29. Juni 2018

Jeden Tag eine Zeichnung

Paula Troxler zeichnet, und zwar so gut, dass ihre Illustrationen mehrfach ausgezeichnet wurden. Dabei interessiert sie nicht nur das einzelne Bild, sondern das ganze Konzept, das damit entsteht.

Paula Troxler in ihrem Büro
Paula Troxler vermischt gern - nicht nur Arbeitstechniken, sondern auch Kleidungsstile.

«Der Traum entführt in die tiefsten Geheimnisse», schreibt Paula Troxler am 21. Juni in ihr Zeichenbuch. Daneben malt sie mit schwarzem Pinselstift in eine Collage. Ein schlafender Mann ist darauf zu sehen, mit langen Beinen und Füssen in hohen Schuhen. Er trägt einen aufgebauschten Volantrock und hält die Hände gefaltet vor dem Bauch. Die Linien, die Troxler zeichnet, sind fein und zeigen die Falten im Hemd oder sein lichtes, dunkles Haar.

«Ich bin gut darin, Ideen zu finden und Dinge zu verweben», sagt die 36-jährige Troxler. So gut, dass ihre Werke auf der ganzen Welt ausgestellt werden – in New York, Tokio oder Moskau – und sie dafür bereits mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Ihre Kreationen sprechen einen direkt an und entstehen oft aus dem Bauch heraus. Sie müssen nicht die Realität abbilden. Mit derselben Herangehensweise entwickelt sie auch das Projekt «Every Day a Drawing» – täglich entsteht eine Zeichnung, so wie der schlafende Mann.

Seit 2010 hat Troxler über 2700 Bilder gemalt und als Buch veröffentlicht – das neueste ist ab sofort erhältlich. Diese Zeichnungen macht sie, um nicht nur für Kunden zu arbeiten. «So nutze ich jeden Tag wenigstens eine Stunde, in der ich Ideen verarbeite. Die Zeichnungen wurden zu meinem privaten Archiv.» Ansonsten ist ihr Tag wenig strukturiert. Sie arbeitet aber lieber tagsüber, generell lange und intensiv, und mit hohem Output. «Ich mag es, eine Zeichnung einmal zu zeichnen. Dann ist sie fertig, ich überarbeite nicht gern.» Trotzdem – oder genau deswegen – zeichnet sie für bekannte Namen, Zeitungen und Magazine wie «Die Zeit», «Süddeutsche Zeitung», «Das Magazin» und «NZZ Folio».

Bunt wie ein Kaleidoskop und wild wie ein Rockkonzert: Paula Troxler hat mit Partner Kleon Medugorac eine grosse Sommer-Illustration (als JPG herunterladen) erstellt – exklusiv für das Migros-Magazin.

Strichmännchen mit Schwimmflügeln

Paula Troxler wusste als Tochter des erfolgreichen Grafikers Niklaus Troxler schon früh, wie sie sich zeichnerisch ausdrücken kann. «Nach zehn Minuten bin ich in der Zeichnung drin, egal, wo ich gerade bin.» Eine ihrer ersten Zeichnungen zeigt sie als Strichmännchen mit Schwimmflügeln am Wasser. «Noch heute liebe ich dieses Element, gehe oft schwimmen.» Es war ihr immer klar, dass sie beruflich einen gestalterischen Weg einschlagen wollte.
Anfangs tendierte sie zu einem Grafikstudium. Denn sie tat sich lange schwer, ihre Zeichnungen zu zeigen. Sie hatte Hemmungen und fürchtete, dass ihre Arbeiten nicht gut genug seien. Obwohl das Zeichnen ja sehr direkt zeige, was man will. Zugleich wusste sie: «Wenn ich Grafik studiere, dann zeichne ich nicht mehr.» Also entschied sie sich für den Sprung ins kalte Wasser und studierte Illustration, um im Zeichnen stärker zu werden.

Heute versteht sich Paula Troxler weder eindeutig als Grafikerin noch als Illustratorin, «weil weder das eine noch das andere ganz stimmt.» Genau genommen sei sie eine Grafikerin, die ihre Bildinhalte zeichnerisch herstellt. Andererseits amte sie auch als Illustratorin für Magazine, sagt sie. Dann zeichnet sie etwa zu einem Artikel ein einzelnes Bild, das anstelle eines Fotos erscheint.

Paula Troxler
Paula Troxler in ihrem bunten Zürcher Atelier.

