11. Januar 2016

Ildikó Kürthy, die Frauenversteherin

Blond, schlank, faltenlos. Ein Männertraum? In ihrem neuen Buch «Neuland» beschreibt die deutsche Autorin Ildikó von Kürthy, was man als wandelndes Klischee so alles erlebt. Ein Gespräch über Schönheitswahn und weibliche Unzufriedenheit. Und: «Zum Glück haben auch Männer manchmal Verstand».

Ildikó von Kürthys Botox-Geständnis
Ildikó von Kürthy: «Beim Botoxspritzen lief nicht alles rund. So hatte ich zunächst ein blaues Auge und dann eine blaue Lippe.»

Ildikó von Kürthy, Sie haben einen netten Mann, zwei gesunde Kinder, und Ihre Bücher sind Bestseller. Dennoch fehlt Ihnen offenbar etwas Wichtiges für ein zufriedenes Leben – eine schlanke Linie und blonde, lange Haare.

Zunächst: Mein Mann ist nicht nett, und ich wollte nie eine Blondine sein. Aber Teil meines Selbsterfahrungsjahrs war es, einmal so klischeehaft schön wie möglich zu sein und herauszufinden, ob das glücklicher macht.

Für Ihren Selbstversuch haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten das ganze Programm absolviert: Blondierung, Haarverlängerung, Diäten, Botox, Hyaluron und Abfrieren von Fettpolstern – nur den Chirurgen liessen Sie nicht ran.

Es war ein Martyrium. Ich musste erst meine Haare wachsen lassen und durfte sie nicht mehr färben. So sah ich zeitweise aus wie das Langhaar-Meerschweinchen eines kriminellen Hobbyzüchters. Beim ersten Bleichen wurden meine Haare orange, und dann kamen die Extensions nicht, weil die Post streikte. Beim Schulfest trug ich einen Turban, weil sich meine Söhne geschämt haben. Sie meinten, sie würden gemobbt mit so einer Mutter. Auch beim Spritzen lief es nicht rund: So hatte ich zunächst ein blaues Auge und dann eine blaue Lippe.

Rechtzeitig zum Deutschen Filmpreis waren Sie dann aber wiederhergestellt oder, besser gesagt, Sie sahen wie eine klassische blonde Schönheit aus. Wie fühlte sich das an?

Es war ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich dachte: Schönsein muss schön sein. Das stimmt aber nicht. Zumindest nicht, wenn man ganz anders ist, als man aussieht.

Sie haben sich von sich selber entfremdet?

Ich habe mich nicht wiedererkannt und hatte Heimweh nach mir selbst. Ich sendete Signale aus, die ich nicht aussenden wollte. Das war mir manchmal richtig peinlich.

Was für Signale denn?

Man sah mir an, wie dringend diese Frau gefallen will. Und was sie dafür alles in Kauf nimmt. Wenn mir Geld runtergefallen ist, musste ich fremde Leute bitten, es für mich aufzuheben. Lange Fingernägel sind eine enorme Behinderung. Und dann konnte ich nicht mal mehr böse gucken.

Ildikó von Kürthy: eine unauffällige Frau mit braunen Haaren ...
Ildikó von Kürthy: eine unauffällige Frau mit braunen Haaren ...

Gab es auch Momente, in denen Sie Ihre Schönheit geniessen konnten?

Selten. Es war ja nicht meine Schönheit. Ich stieg ins Flugzeug, und der Pilot winkte mir zu. Ich dachte, ich sehe nicht recht! In meinem ganzen Leben hat mir kein Mann zugewinkt. Ich hab das allerdings bisher auch nicht vermisst. Als eher unauffällige Frau mit braunen, meist kurzen Haaren habe ich eine eher kleine Zielgruppe. Das reicht mir.

Das heisst, Sie haben mit der Schönheit abgeschlossen?

Ich kann nicht ausschliessen, dass ich nochmals Experimente mache. Dieses gemachte Gesicht hatte durchaus seinen Reiz. Ich sah deutlich jünger aus. Gleichzeitig habe ich mich so geschämt für Komplimente: «Wow, du siehst zehn Jahre jünger aus.» «Vorher sahst du aus wie deine eigene Mutter.» «Du bist ein ganz anderer Mensch.» Da dachte ich mir: Was sagen die in einem Monat, wenn ich wieder pummelig und brünett bin?

