02. Mai 2019

Klimademos haben sich bisher kaum auf das Reiseverhalten ausgewirkt

Das wachsende Klimabewusstsein hat ein neues Phänomen geschaffen: die Flugscham. Ist sie auch der Grund, dass die Schweizer bisher weniger Sommerreisen gebucht haben als üblich? Das sei nur ein kleiner Faktor, sagt Markus Fässler, der bei Hotelplan Suisse für Nachhaltigkeit zuständig ist.

Flugzeug
Mit dem Flugzeug zu reisen, ist eine besonders klimaschädliche Form, in die Ferien zu gehen. (Bild: iStockphoto)
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Laut dem Schweizer Reiseverband gibt es 7 bis 10 Prozent weniger Buchungen für die Sommerferien als im Vorjahr. Auch bei Hotelplan Suisse?

2019 ist tatsächlich verhalten gestartet, wir liegen für den Sommer derzeit leicht unter dem Vorjahr. Und schon im vergangenen Sommer lief es wegen des prächtigen Wetters und der Fussball-WM etwas harzig.

Wie wichtig ist das Sommergeschäft für die Branche? Lässt sich eine Flaute mit einem guten Herbst kompensieren?

Ja, durchaus. Das Sommergeschäft macht etwa 30 Prozent des Umsatzes aus, der Herbst 25, der Frühling 20 und der Winter 25 Prozent.

Es wird spekuliert, dass die Zurückhaltung mit dem gestiegenen Klimabewusstsein der Bevölkerung zu tun haben könnte. Gibt es dafür Hinweise?

Es gibt wohl mehrere Gründe. Einige Gäste warten noch, weil sie denken, der Sommer in der Schweiz könnte wieder so schön werden wie im vergangenen Jahr. Dann lagen Ostern und die Frühlingsferien näher an den Sommerferien als üblich. Auch das gestiegene Klimabewusstsein spielt sicherlich eine Rolle. In unseren Filialen wird zum Beispiel immer wieder aktiv nach Flugkompensationen gefragt. Wobei wir schon seit zwölf Jahren mit Myclimate zusammenarbeiten und bei Buchungen darauf hinweisen, dass es diese Kompensationsmöglichkeit gibt.

Aber es fragen mehr Leute von sich aus danach?

Es sind immer noch eher einzelne Kunden. Aber die Medienpräsenz des Themas sorgt für eine stärkere Sensibilisierung.

Markus Fässler (35), Verantwortlicher Nachhaltigkeit Hotelplan Suisse
«Mobilität und Reisen stehen oft in Widerspruch mit Nachhaltigkeit», sagt Markus Fässler (35), Verantwortlicher Nachhaltigkeit Hotelplan Suisse

Die Schweden haben schon ein Wort für den Reiseverzicht aus Klimagründen erfunden: «Flugscham». Wenn sich das auch bei uns verbreitet, haben Reiseanbieter wie Hotelplan Suisse ein Problem, oder?

Klar, wenn keiner mehr Ferien bucht, hat die Reisebranche ein Problem. Und es ist nun mal so, dass das Fliegen nicht nachhaltig ist. Mobilität und Reisen stehen oft in Widerspruch mit Nachhaltigkeit. Dennoch haben sich die Klimademonstrationen bisher kaum auf das Reiseverhalten ausgewirkt. Es sind nur Einzelne, die reagieren.

Sind die Reiseanbieter mit ihren Kontingenten ähnlich stark exponiert wie die Airlines?

Schon nicht ganz so stark. Klar verkaufen wir viele Flugreisen und Kreuzfahrten, aber eben nicht nur. Wir bieten auch Zugreisen an, verkaufen Hotelaufenthalte oder Rundreisen.

Könnte man diesen Teil des Geschäfts ausweiten und dennoch genug verdienen oder wäre das schwierig?

Ein Stück weit könnte man das sicherlich, aber begrenzt. Für viele Destinationen muss man nun mal in ein Flugzeug steigen. Aber wenn unsere Kunden mit dem Zug ans Meer reisen wollen, können wir das selbstverständlich arrangieren. Gottlieb Duttweiler hat ja 1954 sogar den Badeferien-Express lanciert, mit dem Reisende über Nacht ans Mittelmeer fahren konnten. Heute wird der Zug vor allem für Städtereisen innerhalb Europas genutzt. Liegt jedoch die Fahrzeit über vier Stunden, wählen die Kunden eher das Flugzeug. Umso mehr, weil das meist auch noch billiger ist.

Die Zahl der Flugpassagiere ist 2018 weltweit um 6 Prozent auf 4,3 Milliarden gestiegen. Und in den kommenden 15 bis 20 Jahren dürfte sich der globale Flugverkehr voraussichtlich verdoppeln. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass sich die reisefreudigen Schweizer gegen diesen Trend verhalten?

