22. September 2017

Kokett im Korsett

Bei Beata Sievi geht es um Schönheit, Handwerk, Intimität. Die Winterthurerin ist die einzige Korsettschneiderin der Schweiz. Sie trägt ihre eigenen Kreationen mit Vergnügen – in ein intellektuelles Korsett zwängt sie sich hingegen nicht.

Korsettmacherin Beata Sievi
Beata Sievi in ihrem Atelier «entre nous» in Winterthur.

Der Weg in Beata Sievis Reich führt über eine elegante Holztreppe. Die Winterthurerin hat sich einem alten, ehrenwerten Handwerk verschrieben: Sie ist Korsettschneiderin, die einzige in der Schweiz. Ihre Kundinnen empfängt sie in einer Art Salon: In der Mitte ein Tischchen mit Sessel, Bücher reihen sich wandhoch in Regalen, Schneiderpuppen sind mit Korsetts und üppigen Röcken bekleidet. In den Musterbüchern kann man St. Galler Spitzen und edle Stoffe befühlen und sich davon inspirieren lassen. Die schweren Vorhänge in ihrem Atelier «entre nous» sind zugezogen.

«Das Korsett ist ein intimes Produkt», erklärt Beata Sievi. Die gebürtige Polin ist eine zierliche Frau mit einem wachen Blick. «Ich spüre immer wieder Berührungsängste», sagt die 51-Jährige. Umso wichtiger sei es, «dass ich meine Kundinnen in einem Ambiente empfange, in dem sie sich wohlfühlen können.» Mehrheitlich seien es Frauen, die ein Korsett für sich bestellen, manchmal auch ein Mann für seine Partnerin. Eins jedoch hätten all ihre Kundinnen gemeinsam: «Es sind immer selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen, die ein Korsett bestellen.»

Weibliche Formen willkommen

Dabei gibt es eine Regel: Opulente Formen sind einfacher zu bekleiden als sehr schlanke Körper. Bei fülligen Figuren gibt es mehr Möglichkeiten. «Jedes Korsett ist eine handwerkliche Herausforderung», sagt die Schneiderin. «Die Schwierigkeit liegt darin, maximale Flexibilität und eine ideale Form zu schaffen.» Sie ist eine Perfektionistin: «Stofffalten darf es keine geben.» Die Korsetts sind mit flexiblen Metallstäben verstärkt, der Stoff hingegen ist nicht elastisch. Dennoch sind viele Kundinnen bei der ersten Anprobe erstaunt: «Sie äussern oft, dass es sich viel bequemer anfühlt als erwartet.»

Beata Sievi hat den Beruf der Corsetière wiederbelebt. Nach ihrer Ausbildung zur Schneiderin im Theater am Neumarkt in Zürich spezialisierte sie sich. Sie entlockte alteingesessenen Schneidermeistern ihr Wissen, indem sie diese mit Pralinen bestach, recherchierte in Museen, nähte alte Schnitte nach, probierte vieles aus und absolvierte ein Praktikum als Lingerienäherin in ihrer Heimat Danzig. «Nach drei Jahren war ich endlich so weit.» Die Arbeit an einem Korsett dauert mindestens 25 Stunden. «Es können aber mit den Massanproben schnell auch 30 Stunden werden.» Für eins dieser handgefertigten Einzelstücke muss man mit mindestens 3000 Franken rechnen. Es wird heute als edles Oberteil an Hochzeiten, Bällen oder zu Theaterbesuchen getragen. Oder es dient als romantisches Accessoire für erotische Stunden zu zweit.

«Ein Korsett ist ein Instrument der Verführung – es spielt mit dem Betonen und Verhüllen und hat eine grosse Wirkung.» Beata Sievi hält es für ein hartnäckiges Vorurteil, dass das Kleidungsstück einengend, unterdrückend oder gar Folterinstrument gewesen sein soll. Als es im 17. Jahrhundert in Mode kam, kleidete man sich anders. «Repräsentation war wichtiger als Komfort. Man nahm viel in Kauf, um gut zu wirken.» Frauen selbst hätten Korsetts für ihre Zwecke eingesetzt: «Sie haben damit gespielt, um ihre Attraktivität und ihren Wert auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen.»

Die Psychologie im Korsett

Heute stelle ein solches Kleidungsstück die Freiheit von Frauen nicht mehr infrage. Es reduziere eine Frau auch keineswegs auf ihre Schönheit und mache sie auch nicht zu einem intellektfreien Vorzeigepüppchen. «Ich verliere nicht an Geisteskraft, wenn ich mich schön anziehe. Zwischen äusserlicher Schönheit und intellektueller Stärke besteht kein Zusammenhang.»

Schnell stösst man im Gespräch um das Korsett in die Welt des menschlichen Innenlebens und der Beziehung zwischen den Geschlechtern vor. Der Mensch und seine Seele haben Beata Sievi schon immer interessiert: Sie studierte in Warschau Philosophie und Psychologie, bevor sie vor fast drei Jahrzehnten für ein Praktikum in die Schweiz kam, sich hier verliebte und blieb. Als Korsettschneiderin kommt sie dem Innenleben des Menschen immer wieder nah. Ihr einstiges Fachgebiet Psychologie hat sie nie losgelassen: Beata Sievi bildet sich laufend weiter. «Die Neurologie der menschlichen Beziehungen ist derzeit mein grosses Thema. Und die übergeordnete Frage, wie es um die Beziehungskultur in unserer Gesellschaft steht.»

2016 hat Beata Sievi einen Salon ins Leben gerufen – eine schöngeistige Diskussionsrunde, wie sie früher in gebildeten Gesellschaftsschichten üblich war. «Einen Salon für die Philosophie des Eros», wie sie es nennt.

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