23. August 2017

Kroatien: so attraktiv wie nie

Im Mittelmeer heisst das Trendziel der Stunde Kroatien. Der junge Staat begeistert mit landschaftlicher Vielfalt, über 1000 Inseln, neuen Hotels und Restaurants.

Bar Providenca
Von der Bar Providenca aus liegen einem die Inseln Lošinj und Cres zu Füssen.
Lesezeit 6 Minuten

Opatija an der Adria lebt von der Vergangenheit. Bereits 1890 wurde das Seebad – rund zwei Fahrstunden von der kroatischen Hauptstadt Zagreb entfernt – zum Luftkurort erklärt und verschaffte sich als das Nizza Österreichs Popularität. Damals gehörte Opatija zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie, und die feinen Damen und Herren genossen im Café Wagner Kuchen, der mit dem Zug aus Wien und dann mit der Kutsche eingefahren wurde.

Das Café Wagner gibt es auch heute noch, ebenso die Franz-Josef-Promenade entlang des Meeres und den Park Angiolina mit über 150 Baum- und Pflanzenarten, die in diesem mediterranen Mikroklima 70 Kilometer südlich von Triest, das bis 1918 auch österreichisch war, gedeihen.

Franz-Josef-Promenade
Dieser Weg in Opatija ist auch als Franz-Josef-Promenade bekannt und zeugt von der Vergangenheit, als die Kvarner-Bucht zu Österreich-Ungarn gehörte.

Doch der Fremdenverkehrsort an diesem Teil der Kvarner-Bucht, die ein bisschen an den Comer See erinnert, hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Einwohnerzahl geht seit Jahren zurück, weil es zu wenig Arbeitplätze gibt. Inzwischen leben hier noch knapp 12 000 Einwohner. An vielen Häusern steht «Na prodaju», zu verkaufen.

Wenn wunderschöne Inseln locken

Dieses Seebad mit seinem nostalgischen Charme und mit Rijeka, der europäischen Kulturhauptstadt 2020 als Nachbarin, soll also das trendige Kroatien sein, das Jahr für Jahr neue Besucherrekorde aufstellt und von den politischen Umwälzungen in der Türkei profitiert? Nicht unbedingt.
Wer Kroatiens aufstrebende Seite sehen will, fährt besser 40 Minuten Richtung Südosten nach Brestova. Samstags in den Sommermonaten bilden sich in diesem Dorf lange Autoschlangen, die bis zum Meer reichen: Hier legt die Fähre ab. Die wunderschönen Inseln Cres und Lošinj locken.

Im Dörfchen Nerezine auf Lošinj
Im Dörfchen Nerezine auf Lošinj spürt man förmlich die mediterrane Gelassenheit.

In der Nähe des pittoresken Dorfs Mali Lošinj mit seinem Yachthafen und historischen Häuserzeilen eröffnete im September 2015 das wohl schönste Hotel des Landes: das Alhambra mit 51 Zimmern, 15 davon sind Suiten. Es befindet sich in einer ruhigen Bucht und beherbergt mit dem Alfred Keller das luxuriöseste Restaurant der Insel.

So stellt man sich das Paradies vor: Im milden Klima der Kvarner-Bucht gibt es 300 Sonnentage und über 1000 Pflanzenarten. Dichte Tannenwälder bilden einen grünen Gürtel, der zum Wandern und Velofahren einlädt. Die Wege entlang des türkisblauen Meers sind schön angelegt. Alles wirkt neu und herausgeputzt.

Mali Lošinj ist ein attraktives Ziel. Diesen Sommer verbrachte dort auch Naticaptain Stephan Lichtsteiner mit seiner Familie die Ferien. Man möchte diesen friedlichen Mikrokosmos, die schönste Seite der Adria, mit viel Platz und wenigen Passanten am liebsten gleich mehrere Wochen geniessen.
Doch es lohnt sich, noch mehr von diesem abwechslungsreichen Land zu sehen und weiterzufahren: über die Insel Krk mit ihren unzähligen Buchten zurück zum Festland.

Šibenik
Šibenik, im nördlichen Dalmatien in einer tiefen Bucht gelegen, ist Kroatiens älteste Stadt.

Das nächste Ziel ist die mittelalterliche Kleinstadt Šibenik, die in der Schweiz noch kaum bekannt ist, obwohl die Kathedrale zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Die Stadt am Meer, die fast 400 Jahre unter venezianischer Herrschaft stand und danach ebenfalls Teil von Österreich-Ungarn war, begeistert mit ihren Gassen, wo Bars, Boutiquen und Restaurants eingezogen sind.

Die vielen Treppen, wie die hoch zur Festung des Heiligen Michaels auf einer steilen Felsenhöhe, sind eher etwas für Sportliche. Die Aussicht von dort bezeichnen die Einheimischen unbescheiden als «schönsten Blick auf die Welt».

«Das beste Olivenöl der Welt»

In der dalmatischen Stadt Šibenik nimmt die Gastronomie aus historischen Gründen einen hohen Stellenwert ein. Der einheimische Koch Rudolf Stefan (41), Chef des Restaurants Pelegrini, erklärt: «Wir waren lange Zeit Teil des venezianischen Königreichs, Pelegrini ein Palast. Aus Šibenik wurde das Essen nach Venedig geliefert.»

