16. Februar 2018

Kreative Schweizer in Berlin

Dynamische Kulturszene, liberales Klima, tiefe Lebenskosten: Viele Schweizer finden in Berlin eine neue Heimat. Vier Künstler über ihre Liebe zur deutschen Hauptstadt.

David Lang am Klavier
«In Berlin sind die Menschen freundlich, sogar die Busfahrer!», sagt der Schweizer Komponist David Lang.
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Berlin gehört nicht nur zu den beliebtesten Städtereisezielen der Schweizerinnen und Schweizer – immer mehr von ihnen wohnen und arbeiten auch in der deutschen Hauptstadt.

Offizielle Zahlen gibt es keine, weil die Schweizer Botschaft im Konsularkreis Berlin ganz Norddeutschland zusammenfasst. Ins­gesamt sind dort 21 000 Schweizer ­registriert, etwa 10 000 von ihnen leben in Berlin, schätzt Matthias Zimmermann (51), Präsident des 1861 gegründeten Schweizer Vereins Berlin. «Verglichen mit den polnischen oder türkischen Staatsbürgern ist das keine besonders hohe Zahl», sagt der in Grenchen SO aufgewachsene Schweizer, der mit einer Polin verheiratet ist. Er wanderte 1993 nach Berlin aus und arbeitet heute für eine Immobilienfirma. «Berlin ist ein attraktiver Standort für Schweizer, weil die Sprachbarriere niedrig ist.»

Kulturell und sexuell liberal

Schon zu Beginn der Industrialisierung, als Berlin prosperierte, hätten viele Schweizer hier einen Job gesucht, erzählt Zimmermann. Und bereits vor dem Fall der Mauer 1989 sei Westberlin sehr liberal gewesen. «Hier konnten alle künstlerisch arbeiten oder ihre sexuelle Orientierung leben.» Hinzu kommen die sehr tiefen Lebenshaltungskosten. «Wir haben in unserem Verein auch Rentner, die AHV-Gelder aus der Schweiz beziehen und damit in Berlin sehr gut leben können.»

Im Schweizer Verein gebe es zudem Familien und junge Menschen, die für ein Start-up oder in der Hotellerie arbeiten. «Heute kommen alle nach Berlin, zur Zeit der Mauer waren es überdurchschnittlich viele Künstler und Autoren.»

Diese Tradition, die dynamische Kulturszene und die günstigen Preise locken auch heute noch viele Kreative aus der Schweiz in die Metropole. Sie vernetzen sich in Gruppen wie «Helvti-Treff», «Fünfte Schweiz» oder «Schwiizli», wobei Letztere nach acht Jahren eine Pause eingelegt hat.

Ein weiteres Beispiel für Berliner Schöpferkraft «made in Switzerland» ist das Kreativzentrum in der ehemaligen Malzfabrik im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Dessen Schweizer Geschäftsführer, Frank Sippel (46), lädt jedes Jahr am 31. Juli zu einem «Schwiiiztag» ein – mit Fahnen, Kuhglocken, Alphörnern und Fondue. Der Anlass ist auch dieses Jahr wieder geplant.

Zwar kann man in Berlin noch immer sehr günstig wohnen, die Mietpreise sind in den vergangenen Jahren jedoch deutlich gestiegen. «Alle klagen darüber und diskutieren den Leerwohnungsbestand», sagt Matthias Zimmermann vom Schweizer Verein. Im Vergleich mit Schweizer Städten wie Lausanne oder Zürich relativiert sich das Problem allerdings schnell.

Für Kritik sorgen auch die weiten Distanzen in der 3,5-Millionen-Metropole, die flächenmässig achtmal grösser ist als Paris. «Und die Velofahrer sind rücksichtslos. Aber das ist in Zürich nicht viel anders», sagt Zimmermann. Letztlich beschreibt das Bonmot des einstigen Bürgermeisters Klaus Wowereit Berlin noch immer am besten: «Arm, aber sexy», sei die Stadt. Und das kommt gerade bei den Künstlern gut an.

Den Extremen auf der Spur

Eva Vuillemin (29) stammt aus einer künstlerisch tätigen Familie und zog nach der Matura von Zürich- Schwamendingen nach Berlin, um dort Bildende Kunst zu studieren. «Es gibt hier eine rege Kunstszene, und ich habe mich nach einer anderen Stadt gesehnt.»