Angeblich stehen Männer auf Blondinen, weil die eine hellere Haut haben – und das ein vermeintliches Indiz für Gesundheit und Fruchtbarkeit ist.

Zum Glück haben auch Männer manchmal etwas Verstand. Aber man darf die Urinstinkte nicht unterschätzen. Frauen sind davor nicht gefeit: So wie sich Männer von Anzeichen von Fruchtbarkeit betörenlassen, lassen sich Frauenzuweilen von Versorgungsaspekten und Statussymbolen beeindrucken.

Sie schreiben: «Frauen wollen gar nicht in erster Linie für die Männer blond und schlank sein, sondern für andere Frauen.»

Alle behaupten, dass sie für sich selber schön sein wollen. Das stimmt natürlich nicht. Aussehen ist keine Privatsache, und Botox ist asozial. Wenn alle mit 50 aussehen wie mit 40, sieht man als ungemachte 40-Jährige ziemlich alt aus. Das auszuhalten, braucht schon viel Selbstbewusstsein. Das ist wie mit den Fotos in den Zeitschriften: Die werden alle bearbeitet. Eigentlich müsste ich konsequenterweise sagen: Zeigt mich doch so, wie ich bin! Aber neben den künstlichen Schönheiten würde ich wie eine alte Regentonne aussehen.

Ist das der Grund, warum Sie für unser Shooting auf einem Styling bestanden haben?

Ja. Ich bin eine Niete am Pinsel. Da verlasse ich mich lieber auf Experten – man kommt sonst so steinzeitlich daher. Das ist, wie wenn alle ein Feuerzeug haben, und selber versucht man, das Feuer noch mit Holz und Zunder zu entfachen.

Ungeschminkt: Ildikó von Kürthy
Ungeschminkt: Ildikó von Kürthy erlaubte dem Fotografen ein Bild ohne Make-up.

Das heisst, wenn alle Botox spritzen, muss man mitziehen?

Die Sehgewohnheiten verändern sich – sich dem zu entziehen ist sehr schwer. Mittlerweile finde ich künstliche Titten fast schöner als echte. Das ist wie mit den UGG-Boots. Das sind eigentlich die scheusslichsten Schuhe überhaupt. Ich hab die aber so oft gesehen, dass ich inzwischen schon denke: Sieht irgendwie ganz okay aus. Das, was man oft sieht und einem als schön verkauft wird, findet man irgendwann schön. Und schon ist der Druck da, einem Schönheitsideal entsprechen zu wollen.

Sie sagen heute also nicht: Nie mehr Botox!

Nein, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich bin von Frauen mit Idealmassen im Gesicht umgeben. Aber natürlich hoffe ich, dass ich mit Verstand älter werde und mit den Zeichen der Zeit leben lerne.

Wie schafft man das?

Indem man das Hirn einschaltet und mal die Problemzonen im Kopf bekämpft anstatt immer nur die am Arsch. Man sollte das Alter als Entwicklung betrachten, in der man etwas hinter sich lassen muss, aber auch darf. Wir müssen nicht mehr ständig den Bauch einziehen und uns in die Jeans unserer Tochter zwängen! Jetzt geht es um anderes: klüger, weiser, gelassener werden. Es gibt ein paar schöne Zeilen von Hermann Hesse: «Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit.»

Ist das eine 'Sünde' wert?
Ist das eine 'Sünde' wert?

Haben Sie deshalb während Ihres Selbsterfahrungsjahrs auch ein Schweigekloster und ein Sterbehospiz besucht?

Ich hatte eine Sehnsucht, ohne genau zu wissen, wonach. Das haben viele Frauen in meinem Alter: Die Kinder sind aus dem Haus, die Beziehung läuft, im Job ist man etabliert. Da stellte sich so ein zäher Missmut mit der Zufriedenheit ein.

Frauen sind nie zufrieden. Warum eigentlich?

Männer haben eine grössere Duldungsspanne. Es kommt nicht selten vor, dass Frauen sich scheiden lassen, während Männer denken: Es läuft eigentlich alles recht gut. Das ist quasi genetisch. So wie Frauen mehr reden als Männer und sich mehr Gedanken machen – über ihren Partner und über sich selbst.

Frauen denken gemäss einer britischen Studie 36 Mal am Tag schlecht über ihr Aussehen.

