08. August 2019

Klares Denken entlarvt jedes Geschwurbel

Nichtssagende Worthülsen von Managern, politisch korrekte Sprachmonstrositäten und wolkiges Lebenshilfegefasel: Unser Alltag ist durchsetzt von sprachlichen Zumutungen. Der Philosoph Philipp Hübl erklärt die Hintergründe und sieht Anzeichen der Besserung.

Philosoph Philipp Hübl
Beschäftigt sich gern mit aufgeblasener Sprachangeberei: Philosoph Philipp Hübl

Sprache war auch schon einfacher und klarer. Weshalb sind wir heute im Alltag mit so viel Geschwurbel und schwerfälligen Konstruktionen konfrontiert?

Sprache transportiert mehr als Information. Deshalb wird in so vielen Bereichen daran gefeilt. Da ist die technokratische, übergenaue Beamtensprache mit Worten wie «Strassenbegleitgrün» oder «Fahrtrichtungsanzeiger». Oder die übervorsichtige Sprache der Politik, die negative Assoziationen vermeiden will – so werden aus «Flüchtlingen» plötzlich «Geflüchtete». Mein Eindruck ist aber, dass in Deutschland die politische Korrektheit und die Technokratensprache exzessiver betrieben werden als in der Schweiz.

Auf politische Korrektheit wird auch hier Wert gelegt. Wer als Journalist «Arme» schreibt statt «armutsbetroffene Menschen» oder «transsexuell» statt «Transmensch» riskiert erboste Reaktionen.

Dahinter steht die Erkenntnis, dass Sprache ausgrenzen kann und wir daher sensibler werden sollten. «Zigeuner» war zum Beispiel lange eine neutrale Bezeichnung, wird heute jedoch negativ wahrgenommen, auch von Sinti und Roma selbst. Das sollten wir respektieren. Aber wenn aus Minderheitenschutz eine Hypersensibilität entsteht, kann es ins Negative kippen.

Woher kommt die Hypersensibilität?

Die hat sich vor allem in der sehr gebildeten, linken, urbanen Oberschicht entwickelt, gerade auch bei Akademikerinnen und Journalisten. Besondere sprachliche Sensibilität ist ein Erkennungsmerkmal für diese Gruppen geworden. Hingegen ist Asiaten und Schwarzen laut einer US-Studie politische Korrektheit gar nicht so wichtig – zwei Gruppen, die eigentlich davon profi­ieren sollten. 80 Prozent finden sie sogar eher nervend und sagen, es führe zu nichts Positivem.

Weshalb ist sie denn der gut gebildeten Oberschicht so wichtig?

Da dürfte wohl das schlechte Gewissen hineinspielen, so privilegiert zu sein. Ausserdem wollen sie damit anderen zeigen, dass sie moralisch sensibler und progressiver sind als der Durchschnitt.

Aber kann man mit sensiblerer Sprache tatsächlich Einstellungen verändern?

Es bleibt leider oft nur Kosmetik. Das Wort ist zwar ein anderes, aber die Einstellung zu den Menschen dahinter verändert sich nicht. Deshalb kommen immer wieder neue Wörter auf. «Krüppel» etwa war bis weit ins 20. Jahrhundert ein neutraler Begriff, wurde durch «Behinderte» ersetzt und später durch «Menschen mit Behinderung». Der «Asylant» wurde zum «Asylbewerber», zum «Flüchtling», zum «Geflüchteten». Und ich wette, das ist noch nicht das Ende. Erst wenn sich neben dem Wort auch tatsächlich die Einstellung ändert, kommt man aus dieser Sprachspirale heraus.

Worte allein können also eine innere Haltung nicht ändern?

Manchmal funktioniert es ein bisschen. Wenn ich zum ersten Mal damit konfrontiert bin, dass «transsexuell» negativ aufgenommen wird, sensibilisiert mich das möglicherweise, weil es mich dazu bringt, über Transmenschen und ihre Situation nachzudenken. Aber die Idee, dass ein einzelnes Wort direkt die Haltung einer Person positiv beeinflusst, ist letztlich Sprachmystik. Man weiss aus der Forschung, dass sich eingefahrene Einstellungen mit Worten nicht verändern lassen. Auch vor dem Umkehrschluss sollte man sich hüten.

Nämlich?

