19. März 2018

Kleine Ewigkeiten

Bänz Friedli hat nachts mehr Zeit, als ihm lieb ist. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

Uhr plus William Faulkners «New Orleans»
Bänz Friedli schlägt sich seine schlaflosen Nächte auch mal mit William Faulkner um die Ohren.

Wenn ich des Nachts wach liege – was halt mal vorkommt –, schlägt die eine Turmuhr laut hörbar Viertel vor drei Uhr. Und man muss wissen, wir wohnen zwischen zwei Kirchen, der «alten» und der «neuen Kirche», beide mit Glockenturm ausgestattet. Es schlägt also Viertel vor drei. Danach vergeht eine Ewigkeit. Während der ich weiterhirne, was es wohl sei, das mich am Einschlafen hindere, und das Hirnen verstärkt nur das Wachbleiben. Aber vielleicht döse ich dann doch halb weg …? Und werde erneut aufgeschreckt: durch den Glockenschlag vom anderen Turm. Denn nun schlägts auch dort Viertel vor drei. Der zweite Turm ist weiter entfernt, seine Glocke läutet aber lauter, sie klingt in meinen Ohren also gleich stark wie die erste. Und ist auch bei geschlossenem Fenster gut hörbar, besonders nachts.

Die beiden Uhrwerke sind nicht synchron. Sekunden, Minuten? Ich könnte Ihnen nicht sagen, wie viel die Differenz beträgt. Aber es ist viiiel Zeit, des Nachts. Weil Zeit halt relativ ist. Schon Einstein ahnte das. Sagte er es nicht sogar ziemlich präzise voraus, vor hundert Jahren: dass die Zeit irgendwie dehnbar ist? Und haben nicht drei Amerikaner soeben den Nobelpreis erhalten, die erstmals diese Gravitationswellen nachwiesen, Jahrmilliarden alte Schwingungen, die belegen, dass … Wie soll ich sagen? Dass alles relativ, dass Zeit eben nicht gleich Zeit ist. Vielleicht besser, muss mein alter Physiklehrer diese halbbatzige Erklärung nicht mehr lesen, Gott hab ihn selig! Aber solche Gedanken macht man sich halt, nächtens, wenn man nicht schlafen kann und ins ­Grübeln gerät über Zeit und Raum und …

Eigentlich sind wir ja schon verwöhnt, in diesem Land. Wir ärgern uns über Zugverspätungen von wenigen Minuten, Sekunden gar nur, über die ausländische Gäste nur lachen können. Mittels Rasenmäherroboter, selbsttätiger Staubsauger, Fixfertigmenüs, elektronischer Fahrpläne und Dutzender Apps mehr sparen wir laufend so viel Zeit, dass wir am Ende gar keine mehr haben. Und dann meinen, eine um die Winzigkeit von zwei Minuten verspätete S-Bahn bedeute den Weltuntergang. Und, Sie! Bei uns an der Endhalteschlaufe fährt das Tram regelmässig nicht verspätet – sondern um eine halbe Minute zu früh los! Ohne mich, weil ich wie stets am Sekündelen war, noch rasch eine Mail abschickte und auf den letzten Drücker aus dem Haus gehetzt bin.

Was ich noch herausfinden müsste: An welche der beiden Turmuhren ich mich halten müsste, um rechtzeitig aufs Tram zu rennen. Dumm nur, dass ich die versetzten Glockenschläge tagsüber gar nicht wahr­nehme. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 15. März, Busswil BE / 28. März, Zug

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