17. August 2017

Klingonisch für Anfänger

Nur etwa 20 Menschen weltweit sprechen fliessend Klingonisch, die Sprache des ausserirdischen Kriegervolks aus dem «Star Trek»-Universum. Aber die Schweizer mit ihren kehligen ch- und ck-Lauten sind geradezu prädestiniert dafür, findet der Linguist André Müller, der ab September diesen neuen Sprachkurs an der Klubschule Migros leitet.

«Star Trek VI – The Undiscovered Country»
Schwierige Kommunikation: Die Crew der Enterprise empfängt den Kanzler der Klingonen zu Friedensgesprächen in «Star Trek VI – The Undiscovered Country» (1991).

«Und jetzt mal alle: kchakch!» André Müller (32) schaut erwartungsvoll in die Runde, die sich redlich und im Chor abmüht, die kehlig-kratzigen Laute nachzuahmen. Das Wort schreibt sich QaQ und bedeutet «gut sein» – nicht eben eine Kernbotschaft der Klingonen, einem aggressiven, stolzen Kriegervolk, das Captain Kirk und Mr. Spock in «Star Trek» immer wieder das Leben schwer macht. Wir befinden uns aber nicht etwa auf dem Raumschiff Enterprise im 23. Jahrhundert, sondern auf der Erde in einem Saal der Klubschule Migros in Zürich-Oerlikon, in dem knapp 30 lernwillige Frauen und Männer zwischen 14 und etwa 50 Jahren sitzen und einen Crashkurs in Klingonisch absolvieren.

André Müller führt seine Klasse in die Mysterien der klingonischen Sprache ein.

Es ist der vierte und letzte, bevor Kursleiter Müller drei Monate nach Südostasien reist, um dort seiner eigentlichen Tätigkeit als Doktorand der Sprachwissenschaft an der Universität Zürich nachzugehen. Südostasiatische Sprachen sind sein Schwerpunkt, aber insgesamt spricht er 15, davon vier fliessend und sechs weitere «gut genug, um mich damit durchschlagen zu können». Zu diesen gehört auch Klingonisch, das der Linguist in der Klubschule ab September unterrichten wird.

Die Crashkurse, die im Frühling in St. Gallen, Bern, Basel und eben Zürich stattfanden, dienten als Appetitmacher und um zu testen, wie gross die Nachfrage ist – Ergebnis: gross. In Zürich meldeten sich rund ein Dutzend mehr an als Platz hatten, und die Glücklichen, die schnell genug waren, sind denn auch eifrig bei der Sache, machen sich Notizen, stellen Fragen und bemühen sich, die teils ungewohnten Laute korrekt nachzusprechen. Zuvor haben sie eine Einführung bekommen, was es mit der Science-Fiction-Kunstsprache auf sich hat.

Entwickelt wurde sie in den frühen 80er-Jahren vom US-Sprachwissenschaftler Marc Okrand für die Kinofilme der «Star Trek»-Reihe – zwar kamen die Klingonen schon in der TV-Serie der 60er-Jahre vor, sprachen dort aber schlicht Englisch. Erste Wörter wurden von James Doohan (dem sprachbegabten kanadischen Darsteller von Scotty) für den ersten Kinofilm von 1979 erfunden, aber erst Okrand machte daraus für den dritten Film «Star Trek – The Search for Spock» (1984) eine voll funktionsfähige Sprache mit Grammatik, Orthografie und einem Vokabular, das mittlerweile auf 3800 Wörter angewachsen ist. Jedes einzelne hat Okrand erfunden oder zumindest abgesegnet.

Klingonisch reiht sich damit in eine kleine Gruppe weiterer ausgearbeiteter Kunstsprachen aus der Literatur und Kinowelt ein wie etwa die Elbensprachen Quenya und Sindarin, die J.R.R. Tolkien für «The Lord of the Rings» entwickelt hat und die man ebenfalls lernen kann. Da sich jedoch die Alltagsnützlichkeit dieser Sprachen in Grenzen hält, tun das nur wenige. André Müller schätzt, dass weltweit rund 20 Personen fliessend Klingonisch sprechen, 100 bis 200 beherrschen es gut genug, um sich damit verständigen zu können.

Tanya Rothenburg will das Erlernte bei Treffen von Science-Fiction-Fans einsetzen.

Genau das ist es, was Tanya Rothenburg (46) reizt. Die Informatikerin aus Effretikon ZH nimmt am Crashkurs teil, weil sie eine Sprache lernen möchte, die sonst kaum jemand kann. «Mir sind Sprachen immer leichtgefallen, und ich habe mir schon vor ein paar Jahren mal Klingonisch-Vokabular aus dem Internet runtergeladen.» Aber allein sei es schwierig, genügend Motivation aufzubringen, deshalb sei so ein Kurs ideal. Anwenden will sie Klingonisch dann bei Treffen von Science-Fiction-Fans. «Ich mag eigentlich alles aus diesem Genre – und wenn ich Klingonisch beherrsche, kommen als nächstes Tolkiens Elbensprachen dran.»

In Zürich sitzen an diesem Abend vor allem «Star Trek»-Fans, aber André Müller hatte in anderen Kursen auch schon vereinzelt Leute, die noch nie eine Folge der Serie gesehen haben und sich einfach für die Sprache interessieren. Dass die Klubschule sie in ihr Programm aufgenommen hat, liegt an Projektleiterin Mirjam Jaeger (33). «Bei einem Mittagessen erzählte mir eine Arbeitskollegin, dass die Klubschule via Twitter mal die Anfrage bekam, ob wir eigentlich auch Klingonisch im Programm haben.» Sie hätten dann erst darüber gewitzelt, aber da sie selbst eine Affinität für Science Fiction hat, habe sie plötzlich gedacht: «Warum eigentlich nicht?»