Seit Studienabschluss vor drei Jahren wohnt sie im Prenzlauer Berg, arbeitet in einem Gemeinschaftsatelier in Moabit und bewegt sich in ihrer Arbeit zwischen Fotografie, Video und Installation. Ihre Videoarbeit «Anamnesis» zeigt eine Kolonie von Ameisen, die sich auf einem menschlichen Körper bewegen. «Meine Arbeiten sind generell nicht narrativ, sondern zeigen extreme Zustände. Damit will ich erreichen, dass beim Betrachter eine unmittelbare physische Reaktion entsteht», sagt Vuillemin.

Der Vorteil von Berlin sei, dass es noch offene Räume gebe, die man sich leisten könne. Zudem schätzt sie den Austausch mit Künstlern aus unterschiedlichen Disziplinen. «Manchmal kommts auch zu einem Überfluss an Informationen, die konstant gefiltert werden müssen. Deshalb arbeite ich gern in der Dunkelkammer, wo ich mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren kann.»

Wie im New Yorker East Village der 1980er-Jahre

Nach 24 Jahren in Paris zog der Zürcher Maler Mathias Schauwecker (51) im September 2010 nach Berlin in den Prenzlauer Berg. «Ich wollte was anderes erleben. Ein Freund von mir sagte, ich soll mir mal Berlin anschauen. Dort gab es ein grosses Angebot von Wohnungen, und durch glückliche Umstände fand ich sofort eine schöne, günstige Bleibe und ein Atelier dazu.»

Dennoch war Berlin anfangs ein Kulturschock. «Die Stadt umarmt einen nicht wie Paris. Aber als zeitgenössische Metropole ist sie für Künstler wie mich attraktiv.» Berlin sei in Aufbruchstimmung und erinnere ans East Village im New York der 1980er-Jahre: «Hier gibt es noch Platz und Raum.»

Schauweckers Atelier befindet sich in einer ehemaligen Druckerei. Dort steht er meist schon um 7 Uhr und arbeitet oft an mehreren Werken parallel. «Ich fühle mich wohl in Berlin, aber nicht verwurzelt. Das gibt mir die Freiheit, später auch wieder weiterziehen zu können.»

Der Küchentisch als Heimat

Vom Jurastudium zur Schauspielerin und Sängerin: Maya Forster (40) aus Oberaach TG machte im zweiten Anlauf das, was sie schon als Teenager mochte. «Meine Schulklasse war mein erstes Publikum, Singen mein bestes Fach.»

Bei einer Theaterproduktion in St. Gallen hat sie vor rund zehn Jahren ihren späteren Mann Julian Weigend (46) kennengelernt, einen erfolgreichen österreichischen Fernsehschauspieler. Heute lebt das Paar im Stadtteil Wilmersdorf, «wo wir in unserem Haus alle Nachbarn kennen, was für Berlin total untypisch» ist.

Forster ist oft auf Tournee, gibt Konzerte und plant, eine CD mit eigenen Liedern und Texten zu produzieren. «Die Vielfalt, die Berlin bietet, ist toll», sagt sie. «Aber manchmal wird es mir zu viel, die Wege sind lang, der öffentliche Verkehr anstrengend.»

Sie könne sich deshalb auch vorstellen, später wieder in die Schweiz zu ziehen. «Dort, wo der Küchentisch ist, befindet sich mein Zuhause. Und wenn mein Mann dort sitzt, spielt es eigentlich keine Rolle, wo dieser Tisch steht.»

Vom Gefühl, frei zu sein

David Lang (39) wohnte bis 2014 im Dorf Mammern TG am Bodensee. «Dann brauchte ich für meine Karriere einen Tapetenwechsel. Der Abstand zu meiner Heimat und die vielen Einflüsse in Berlin haben mir geholfen, mich als Künstler besser zu entwickeln und wahrzunehmen», sagt der Musiker und Komponist.

Er hat als singender Poet seinen eigenen Stil und im Stadtteil Mitte eine einladende Parterrewohnung gefunden, wo er am liebsten in den frühen Morgenstunden komponiert. «Die Energie in Berlin ist unglaublich, ich schätze die Weite, die Grünflächen und die tiefen Preise», schwärmt er. «Ich gehe regelmässig spazieren und gleich gegenüber meiner Wohnung ins Yoga. Die Menschen sind freundlich, sogar die Busfahrer!»

Die Kehrseite: Gibt er in Berlin ein Konzert, beträgt die Hutgage pro Person im Schnitt nur gerade fünf Euro. Deshalb reist der musikalische Geschichtenerzähler auch immer wieder für Engagements in die Schweiz. So kann er von seiner Kunst leben.

Für 2019 schreibt er ein Musical, das in Mammern aufgeführt wird und vom Ver­lassen der Heimat handelt – einem Schritt, den Lang nicht bereut hat: «Ich fühle mich in Berlin frei.»

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