In den letzten zehn Jahren habe sich das gastronomische Angebot Kroatiens qualitativ unglaublich verbessert, sagt Stefan, seines Zeichens Mitglied der Vereinigung junge Köche «Jeunes Restaurateurs»: «Unser Olivenöl gehört zu den Besten der Welt.» Stefan begeistert mit seiner Kochkunst, bei der er darauf achtet, möglichst viele lokale Produkte zu verwenden: Fisch, Muscheln, Austern, Rohschinken und Huhn.

Seine Heimatstadt eignet sich als Ausgangspunkt zum Entdecken der Region: Vor den Toren von Šibenik erstreckt sich der Kornati-Nationalpark mit seinen 89 Inseln, Eilanden und Felsen. Der Krka-Nationalpark und seine bekannten Wasserfälle befinden sich nur 20 Minuten entfernt. Zum Nationalpark Paklenica und seiner Umgebung, wo sieben von insgesamt elf Winnetou-Filmen gedreht wurden, gelangt man in gut einer Stunde.

Wasserfälle  im Nationalpark Krka
Wasserfälle im Nationalpark Krka

Auf dem Rückweg lohnt sich ein Abstecher in das wunderschöne Dorf Skradin: Der Fluss Krka verwandelt sich hier in eine lange und tiefe Meeresbucht und mündet später bei Šibenik ins Meer. Stefan empfiehlt: «Wer Ruhe möchte, besucht die Karstlandschaft der Kornaten. Kultur gibt es auf der Insel Korcula und Nachtleben auf Hvar.»

Die viertgrösste Adriainsel, Hvar, etwas grösser als der Kanton Nidwalden, hat sich zum Mykonos Kroatiens entwickelt. Das Partyvolk konsumiert schon reichlich Bier auf der Fähre zwischen Split und Stari Grad, das mit rund 2400 Jahren die älteste Stadt Kroatiens ist.
Stari Grad ist von mediterrane Gelassenheit. Die Post geht hingegen im Hafenstädtchen Hvar auf der gegenüberliegenden Inselseite bis in die Morgenstunden ab. Sind die Schulferien vorbei, kommt dieses Publikum nur noch spärlich – sehr zur Freude der rund 14000 Insulaner, die der Lärm in Hvar stört.

Das Hafenstädtchen Hvar
Das Hafenstädtchen Hvar ist ein Bijou, das mehr als nur Party- und Badeferien bietet.

Einer der Einheimischen ist der in Argentinien geborene Schweizer Pedro Fürst (63), der auf Hvar schon vor 28 Jahren ein Haus gekauft hat und als freischaffender Autor auf der Insel lebt. «Ich habe mir damals ein Haus in Jugoslawien gekauft, das sich heute in Kroatien befindet», sagt er. Als «Tages-Anzeiger»-Korrespondent habe er erlebt, wie während des Krieges die Flüchtlinge in Hotelanlagen untergebracht wurden. «Es war eine schwere Depression spürbar.»

Boom in der Weinindustrie

In den letzten Jahren habe sich die Insel aber auch das Land stark gewandelt. So sorgte der EU-Beitritt für Rechtsstaatlichkeit, viele Winzer begannen eigene Weine aus Rebsorten zu machen, die nur auf Hvar existieren, und aus der einstigen Planwirtschaft ist eine dynamische Gastronomieszene entstanden.

Peter Fürst
Peter Fürst hat sich auf Hvar vor 28 Jahren ein Haus gekauft. (Bild zVg)

«Ich bin hier ausgesprochen gut integriert, und es gibt wohl kaum eine Stube im Dorf, in der ich noch nicht zu Tisch gebeten wurde», sagt Fürst, der in den Kriegsjahren Kroatisch gelernt hat. Er hat in der Schweiz drei Kinder und drei Enkelkindern und wohnt hier alleine in seinem Haus. An Weihnachten freut er sich darüber, Kartoffeln aus dem eigenen Garten ernten zu können. Manchmal badet er noch Mitte November im Meer.

Hvar ist sehr fruchtbar und mehr als nur eine Partyinsel. Es wachsen Feigen, Granatäpfel, Zitrusfrüchte, Rosmarin, Salbei und sogar Orchideen. Hier wurden einst zehn Prozent der weltweiten Lavendelproduktion erwirtschaftet. Weintrauben gibt es auf der Königin der dalmatischen Inseln schon seit 2400 Jahren.

Fürst rät: «Die Insel mit ihrer reichen Geschichte sollte man unbedingt erkunden. Die Südseite hinter dem Bergkamm bietet freie Sicht bis nach Italien und ist wunderschön zum Wandern oder Biken.» Schweizer Touristen trifft man selten. Wie lange noch? 

Die Recherche wurde unterstützt von A.R.T. Redaktionsteam in Salzburg/ TVB Kvarner sowie der Kroatischen Zentrale für Tourismus.

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