Bei ihren Vorgesetzten sei sie auf keinerlei Widerspruch gestossen, «im Gegenteil». Erste Abklärungen ergaben zudem, dass die Nachfrage da ist. Und auch die Medien rissen sich um die Story, als die Klubschule den neuen Sprachkurs im Frühling ankündigte. In André Müller, der 2014 für die Doktorandenstelle an der Uni Zürich in die Schweiz gezogen war, fand Jaeger dann den perfekten Kursleiter.

Er selbst hat Klingonisch einiges zu verdanken. «Letztlich hat mir diese Sprache das Lernen von Esperanto erleichtert, und beides zusammen führte mich zur Linguistik», erzählt der Deutsche, der in Leipzig geboren ist und dort noch die letzten Jahre der DDR miterlebte. Müller war 6 Jahre alt, als er «Star Trek – The Next Generation» entdeckte. «Mein Vater mochte die Serie, weil er sich für Technik interessierte, er fand, ich solle sie doch auch mal schauen.» Er verfiel ihr dann rettungslos. «Und zwar auch, weil sie eben mehr ist als nur Action und simples Gut-gegen-Böse. Gerade ‹Next Generation› hat echten Tiefgang und beschäftigt sich in fast jeder Folge mit ethischen oder sozialen Problemen, die zum Nachdenken anregen.»

Müller ist Trek-Fan seit Kindertagen – und hat dank Klingonisch zur Sprachwissenschaft gefunden.

Mit 13 entdeckte er in einem Buchladen das Wörterbuch Deutsch-Klingonisch , kaufte es sofort und begann sich einzuarbeiten. «Ich bin als sprachaffiner Fan zu Klingonisch gekommen, aber es war die Faszination des Linguisten, die das Ganze hat eskalieren lassen», sagt er und lacht. Mit seiner Freundin zum Beispiel spricht er Esperanto. «Wir haben uns auf einem Esperanto-Treffen kennengelernt, da bietet sich das an.» Passend für den Trek-Fan ist auch, dass seine Freundin Astrophysik studiert.

Klingonisch ist mit keiner existierenden irdischen Sprache zu vergleichen, erklärt Müller. «Okrand hat sich im Gegenteil bei ganz verschiedenen Sprachkulturen bedient und sie zusammengemixt.» Dennoch sei es eher leichter zu lernen als reale Sprachen. «Die sind natürlich gewachsen und kennen alle eine Fülle von Ausnahmen, das ist bei der Kunstsprache Klingonisch simpler. Hat man die Struktur mal begriffen, ist es relativ leicht.» Eine Herausforderung bleibt aber die Aussprache der kehlig-krächzigen, teils gutturalen Laute. «Die Schweizer haben es allerdings leichter als andere, weil es im Schweizerdeutsch mit den vielen ch- und ck-Lauten oft ähnlich klingt.»

Den Kursteilnehmern erklärt er auch gleich noch die kulturellen Eigenheiten des Kriegervolks. Dieses kennt zum Beispiel kein Wort für Liebe – ausgedrückt wird es durch «nicht-Hass». Und zu den besonders schlimmen Verwünschungen gehört «deine Mutter hat eine glatte Stirn» («Hab SoSlI’ Quch»), da ja Klingonen alle diese eindrücklichen Stirnwülste haben. «Das sagt man einem Klingonen nur ins Gesicht, wenn man gut bewaffnet ist», warnt Müller seine Schülerinnen und Schüler augenzwinkernd.

«Lieber Klingonisch als Französisch», sagt Felix Meyer, dem Fremdsprachen nicht so liegen.

«Aus Neugier» gekommen ist Felix Meyer (18), dem Sprachen sonst nicht so liegen. «Ich bin mehr der naturwissenschaftliche Typ, das ist es auch, was mich an ‹Star Trek› ursprünglich gereizt hat.» Ein Freund nahm ihn 2013 zu «Star Trek Into Darkness» mit, seither ist der Gymnasiast aus Männedorf ZH Fan und arbeitet sich durch das 50-jährige Oeuvre der Science-Fiction-Franchise. «Ich habe dabei entdeckt, dass es auch viele spannende philosophische Fragen gibt, mit denen man immer wieder konfrontiert wird.» Nun wollte er mehr erfahren über die klingonische Sprache und fand den Crashkurs so interessant, dass er sich überlegt, im September auch am eigentlichen Unterricht teilzunehmen. «Ich wäre dafür jedenfalls motivierter als für die Fremdsprachen in der Schule – lieber Klingonisch als Französisch!»

Besonders eifrig bei der Sache ist Jamin Eberhardt (14), der sich im Kurs immer wieder meldet und auch schwierige Worte korrekt ausspricht. Der Sekundarschüler aus Adliswil ZH hat bereits Vorkenntnisse. «Ich bin seit vielen Jahren Trek-Fan und besonders von den Klingonen fasziniert. Ich mag ihre Kultur und finde es beeindruckend, dass man für sie eine eigene Sprache entwickelt hat.» So hat er sich in den Sommerferien vor zwei Jahren das Klingonisch-Wörterbuch gekauft und zu lernen begonnen. «Aber dann musste ich wegen der Schule wieder aufhören.» Diesmal jedoch will er die Gelegenheit packen und hat sich auch schon für den Kurs im September angemeldet. Allenfalls wird sich ein Freund noch anschliessen. «Das wäre ideal, dann können wir gemeinsam üben und sprechen.»

Da kann man den hoffnungsvollen Klingonisch-Novizen nur herzhaft «Qapla’!» wünschen, zu Deutsch: Erfolg!

Mehr über Klingonisch an der Klubschule Migros: www.klubschule.ch/klingonisch

Fotos:: René Ruis

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