19. Juli 2017

Endlose Wildnis

Der Norden Finnlands ist sowohl für Outdoorfans als auch Kulturreisende interessant. Ein Lapplandtrip führt in unberührte Natur und vermittelt spannende Einblicke in indigene Kultur.

Blick in die Mitternachtssonne in Lappland
Blick in die Mitternachtssonne: Am nördlichsten Zipfel Lappland dauert der längste Tag zwei Monate.

Baumlose Hügel, die wie Glatzen von in der Erde lebenden Riesen aus einem Meer von Föhren und Birken ragen. Hier ein Rentier, da ein Schwarm Wildgänse, dort ein spiegelndes Gewässer. So präsentiert sich die Landschaft in Finnisch-Lappland, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Es ist die Wahlheimat von Renate Winter (52).

Die Aargauerin kam vor rund 30 Jahren für ein Austauschjahr nach Finnland. «Ich wollte die Sprache lernen, damals war ich noch jung und leichtsinnig», sagt sie und lacht. Finnisch gilt als eine der schwersten europäischen Sprachen überhaupt.

Die Aargauerin Renate Winter lebt seit 2011 wieder in Lappland: «In der Schweiz war es mir einfach zu eng.»

Die Finnen sind davon überzeugt, dass man ihr Land nicht kenne, wenn man nicht in Lappland gewesen sei. Darum suchte sich Renate Winter nach dem Studium in Helsinki einen Job im hohen Norden. Dort verliebte sie sich – in die Gegend und in einen Mann, den sie heiratete und mit dem sie zwei Kinder bekam. Wegen der Ausbildung der beiden kehrte sie 2001 – inzwischen geschieden – in die Schweiz zurück. Das Intermezzo dauerte zehn Jahre, dann packte sie erneut ihre Koffer und zog zurück in den Norden. Allein.

Sie sagt: «Es war mir einfach zu eng in der Schweiz.» Hier, in Lappland, gehe sie zur Tür hinaus «und dann ich bin wirklich draussen». Allein auf weiter Flur. Renate Winter wohnt in Saariselkä, einem Wintersportort mit rund 300 Einwohnern und 20 000 Betten für Feriengäste. Das klingt nach viel Trubel, aber die Menschenmassen verteilen sich gut. Das Gemeindegebiet ist mit 17 000 Quad­rat­kilometern beinahe halb so gross wie die Schweiz. Renate Winters Haus befindet sich etwas abseits der Hotels; es liegt im Wald.

Das einsame Haus am See ist der Wohntraum vieler Finnen.

Auf der Suche nach Ruhe und Natur Noch lieber wäre der Auswanderin ein Häuschen an einem See oder am Meer, ohne Nachbarn weit und breit. Das ist entlarvend. Die abgeschiedene Bleibe am Wasser ist eigentlich der Wohntraum jedes Finnen. Die ehemalige Austauschstudentin ist inzwischen mehr Finnin als Schweizerin.

Reine Luft, klares Wasser und endlose Weite

Heute sehnen sich auch immer mehr Touristen nach Ruhe und Natur. Das ist mit ein Grund, warum die Destination boomt. In den letzten sieben Jahren stiegen die Übernachtungszahlen um über 30 Prozent. Hauptsaison ist der Winter. Für Mitteleuropäer ist der garantierte Schnee ein Grund, so weit zu reisen. Chinesen und andere Gäste aus asiatischen Ländern sind vor allem angetan von der reinen Luft, dem klaren Wasser und der endlosen Weite – und natürlich von den Nordlichtern.

Im Sommer sieht man sie nicht, obwohl die elektrisch geladenen Teilchen des Sonnenwinds beim Eintritt in die Atmosphäre auch in der warmen Jahreszeit Licht erzeugen. Aber es ist dann arm an Kontrast, es wird einfach nie dunkel. Am nördlichsten Zipfel von Lappland dauert der längste Tag rund zwei Monate, vom 17. Mai bis 27. Juli. In dieser Zeit zeigt sich die Mitternachtssonne – von der man um diese beiden Daten die schönsten Bilder schiesst; wenn die Sonne jeweils kurz unter den Horizont taucht, um gleich darauf wieder von Neuem zu erstrahlen.

Der finnische Sommer kann recht launisch sein.

Der finnische Sommer ist allerdings launisch. Es kann sein, dass Mitteleuropa gerade unter einer Hitzewelle ächzt, während es in Lappland schneit. Wobei man je nach Präferenz das eine dem anderen durchaus vorziehen kann. Zumal man auch Wochen erwischen kann, in denen es zwar angenehm warm ist, aber dafür eine Mückenplage herrscht. Und überhaupt: Wer kalt hat, sitzt einfach in die Sauna. Davon gibt es in Finnland mehr als zwei Millionen, und das bei einer Einwohnerzahl von 5,5 Millionen.

Wie eine echte finnische Staatsbürgerin, die sie seit 1990 auch offiziell ist, beklagt sich Renate Winter schon lange nicht mehr übers Wetter, sondern schlüpft bei Bedarf einfach in Gummistiefel und Regenjacke. Wann immer möglich, geht sie hinaus in die arktische Natur, die dem Boden im Spätsommer Beeren und Pilze entlockt. Die Streifzüge im Grünen sind für die Wahlfinnin der perfekte Ausgleich zu ihrem stressigen Job. Wie die meisten Einheimischen arbeitet sie im Tourismus. Sie ist Rezeptionistin und Troubleshooter beim zentralen Buchungszentrum von Saariselkä, das rund 300 Ferienhäuser und Wohnungen, Mountainbikes und Outdooraktivitäten anbietet. Zusätzlich arbeitet sie als Freelance-Reiseleiterin sowie als Museumsführerin.

