07. Oktober 2017

Kleine Buchläden sind wieder im Kommen

Kleine Buchhandlungen mussten sich nach dem Ende der Buchpreisbindung neu positionieren und ringen mit der Onlinekonkurrenz. Trotzdem haben in den letzten fünf Jahren viele neue Buchläden eröffnet – zur Freude vieler junger Literaturfans.

Kunden schätzen das gute Sortiment
Kunden schätzen das gute Sortiment und die kompetente Beratung im Buchladen. (Bild: iStockPhoto)
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Mit der Buchmesse in Frankfurt, die diese Woche stattfindet, füllen sich auch die Regale in den Schweizer Buchhandlungen mit Neuerscheinungen. Die Messe ist einer der
Höhepunkte im Geschäftsjahr der Buchhandlungen.
Lange galten kleine Buchhandlungen als akut bedroht. Doch obwohl der Umsatz der Deutschschweizer Buchhandlungen 2016 gegenüber dem Vorjahr um 4,2 Prozent zurückgegangen ist, weht ein frischer Wind durch die Branche.

«Gerade in unbeständigen Zeiten ist das Buch gefragter», sagt die 56-jährige Buchhändlerin Carol Forster. Auch das lokale Einkaufserlebnis werde wieder mehr geschätzt.
«Wir erleben eine sehr engagierte und innovative Branche und ein Erstarken der unabhängigen Buchhandlungen», sagt Raphaela Sabel (36) vom Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV). Alleine in den letzten fünf Jahren registrierte der Verband in der Deutschschweiz über 40 erfolgreiche Buchhandelsübernahmen und auch -neugründungen, teilweise mit sehr innovativen Konzepten. Der SBVV zählt 279 Mitglieder, 179 sind unabhängige Buchhandlungen und 100 Filialen von grossen Unternehmen.

Auch die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Kultur stimmen Sabel zuversichtlich: Über 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer lesen mindestens ein Buch pro Jahr, 60 Prozent mehr als drei Bücher, und 30 Prozent mehr als ein Buch pro Monat. Nur jedes zehnte Buch wird digital konsumiert. 

Wie oder wo kaufst du dir deinen Lesestoff?

Eine Buchhandlung ist ein Sehnsuchtsort. Der Wohlfühlfaktor ist mitentscheidend

Carol Forster
Carole Forster
Carole Forster hat sich im ländlichen Umfeld ein Geschäft aufgebaut. (Bild zVg)

Der Umsatz mit Büchern hat abgenommen. Dennoch eröffneten in den letzten fünf Jahren in der Deutschschweiz 40 neue Buchhandlungen, oder bestehende wurden übernommen. Wie geht das zusammen?

Die Stimmung ist tatsächlich wieder besser. Gerade in unbeständigen Zeiten ist das Buch gefragter. Es hat auch mit dem Zeitgeist zu tun: Die Leute wagen es wieder, Läden zu eröffnen. Gerade die jüngere Generation kauft bewusst lokal ein. Man geht gern ins Fachgeschäft, schätzt die Beratung. Der Umsatz ist zurückgegangen, weil die Preise gefallen sind. Das ist unser Problem: Bücher sind eigentlich zu billig. In den letzten zehn Jahren sind Bücher in der Schweiz rund 20 Prozent günstiger geworden. Das hängt mit den aus dem Euro-Raum importierten Büchern und dem starken Franken zusammen.

Was haben Sie befürchtet, als erste grosse Anbieter Bücher online verkauften?

Wir dachten, jetzt geht es uns an den Kragen. Doch die meisten kleinen Buchhandlungen haben mit eigenen Onlineshops nachgezogen, die gut laufen. So konnten wir Schlimmeres abwenden. Unsere Kunden schätzen es, dass ihre Bestellungen online mit einem persönlichen Mail beantwortet werden und sie wählen können, ob sie das Buch im Laden abholen oder nach Hause liefern lassen möchten.

2007 fiel die Buchpreisbindung. Waren fixe Preise der Branche nützlich?

Damals dachte ich das. Nachdem es keine fixen Preise mehr gab, gingen pro Jahr zehn Buchhandlungen ein. Es war dramatisch, niemand wusste, wie es weitergeht. Wir mussten lernen, zu kalkulieren und Preise zu gestalten. Und wir mussten viel Aufklärungsarbeit leisten und den Kunden erklären, wofür sie mehr zahlen. Das war auch eine Chance, die viele nutzten. Viele haben sich aufs Wagnis eingelassen, bewusst Unternehmer zu sein. 


Leidenschaftliche Mitarbeiterinnen und ein handverlesenes Sortiment sind entscheidend.

Was braucht es, damit eine Buchhandlung Erfolg hat?

Wir sind Dienstleister. Qualifizierte, leidenschaftliche Mitarbeiterinnen und ein handverlesenes Sortiment sind entscheidend. Kleine Buchhandlungen sind oft Plattformen für noch unbekannte Autoren und Verlage. Unsere Kunden schätzen es, wenn sie Neues entdecken können. Eine Buchhandlung ist auch ein Sehnsuchtsort, der Wohlfühlfaktor ist mitentscheidend. Und wir müssen uns auch immer wieder neu erfinden.

Mit welcher Idee hatten Sie Erfolg?

Bei uns kann man sich abends im Geschäft einschliessen lassen. Seit 2009 bieten wir das vier Mal in der Woche an – und wir sind immer ab Anfang Januar fürs ganze Jahr ausgebucht. Ich finde es toll, dass so viele Leute gern im Laden stöbern und sich für Bücher begeistern. Auch unser Kunst- und Literaturfestival «Kleiner Frühling», das wir alle zwei Jahre in Appenzell veranstalten, wird gut besucht. Dieses Jahr hatten wir Julia Weber eingeladen. Die Autorin war völlig unbekannt, jetzt ist sie auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

Empfing man Sie eigentlich mit offenen Armen, als Sie die erste Buchhandlung im Kanton eröffneten?

Nein, der Start war harzig. Wir mussten uns die Stammkundschaft erst hart erarbeiten. Das ist bei jeder Neueröffnung so: Es dauert in der Regel fünf Jahre, bis man sich einigermassen etabliert hat. In dieser Zeit muss man untendurch: Man arbeitet sehr viel, kann sich keine Angestellten leisten. Wir haben aber einen tollen Beruf, für den wir jeden Tag gern aufstehen.

Der Umsatz mit E-Books liegt bei unter 10 Prozent. Das erstaunt.

Ein Buch ist etwas Haptisches, Sinnliches. Die meisten von uns starren den ganzen Tag auf einen Bildschirm, da möchten sie abends oder in den Ferien lesen, nicht nochmals in ein Gerät schauen. Das gedruckte Buch wird nie verschwinden, davon bin ich überzeugt.

Carol Forster (56) eröffnete 1992 in Appenzell Innerrhoden die erste Buchhandlung im Kanton.

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