Ich möchte gar nicht wissen, wie oft sie zudem negativ über ihren Charakter, ihre Mutterrolle oder ihr Unperfektsein in Sachen Küche und Karriere nachdenken! Mit Sicherheit ist Aussehen ein grosser Unzufriedenheitsfaktor. Das gilt auch für jüngere Frauen, die im Vergleich zur alternden Frau eigentlich viel weniger Grund dazu haben.

Das hat einen direkten Einfluss auf den Selbstwert – vor allem weil angeblich Dreiviertel der Frauen ihr Selbstbewusstsein über ihr Aussehen definieren.

Das Aussehen ist der erste Eindruck. Daran lässt sich nicht rütteln. Und Schönheit ist ein Skandal. Es ist schreiend ungerecht, wie ungleich Menschen behandelt werden, je nachdem, wie sie aussehen. Aber so ist es. Keiner kann sich dem Reiz der Schönheit entziehen.

Das Glas ist mehr als halb voll
Das Glas ist mehr als halb voll.

Vor Fernsehauftritten sind Sie noch immer extrem nervös. Sie sollten doch vor Selbstbewusstsein strotzen - mit 6 Millionen verkauften Büchern.

Das ist naiv und klingt so, als ob man keine Sorgen mehr hätte, nur weil man Erfolg hat. Als hätte man keine Verdauung mehr und würde nie mehr rülpsen, bloss weil man auf Platz eins der Bestsellerliste steht. All das merzt doch die eigenen Schwächen und Ängste nicht aus.

Wie überwinden Sie Ihre Angst?

Gar nicht. Ich habe Angst und tu es trotzdem. Ich halte mich an ein Zitat von Stendhal: «Wer zittert, langweilt sich nicht.» Es lohnt sich immer wieder, Angst zu überwinden, um sich lebendig zu fühlen.

Dieses mangelnde Selbstvertrauen haben Männer weniger.

Man kann das auch dramatische Selbstüberschätzung nennen. Ich wundere mich manchmal schon, woher Männer dieses zum Teil unbegründete Selbstbewusstsein nehmen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht für Frauen nicht möglich, Selbstbewusstsein aus einem dicken Portemonnaie und einem spannenden Beruf zu ziehen?

Es ist nicht unmöglich. Wir haben nur wenig Übung darin. Und es ist ein langer Weg, sich von traditionellen Rollenbildern zu befreien. Das merke ich an mir selbst ständig. Ich habe ein Faible für erfolgreiche Männer und werde immer noch hellhörig, wenn einer zu Hause bleibt und sagt: «Ich mach die Kinder, und meine Frau verdient das Geld.» Das finde ich eigentlich super, aber gleichzeitig denke ich: Nicht so leicht, dann auch noch männlich zu bleiben.

Sie erwirtschaften vermutlich ein Mehrfaches als Ihr Mann. Finden Sie ihn noch sexy?

Mein Mann hat das sehr gut hingekriegt. Er holt die Kinder fast jeden Tag von der Schule ab und ist trotzdem ein sehr cooler Typ. Er sitzt mit ihnen im Sandkasten und ist trotzdem kein Schwächling. Ich bin wahnsinnig dankbar für diesen Glücksfall. Dazu kommt: Ich bin ja nicht nur erfolgreich, sondern auch fürchterlich anstrengend – selbstbezogen und ichvergnügt.

Hand aufs Herz: Sie spielen auch gern mit dem Klischee der unzufriedenen, neurotischen und unsicheren Frau.

Klischees haben ja an sich, dass sie sehr oft stimmen. In meinen Romanen ist natürlich einiges übertrieben und erfunden. Aber im Kern jedes Buchs steckt vieles von mir selber. Ich bin, emotional gesehen, eine Nacktschnecke: viel zu empfindlich und sofort bis in die Steinzeit beleidigt.

Sie könnten sich auch auf Vorbilder konzentrieren und über starke Frauen schreiben.

Meine Heldinnen sind stark und selbstbewusst. Aber nicht ständig. Wer ist das schon? Ich jedenfalls nicht. Klar, könnte ich auch über Männer oder Meerschweinchen schreiben. Aber mir sind Frauen näher, die mit sich hadern, die Schwächen haben, über sich lachen und noch mit 60 über eine Fettabsaugung nachdenken.

Fotograf: Christian Kerber

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