Leser-Beitrag
09. Oktober 2017

Künstlerkarriere – am Anfang oder Ende

Florian Riners Überlegungen zu unerlaubter Kunst am Bau, den erneut vor Gericht verhandelten Aktionen von Harald Nägeli und einem verhinderten Jungtalent.

Kunst am Bau

Die Geranien auf den Fensterbänken blühen in voller Pracht. Die farbigen Blüten heben sich deutlich von der frisch gestrichenen Fassade des zweistöckigen Einfamilienhauses ab.

Herbert kaut an diesem lauen Herbstmorgen auf einem süßlichen Grashalm. Der Jugendliche beobachtet von der gegenüberliegenden Straßenseite die flatternden Gardinen aus seinem Zimmer im oberen Stock. Geschickt fängt er ein rotes Blütenblatt, dass der Wind aus einem Topf losgerissen hat. Die klebrige Flüssigkeit zwischen den Fingern schmeckt bitter. Mehr noch. Mit den weißen Turnschuhen verrieben, lässt sich damit auf dem betonierten Gehsteig malen.

Neugierig überquert Herbert die Straße, rupft aus den Pflanzengefäßen einige Kelche ab. Die ersten Striche auf der gelben Hauswand des Elternhauses, zögerlich, ein Experiment. Die Phantasie von Herbert nimmt schnell überhand, die beste Note im vergangenen Zeugnis: Zeichnen und Malen.

Die Klatsche auf der Wange brennt. Vaters Hand hält die langen, braunen Haare des Jungen geschickt an der schmerzhaften Stelle hinter dem Ohr. Nachbarn gesellen sich dazu, fallen in die wutentbrannten Leviten mit ein. Die Szenerie, skurril. Der schnaubende Vater, dem teilweise die Worte fehlen, diskutierende Menschen, hier und da erstaunt, manche fachsimpelnd, andere erbost. Und der leidende Junge, welcher zu der psychischen und physischen Strafe des Familienoberhauptes auch noch Rechtfertigung von wildfremden Leuten auf sich niederprasseln fühlt. Könnte er doch nur im Boden versinken. Die tiefe, schwächelnde Herbstsonne beleuchtet diesen Abend noch Lange die gelblich verputzte Hauswand, Blumentöpfe mit Pelargonien vor den Fenstern, eigentlich nur noch grüne Blätter. Die Blütenblätter verstreut am Boden, deren Saft zeichnet ein riesiges Strichmännchen und Mädchen, Imagination eines Pubertierenden. Für lange Zeit Dorfgespräch.

Herberts Wange glüht, auch noch dreissig Jahre später. Auf etlichen Frontseiten von Tagespressen erscheint das Foto eines einheimischen Künstlers, welcher im Ausland mit gesprayten Strichmännchen auf sich aufmerksam und Karriere gemacht hat. Jetzt ist er wieder angeklagt. Der Finger muss gejuckt haben, da an Fassaden, in größeren, inländischen Städten, Kunstwerke mit eindeutiger Handschrift prangern. Experten streiten sich öffentlich: Kunst oder Sachbeschädigung.

Herbert wird in dieser Nacht durch schreckliche Albträume geplagt. Die tagelangen Putzaktionen, vor Jahrzehnten, haben Spuren hinterlassen. Seine Aktion, damals, musste er mit Bürste und Wasser wieder entfernen, unter hämischen Kommentaren von Fremden und Freunden. Nie wieder hatte er danach etwas Künstlerisches in seine Nähe gelassen. Hätten damals alle anders reagiert, vielleicht...
Der Handlanger mag nicht mehr weiter nachdenken.

Am nächsten Morgen gibt Herbert bei seinem Arbeitgeber, einem Großverteiler, einen Freitag ein, kauft sich Eimer und Bürste, Skizzenblock und ein Stöckchen Geranien. Der Plan, den Angeklagten und seine Mitstreiter vor dem Gerichtsgebäude ansprechen, die Utensilien in die Hand drücken. Persönliche Streetartaktion, Seelenbefriedigung.

Kunst. Ansichtssache. Sachbeschädigung nicht.

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