Nicht jeder, der statt «Geflüchteter» «Asylant» sagt, ist ein Fremdenfeind. Man kann aus den verwendeten Worten allein nicht auf die Gesinnung eines Menschen schliessen. Es kommt auf den Kontext an.

Wenn einer sagt, hör mal, du hast dein Leben lang diskriminierende Worte verwendet, ist der erste Impuls oft Abwehr, nicht Einsicht. Es kommt zu Trotzreaktionen.

Das heisst, die Bemühungen um korrekte Sprache bringen viel weniger als erhofft. Und lösen zudem bei manchen Abwehr aus.

So ist es. Mit einem zu intensiven Insistieren schiesst man oft über das Ziel hinaus.

Weshalb eigentlich?

Weil Menschen sich irgendwann in ihrer moralischen Identität eingerichtet haben und sie ungern aufgeben. Wenn einer kommt und sagt, hör mal, du hast dein Leben lang diskriminierende Worte verwendet, ist der erste Impuls oft Abwehr, nicht Einsicht. Es kommt zu Trotzreaktionen: «jetzt erst recht». Bei moralischen Vorwürfen halten die Leute oft besonders stark dagegen. Auch bei Themen, wo eine bestimmte Auffassung stark mit der eigenen oder der Gruppenidentität verbunden ist, wie Religion, Politik oder Verschwörungstheorien. Wenn überhaupt, hilft eher, an das Verständnis zu appellieren und zu sagen: Versetz dich in meine Lage, wie würdest du damit umgehen?

Weshalb ist die Korrektheit vor allem bei den Linken ein so grosses Thema?

Früher lag ihr Fokus auf der Umverteilung zwischen Arm und Reich, seit einigen Jahren sind die identitätspolitischen Debatten stark ins Zentrum gerückt – auch weil die Universitäten vielfältiger und multikultureller geworden sind. Plötzlich können bisher marginalisierte Gruppen ihre Stimmen erheben, sind in Positionen, in denen sie gehört werden. Ausserdem geht es im heutigen Europa so vielen Menschen so gut wie noch nie zuvor. Also werden sie sensibler für Anliegen, die früher, als die Probleme grösser waren, unter den Tisch gefallen sind.

Was raten Sie? Muss man jedes Sprachbedürfnis von jeder Gruppe berücksichtigen, egal, wie schwerfällig und unleserlich die Texte werden?

Diese schwierige Abwägung muss man immer wieder aufs Neue vornehmen. Ich bin an sich kein Freund von politischer Korrektheit und halte es für besser, die Dinge beim Namen zu nennen – das führt eher zu Veränderungen in den Einstellungen. Dennoch gibt es auch berechtigte Anliegen. Es bleibt nichts anderes, als mit der Zeit zu gehen und sich ein feines Ohr zu bewahren.

«Studien zeigen, dass Kunden im Laden bei Aktionen auch dann mehr Waren einkaufen, wenn sich der Preis zum Vortag gar nicht geändert hat», sagt Hübl. «Das Signalwort "Aktion" funktioniere bei allen, die weniger aufmerksam sind.»
«Studien zeigen, dass Kunden im Laden bei Aktionen auch dann mehr Waren einkaufen, wenn sich der Preis zum Vortag gar nicht geändert hat», sagt Hübl. «Das Signalwort "Aktion" funktioniert bei allen, die weniger aufmerksam sind.»

Im Management und in der Politik sind wenig aussagekräftige Worthülsen an der Tagesordnung. Will man sich möglichst wenig angreifbar machen, indem man klare Aussagen vermeidet? Oder unangenehme Nachrichten damit verschleiern?

Das sind sicherlich die Hauptmotive für die vielen Allgemeinplätze, die vage positiv klingen, auf alles anwendbar sind, aber völlig unverbindlich bleiben. «Wir wollen die Nachhaltigkeit stärken und den Wandel fördern.» Klingt doch gut, oder? Man eckt nicht an und kann sich gut dahinter verstecken.

Aber funktioniert das wirklich?

