22. Oktober 2017

Kochen mit links

Als Linkshänderin in der Küche und am Tisch.

Korkenzieher für Linkshänder
Der Korkenzieher für Linkshänder.
Lesezeit 3 Minuten

Bis ich in die Schule kam, war mir eigentlich nicht bewusst, was es bedeutete, Linkshänderin zu sein. Erst bei den Schwingübungen mit Wachskreide wurde mir bewusst, dass ich dazu neigte, das Geschriebene zu verwischen. Schnell eignete ich mir eine Schreibhaltung an, bei der Verwischen kein Thema mehr war, die mir aber bis heute gelegentlich irritierte Blicke beschert.

Beim Gebrauch der Schere merkte ich schnell, dass das nur mit rechts geht. In Ermangelung einer Linkshänderschere lernte ich nur das Schneiden mit links.

Je älter ich wurde, merkte ich, dass ich mich in einer verkehrten Welt befand. Der Backofen meiner Eltern ist so ungünstig installiert, dass, wenn ich alles mit links machen würde, ständig im Flur stünde, um die Backofentür zu öffnen. Der Ofen in meiner Wohnung steht zwar auf Augenhöhe, dafür aber so in der Ecke, dass er bequem ebenfalls nur mit rechts zu bedienen ist. Aber wie die meisten Linkshänder habe auch ich den Gebrauch beider Hände gelernt, sodass mir das im Alltag meist nicht auffällt.

Was ich allerdings nie konnte: Einen Milchtopf mit Ausgiesser für Rechtshänder halten. Da schlägt die Händigkeit voll zu. Mit links ist es unmöglich, etwas aus diesem Topf zielgenau auszugiessen, und mit rechts sieht es so aus, als würde ich erstmals einen Topf in der Hand halten. Einige Hersteller fanden einen Kompromiss und brachten den Ausgiesser so an, dass es sowohl für Rechts- als auch für Linkshänder schwierig ist. Das ist dann wenigstens ausgleichende Gerechtigkeit.

Als es in den 80er-Jahren in Hamburg einen Laden für Linkshänder gab – von Onlineshops hätte man noch nicht einmal in Science-Fiction-Geschichten gehört –, kaufte ich mir einen Korkenzieher. Ich war völlig hingerissen von der Leichtigkeit, mit der ich plötzlich Weinflaschen öffnen konnte. Seitdem bekommt jeder männliche Gast bei mir kommentarlos diesen Korkenzieher in die Hand mit der Bitte, doch die Weinflasche zu öffnen. In den gut 25 Jahren ist es nur zwei Männern gelungen, die Flasche zu öffnen. Der eine war ebenfalls Linkshänder, der andere Ingenieur. Ihm gelang das Öffnen der Flasche im ersten Anlauf nicht. Er schaute sich daraufhin den Korkenzieher genauer an und konstatierte: «Der bohrt ja anders herum.» Das Öffnen war dann für ihn etwas mühsam, aber machbar. Allen anderen war es hochgradig peinlich, dass sie so etwas Einfaches wie das Flaschenöffnen nicht schafften. Ob es ihr Bewusstsein für die Schwierigkeiten von Linkshändern schärfte? Ich bin mir nicht sicher, macht aber auch nichts.

Bei anderen Werkzeugen in der Küche fiel es mir erst deutlich später auf, dass auch dort Linkshänder einen Nachteil haben: Messer zum Beispiel. Ich besitze sehr gute Messer und bildete mir immer ein, auch recht gut mit ihnen umgehen zu können. Doch der Schein trügt. Bei allen Messern mit einseitig geschliffener Klinge habe ich einen Nachteil. Und das fiel mir erste Mal beim Brotschneiden auf. Ich habe ein sehr gutes Brotmesser, aber nur mit voller Konzentration gelingt es mir, eine Scheibe zu schneiden, die gleichmässig dick ist. Lange hielt ich das für meine persönliche Unfähigkeit, bis mir ein Messerfachmann ein anderes Brotmesser gab. Damit war es deutlich einfacher für mich. Es war auf der anderen Seite geschliffen, also speziell für Linkshänder gefertigt. Da der Leidensdruck aber noch nicht gross genug ist und ich zwei gute Brotmesser habe, habe ich bis heute die Ausgaben für ein Linkshändermesser gescheut.

Vor einiger Zeit bekam ich ein Messer geschenkt. Mit einer Neuheit. Beim Gemüseschneiden sollte das Gemüse dank speziellem Schliff weniger an der Klinge kleben. Gut gemeint, aber für mich als Linkshänderin leider völlig unbrauchbar, da das Gemüse bei mir dennoch klebt. Der spezielle Schliff befindet sich auf der anderen Seite.

Dass Linkshänderartikel nur von speziellen Versendern bzw. in besonderen Läden erhältlich sind, hat einen Grund: Nur zirka zehn Prozent der Bevölkerung sind Linkshänder. Und so überrascht es auch schon fast nicht, dass ein bekannter Porzellanhersteller eine Geschirrserie herausbrachte, deren Tassen speziell ergonomisch und hübsch geschwungene Griffe hatte. Für einen Linkshänder leider völlig unmöglich, die Tasse in der Hand zu halten. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis der Hersteller nachbesserte und die Tassen auch für Linkshänder im Programm hatte.

Da man als Linkshänder – meist unbewusst – ständig gefordert ist, freue ich mich aber über einen Vorteil: Linkshänder haben offenbar eine bessere Vernetzung von linker und rechter Gehirnhälfte und können deshalb besser querdenken.

Ich bin gespannt, liebe Linkshänder: Was macht Euch das Leben manchmal etwas umständlich?

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