen sich die Kinder auf die Seite eines Elternteils, als diese Spannungen auszuhalten.» Damit würden Kinder jedoch unbewusst ihre Verbindung zu einer wichtigen Bezugsperson opfern.

Sherazade kann sich nicht daran erinnern, dass es eine Mutter gab, als sie ein Kind war. Ihr Vater dominierte das Familienleben. Liselotte Staub hält es für möglich, dass die Mutter-Tochter-Beziehung im Erwachsenenalter eine neue Qualität erhalten wird. Aber eine beschädigte Beziehung zu reparieren, folge eigenen Gesetzen, die sich nicht verordnen oder einfordern liessen. «Es ist nicht alles reparierbar im Leben», sagt Liselotte Staub.

Sherazade redet im Film "Where We Belong" über die Spannungen in ihrer Familie.

Das Kulturprozent unterstützt Dokumentarfilme

Der Dokumentarfilm ist eine Kernkompetenz im Schweizer Filmschaffen. Um ihm eine Plattform zu bieten und den Diskurs über gesellschaftlich relevante Themen anzuregen, veranstaltet das Migros-Kulturprozent einen zweistufigen Dokumentarfilm-Wettbewerb. Die Realisierung des Gewinnerprojekts wird mit einem Beitrag in der Höhe von 400 000 Franken sowie mit zusätzlicher Unterstützung durch SRG SSR in der Höhe von 80 000 Franken finanziert. Die Gewinner müssen sich also nicht mit einer langen Finanzierungsphase aufhalten, sondern können direkt loslegen. Eine Ausgangslage, die in dieser Form einzigartig ist in der Schweiz. «CH-Dokfilm-Wettbewerb» wird unterstützt durch Engagement Migros, einen Förderfonds der Migros-Gruppe. Die Regisseurin Jacqueline Zünd ist mit «Where We Belong» die Gewinnerin des fünften «CH-Dokfilm-Wettbewerbs» zum Thema Raum.

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