Nicht bei denen, die aufmerksam zuhören. Sie merken sofort, was nichtssagendes Geschwurbel ist. Aber wenn man nur mit halber Aufmerksamkeit dabei ist, was im heutigen Zeitalter der zahlreichen Ablenkungen nicht ungewöhnlich ist, fällt man vielleicht darauf rein. Dann bleiben vor allem Emotionen und Lautmalerisches hängen, also das, was auch in der Werbesprache gut funktioniert. Köstlich, lecker, saugfest – lauter Begriffe, die positive Emotionen auslösen, aber im Grunde völlig nichtssagend sind. Studien zeigen, dass Kunden im Laden bei Aktionen auch dann mehr Waren einkaufen, wenn sich der Preis zum Vortag gar nicht geändert hat. Das Signalwort «Aktion» funktioniert bei allen, die weniger aufmerksam sind. Menschen können nicht pausenlos hochkonzentriert unterwegs sein, darauf bauen nicht nur die Werber, sondern immer wieder auch Politiker und Manager. Und es fallen genügend Kunden und Wähler darauf herein.

Ein erfrischendes Gegenbeispiel in der Politik ist Donald Trump, der spricht wie ihm der Schnabel gewachsen ist – ein Gegentrend?

Trump ist auch deshalb so erfolgreich, weil er dank seiner Sprache authentisch wirkt, inklusive aller Grobheiten und Rücksichtslosigkeiten. Genau mit dieser dezidierten politischen Unkorrektheit hat er seine Zielgruppe besser angesprochen als alle anderen. Authentizität ist in der Politik definitiv wichtiger geworden.

Aber auch wenn Trump auf Grobheiten verzichtet, spricht er klar, manchmal fast simpel. Bräuchte man mehr davon in der Politik?

Eine klare, ehrliche Sprache ist immer von Vorteil. Unter den europäischen Nachwuchspolitikern gibt es viele, die das beherzigen, und dadurch verständlicher und nahbarer geworden sind. Aber je nach Zielgruppe darf es nicht zu simpel werden. Die Wähler von Trump haben einen etwas niedrigeren Bildungsstand und einen weniger analytischen Denkstil als die Wähler der Demokraten. Dinge möglichst einfach zu sagen, regelmässig zu wiederholen und dabei auf starke Emotionen zu setzen, wie Trump das macht, würde Letztere eher abschrecken.

Rechtspopulisten wissen, wie gut sie ihre Anhänger mit Emotionen mobilisieren können, also tun sie das im Zweifelsfall auch durch Unwahrheiten.

In der Politik nutzen Rechtspopulisten Sprache besonders geschickt, um ihre Anhänger zu mobilisieren. Wie machen sie das?

Ihre Herausforderung ist, dass sie immer zwei Gruppen ansprechen müssen: einerseits die stramm Rechten, denen sie signalisieren wollen, dass auch sie gegen das bestehende System sind, andererseits die enttäuschten Konservativen, die sie abschrecken würden, wenn sie zu extrem klingen. Ausserdem dürfen sie in der Öffentlichkeit nichts Strafbares sagen. Es gibt ein paar Profis, die diese Gratwanderung sehr gut beherrschen, AfD-Parteichef Alexander Gauland etwa kann das sehr gut.

Zum Beispiel?

Er benutzt Formulierungen wie «Wir werden sie jagen» oder «Wir brauchen ein neues System». Die stramm Rechten lesen das als Gewaltaufforderung zum Systemumsturz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, obwohl es bewusst so formuliert ist, dass es den Verfassungsschutz eben nicht auf den Plan ruft und man es auch weniger radikal interpretieren kann. Vor allem aber gelingt es Rechtspopulisten oft, Emotionen in einer extremen Weise zu nutzen. Natürlich appellieren alle Politiker an unsere Gefühle, aber Rechtspopulisten respektieren die Wahrheit dabei nicht. Sie wissen, wie gut sie ihre Anhänger mit Emotionen mobilisieren können, also tun sie das im Zweifelsfall auch durch Unwahrheiten. Die Gefühle Ekel und Angst funktionieren am rechten Rand besonders gut. Im Ausdruck «links-grün-versifftes Gedankengut» steckt zum Beispiel das Wort Syphilis, eine Geschlechtskrankheit. Und die Fremden, die da kommen, sind für ihre Wähler nicht nur gefährlich, sie sind ansteckend, unsauber, verhalten sich seltsam und essen Unappetitliches.

Mobilisiert die politische Gegenseite nicht auch mit Gefühlen?