Solche Prognosen sind schwierig. Wer gern und oft fliegt, wird das wohl auch künftig tun. Aber eine grössere Sensibilität gegenüber dem Klima könnte sich schon entwickeln – wie viele Leute das schliesslich betrifft, ist aber völlig offen, uns sind keine Langzeitstudien dazu bekannt. Es kann sein, dass man in Europa künftig zurückhaltender fliegt, während Asien weiter zulegt.

Unsere Kunden haben im vergangenen Jahr insgesamt 21 706 Tonnen CO2 kompensiert, 45 Prozent mehr als 2017.

Wie kann man sich trotz Flug beim Reisen nachhaltig verhalten?

Man kann den Flug via Myclimate kompensieren und sich vor Ort möglichst umweltbewusst und sozial verhalten: keinen Abfall liegen lassen, die Klimaanlage abschalten, wenn man nicht im Zimmer ist, eine eigene Wasserflasche zum Nachfüllen verwenden statt ständig neue Plastikflaschen zu kaufen, in lokalen Restaurants essen, lokal produzierte Souvenirs kaufen und dafür faire Preise bezahlen, Velo fahren statt Auto mieten, die richtigen Hotels auswählen. Hotelplan Suisse bietet zum Beispiel Travelife-zertifizierte Unterkünfte an. Um die höchste Zertifizierungsstufe zu erreichen, müssen die Hotels über 150 Kriterien erfüllen, von Umweltfreundlichkeit bis zu fairen Anstellungsbedingungen fürs Personal.

Bringt denn diese Myclimate-Kompensation wirklich etwas?

Auf jeden Fall. Das Geld wird an Projekte weitergeleitet, mit denen der CO2-Ausstoss an einem anderen Ort reduziert wird. Hotelplan Suisse unterstützt ein Myclimate-Projekt in Brasilien, bei dem aus Holzabfällen Strom erzeugt wird. Dadurch werden Dieselgeneratoren eingespart, und die etwa 100 000 Einwohner von Itacoatiara profitieren von tieferen Strompreisen und stabilerer Energieversorgung. Pro Jahr werden dort 10 bis 15 Millionen Liter Diesel eingespart, das entspricht etwa 48 000 Tonnen CO2. Die Kundinnen und Kunden von Hotelplan Suisse haben 2018 insgesamt 21 706 Tonnen CO2 kompensiert, 45 Prozent mehr als 2017. Das entspricht mehr als 57 000 Flügen von Zürich nach London und zurück.

Was hat Hotelplan Suisse in den letzten Jahren noch getan, um nachhaltiges, faires Reisen zu fördern?

Da gibt es einiges. Nachhaltigkeit hat neben der ökologischen auch immer wirtschaftliche und soziale Komponenten. 2003 haben wir zum Beispiel als erster Schweizer Reiseveranstalter den Verhaltenskodex «The Code» zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung im Tourismus unterzeichnet. Wir haben eine Zusammenarbeit mit OceanCare und bieten seit 2018 Delfinarien sowie das Schwimmen mit in Gefangenschaft lebenden Delfinen und Walen nicht mehr aktiv an. Wir unterstützen Friends of African Wildlife , ein Schweizer Projekt in Südafrika, bei dem Einheimische zu Rangern ausgebildet werden, so dass sie ihr Wissen auch lokal weitergeben können.

Spüren Sie seitens der Kundschaft Druck, da noch mehr zu machen?

Unsere Bemühungen laufen ja schon länger. Aber die Aufmerksamkeit der Kundschaft ist durch all die Diskussionen schon gestiegen. Und natürlich kann man immer noch mehr machen. Wir prüfen laufend weitere Möglichkeiten.

Sie haben sich kürzlich dafür ausgesprochen, dass man bei Reiseangeboten CO2-Angaben macht, so wie es im Restaurant manchmal Kalorienangaben gibt. Plant Hotelplan Suisse, so was einzuführen?

Wir finden diesen Ansatz des WWF interessant, konkret in Planung ist es nicht, aber wir schauen uns das sicher an.

Haben Sie sich auch schon bei Flugscham ertappt und überlegt, eine Reise zu streichen oder mit dem Zug zu fahren?

Ich fliege ohnehin nicht so gerne und steige nur in ein Flugzeug, wenn es wirklich sein muss. Dementsprechend bin ich eigentlich lieber mit dem Zug unterwegs. Aber wenn ich mal fliege, kompensiere ich natürlich.

Weitere Informationen über Nachhaltigkeit bei Hotelplan Suisse

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