Frage nie, wie gross die Herde ist!

Auch wer mehr auf Kultur als auf Natur steht, kommt über dem Polarkreis auf seine Kosten: Lappland ist die Heimat der Saamen, die man früher auch Lappen nannte, was inzwischen jedoch aufgrund der Nähe zum altgermanischen Wort «Lapp» für Lumpen verpönt ist.

Die indigene Urbevölkerung des Nordens ist über alle skandinavischen Länder und Russland verteilt. Bis Ende des 19. Jahrhunderts lebten die Saamen als Halbnomaden und folgten den Rentieren. Heute besitzen viele zwar noch eine kleinere oder grössere Rentierherde. Aber um nach ihren Tieren zu schauen, setzen sie sich in der Regel auf das Schneemobil oder das Motorrad.

Geir Tiainen posiert stolz in seiner Tracht.

Im Umgang mit den Saamen können Touristen eigentlich nur einen Fehler begehen: nach der Grösse der Herde zu fragen. «Das ist, wie wenn ich Sie nach ihrem Kontostand fragen würde», erklärt Geir Tiainen (20). Er hat eben die Matura bestanden und verbringt den Sommer bei seinen Eltern, die ein Feriendorf in Lemmenjoki betreiben und eben auch ein paar Rentiere besitzen.

Viel lieber als über die Grösse der Herde spricht er über seine Tracht, in der er auch gern für Fotos posiert: «Meine Mutter hat sie in rund 90 Stunden Handarbeit für mich angefertigt. Falte über Falte. Der Stoff um die Hüfte besteht aus rund 25 Meter Tuch. Unglaublich, nicht wahr?» Geir stimmt spontan einen Joik an. Der traditionelle Gesang der Saami ist dem Jodel verwandt, erinnert aber mit seinem eintönig kehligen Klang eher an den Singsang nordamerikanischer Indianer. Die Lieder erzählen in der Regel von der Sonne, der Natur und den Tieren, die in ihr leben.

Bei so viel Folklore sind unwissende Zuhörer schnell mal peinlich berührt und fragen sich: «Macht der junge Mann, das bloss für die Touristen?» Macht er nicht. Gerade die jungen Saami suchen heute wieder nach ihren Wurzeln und versuchen, ihre Sprache und Kultur in die Neuzeit zu retten.

Das kommt nicht von ungefähr: Bis Ende der 60er-Jahre wurden die Saamikinder zwecks Assimilierung in Internate gesteckt. Während sich Norwegen und Schweden inzwischen dafür entschuldigt haben, warten die finnischen Saamen noch immer auf eine entsprechende Geste ihrer Regierung. Immerhin ist die ethnische Minderheit heute offiziell anerkannt, und mit dem Saamiparlament am Hauptort Ivalo gibt es ein Organ mit beratender Funktion.

Anna Karhu hat die Sprache ihrer Kultur verloren. Ihre Kinder schickt sie darum in die Saami-Schule.

Doch es gibt Narben: Heute sprechen oft nur noch ältere Einwohner einen der drei finnischenSaamidialekte. Anna Karhu (36) etwa musste die Sprache ihrer Vorfahren mühsam erlernen. Darum schickte sie ihre Tochter Siiri (8) in eine Krippe, in der Saami gesprochen wurde. Das Mädchen lernte dort Inarisaami, eine Sprache, deren heute weltweit nur noch rund 500 Personen mächtig sind. «Mit der Sprache geht so viel Wissen verloren. Darum ist es mir wichtig, dass sie erhalten bleibt», sagt Anna, die mit ihrer Familie in einem Haus am See wohnt, zwei Kilometer von der nächsten Strasse entfernt.

Auch Ari und Johanna lassen sich gerne in ihrer Festtagstracht ablichten.

Auch Johanna (30) musste die Sprache ihrer Grosseltern erlernen. Sie ist Event-Managerin, ihr Freund Ari (33) arbeitet in einem Testcenter für Autoreifen. Im Nebenerwerb züchtet das Paar Rentiere. Unlängst haben die beiden ihren Wohntraum realisiert: ein Haus im Wald, unweit des Sees. Zumindest in diesem Bedürfnis nach Abgeschiedenheit sind sich Finnen und Saamen gleich.

Wer ganz in die finnisch-saamische Seele eintauchen möchte, sollte eine mehrtägige Wanderung in einem Nationalpark unternehmen. Denn erst wenn man die Komfortzone verlässt, kann man den Zauber der grenzenlosen Wildnis und Weite wirklich spüren. Die Parks bieten meist ein gut ausgeschildertes Wegnetz und unbewartete Hütten, in denen man gratis übernachten kann. Einige sind neben Holzofen, Gaskocher und Holzpritschen mit einer Sauna ausgestattet. Und manche liegen sogar direkt an einem See.

Die Recherche zu dieser Reise wurde unterstützt von Inari-Saariselkä Tourism.

Benutzer-Kommentare

Mehr zum Thema

Die unendliche Weite Lapplands