Noch lieber arbeitet sie an Konzepten mit mehreren Komponenten: Dann liefert sie nicht nur ein Bild, sondern stellt eine ganze Identität her, meist für Festivals, Theater oder Bücher. «Mein Handwerk ist das Zeichnen, aber die Ideen, die ich habe, sind meist viel grösser.» Dadurch sei sie mehr gefordert und müsse jedes einzelne Element bedenken: Die Schrift, die Illustration, das Zusammenspiel der Bilder. Auch experimentiert sie mit verschiedenen Techniken und vermischt sie gern. Ihre Liebe zum Mix widerspiegelt auch der Kleidungsstil: Sie trägt ein asymmetrisches Jeansoberteil, dazu einen gerafften schwarzen Jupe mit breitem Gürtel und Cowboy-Boots.

Zusammen geht mehr

Seit gut zwei Jahren ist Paula Troxler mit Kleon Medugorac zusammen, und schnell war klar, dass sie auch gemeinsam arbeiten wollten, als Kreativduo «Pank». «Wir sind beide manchmal übermotorisiert, arbeiten sehr schnell, darum funktioniert es», sagt Medugorac, der fast zwanzig Jahre als selbständiger Grafiker in Stuttgart gelebt hat. Vergangenen Dezember ist er in die Schweiz gezogen.

Das Niveau an Grafikdesign sei hier höher, sagt der 38-Jährige. «Und es macht Spass, in dieser Liga mitzuspielen. In Deutschland ist es oft so, dass etwas schnell und billig sein muss. Hier nicht.» Er hatte am Anfang Bedenken, dass es schwierig sein würde, in der Schweiz Aufträge zu finden, «weil ich zu verrückte Dinge mache und hier eher alles ordentlich und sauber ist». Aber eigentlich sei der Ansatz gerade deshalb gut, weil er dadurch wenig Konkurrenz habe.

Er findet alles super, was Troxler macht, und umgekehrt auch. «Es ist so: Wir können es beide auch allein. Aber zusammen schaffen wir noch mehr, es potenziert unsere Arbeit», sagt Medugorac. Sie bewegen sich beide auf einem ähnlichen Niveau. Er bringe etwas mehr Erfahrung im digitalen Bereich mit, sie mehr Geduld. «Und mein grafischer Stil ist vielleicht etwas bunter als der von Paula», sagt er. Sein farbiges Hawaiihemd zeugt davon.

Im Rennwagen

Die Zusammenarbeit ist auch eine Herausforderung: Natürlich wurde ihr Alltag zuerst einmal durchgeschüttelt, sagt Troxler. «Aber auf eine ganz gute Art. Ich hinterfrage mehr und habe den Mut, Dinge anders anzugehen.» Und am Ende kommt oft etwas Überraschendes heraus. Weil sie beide viele Emotionen mit der Arbeit verbinden, gibt es auch immer wieder hitzige Diskussionen. «Aber daraus lernen wir viel. Diese Intensität würde ich mit niemand anderem als Paula durchleben. Bei uns klappt das ganz gut», sagt Medugorac. Dabei hilft, dass sie gemeinsam unterrichten, immer wieder an Kunstakademien oder in Workshops. «Dafür muss man ziemlich viel darüber reden, was man eigentlich für eine Einstellung zu grundlegenden Dingen hat.»

Als Ausgleich zur grafischen Arbeit bewegen sich beide gern in der Natur, vor allem aber musizieren sie in ihrer Band «Candyass». Sie spielen Gitarre und singen, die Songs schreibt Medugorac, der schon immer Kunst und Musik verbunden hat. «Für mich ist es hingegen ein ganz neues Feld, dass total viel Spass macht. Ich hatte richtig Lust, was Neues zu probieren», sagt Troxler.

Das wollen sie auch in Zukunft: «Pank» freuen sich auf Projekte, in denen sie auf der Überholspur Ideen entwickeln, zwischen den kreativen Disziplinen hin und her schalten und bis zum Schluss Gas geben, «damit aus unserer visuellen Arbeit ein Dialog entsteht». Würden die beiden ihre Beziehung zeichnen, sähe man darauf zwei Rennwagen nebeneinander her düsen, während sich die Piloten dabei zujubeln.

«Every Day a Drawing 2018» ist im Eigenverlag erschienen und hier erhältlich.
Mehr unter paulatroxler.com

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