22. Dezember 2018

Kopfnuss für den König

Unsere Stadt-Land-Kolumnistin findet Krippenspiele toll – vor allem wegen den Besuchern, die in den Kirchenbänken sitzen.

Maria und Josef
Maria, Josef und das Jesuskind – von Kindern gespielt noch viel lustiger. (Bild: unsplash.com)
Lesezeit 2 Minuten

Josef hat seinen Text vergessen, und Maria hält das Jesuskind kopfüber. Der Engel winkt seinem Opa, und der Hirte gibt einem der Heiligen Drei Könige eine Kopfnuss. Ein Mal im Jahr – am Abend des 24. Dezember – bin ich in der Kirche. Und da gehen jedes Mal die Apostel, äh, geht die Post ab.

Sie müssen wissen: Mein Gotti ist Religionslehrerin. Immer an Heiligabend führt sie mit ihrer Klasse ein Krippenspiel in einem nahegelegenen Dorf auf. Weil ich ein vorbildliches Gottenkind bin, gehöre ich in der kleinen Kirche zu den Stammgästen. Obwohl die Kinder und Eltern jedes Jahr andere sind, bietet sich immer das gleiche Schauspiel: Die Kinder sind süss und tollpatschig, mein Gotti ein bisschen nervös und die Eltern, nun ja, die werden ganz gspässig. Es gibt immer den einen Vater, der das Krippenspiel mit der Klappkamera filmt. Er fühlt sich in dem Moment wie der US-amerikanische Filmer Michael Moore und geht mit ernst-wichtiger Miene gebückt die Kirchenbänke entlang, um seine Sophia als Schäfchen für die Nachwelt festzuhalten. Fraglich, ob sich jemand dieses Video tatsächlich nochmals anschauen wird.

Es gibt die topgestylte italienische Mutter, die mit ihrer Familie sofort eine royale Hochzeit besuchen könnte. In den hinteren Reihen sitzen die Seniorinnen, die trotz Hörgerät kein Wort davon verstehen, was die Kinder erzählen – und natürlich trotzdem begeistert sind. Nicht zu vergessen die Geschwister der Schauspieler, die unruhig auf der Kirchenbank hin und her rutschen; sie können die Bescherung zu Hause kaum erwarten. Und dann gibt es noch das Gottenkind der Religionslehrerin, das staunt und schmunzelt – und ganz betrübt ist, wenn alles wieder vorbei ist.

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