Aber mit anderen. Linke und Grüne arbeiten mit Empörung – etwa gegenüber der Verletzung von Fairnessprinzipien, gegenüber der Untätigkeit der Politik angesichts des Klimawandels oder der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer. Aber ihre Themen sind oft abstrakter, sie packen die Leute weniger direkt und zielen meist auch nicht auf einen so klar definierten Gegner wie die Rechtspopulisten. Sie haben deshalb einen strukturellen Nachteil in der Emotionalisierung.

Arbeitet man rechts eher mit Unwahrheiten als links?

Ja, Studien zeigen das ganz eindeutig. Der rechte Rand ist deutlich anfälliger für Fake News und Verschwörungstheorien. Es gibt sie aber auch auf der linken Seite, dort vor allem in den Bereichen Ernährung, Naturschutz, Gesundheit und Impfen.

Wer politisch korrekte Sprache nicht mag, findet eine neue Heimat bei den Rechtspopulisten. Stärken die überkorrekten Linken so ihre politischen Gegner?

Ich glaube nicht. Teilt man die politische Welt grob in drei Teile, gibts die Linken, denen politische Korrektheit sehr wichtig ist, sowie die Liberalen und die Konservativen bzw. Rechten, die davon genervt sind. Aber dieses Genervtsein ist nicht der Grund, warum jemand aus der bürgerlich-liberalen Mitte nach rechts rutscht. Politische Korrektheit nervt besonders die Leute, die sich eh schon am rechten Rand bewegen, weil sie darin ein typisches Erkennungsmerkmal der linken urbanen Eliten sehen – es ist quasi die Signatur der Feinde. Deshalb wird der Ärger darüber auf der rechten Seite so überbetont.

Wir leben in der aufgeklärtesten Zeit, die es je gab, sind also besser denn je vorbereitet, um Unsinn oder Desinformation zu entlarven.

Auch in der Wissenschaft und im Lebenshilfebereich wird gerne geschwurbelt. Manchmal, so scheint es, um simple Weisheiten oder Erkenntnisse mit komplexen Sprachgebilden überzeugender erscheinen zu lassen als sie sind.

Ganz klar, besonders in der Lebenshilfe. Da gibt es grosse positive Worte wie «Leben», «Sinn» oder «verborgene Schönheit». Untersuchungen zeigen aber auch, dass es ein ganz bestimmter Typ Mensch ist, der sich davon besonders angesprochen fühlt: Bauchmenschen, die eher nicht naturwissenschaftlich-mathematisch denken und dafür an Schicksal und übernatürliche Kräfte glauben. Leider gibt es dieses Sprachphänomen auch in den Geisteswissenschaften: Da werden manchmal triviale Erkenntnisse pompös präsentiert und so tiefe Weisheiten oder aufregende Forschungsergebnisse vorgetäuscht. Hinzu kommt, dass die sprachliche Ausdrucksweise quasi als Eintrittskarte in die Akademikerwelt gilt – sie schliesst all die aus, die den Jargon nicht verstehen. Aber ich habe den Eindruck, dass auch da Besserung in Sicht ist.

Wie gehen Sie selbst als Philosoph und Wissenschaftler damit um?

Mein Gebiet ist die analytische Philosophie, da ist es besonders wichtig, verständlich zu schreiben, genau zu argumentieren und mit konkreten Beispielen zu operieren. Ich versuche bewusst, möglichst einfach und klar zu formulieren, damit ein breites Publikum meine Texte verstehen kann. Natürlich kann man nicht auf alle Fachbegriffe verzichten, aber man kann sie erklären. Die Philosophie ist generell zugänglicher geworden. Heute gibt es viel mehr gut verständliche Einführungsbücher als in meiner Studienzeit.

Was raten Sie im Umgang mit wissenschaftlichen Worthülsen?

Im Gespräch würde ich einfach nachfragen: Was meinen Sie damit? Geben Sie ein Beispiel! Viele fragen nicht nach, um sich keine Blösse zu geben, sie wollen nicht unwissend oder ungebildet wirken. Aber in der Philosophie gilt es als Tugend nachzufragen.

Wie wirkt sich all das Geschwurbel in so vielen Lebensbereichen auf uns aus? Erschwert es auch das klare Denken?

Nein, wer klar denken kann, entlarvt jedes Geschwurbel. Besonders gut darauf trainiert sind Wissenschaftler, Juristen, aber auch Journalisten. Am besten schützt Bildung davor, auf Worthülsen hereinzufallen. Und noch nie waren so viele Menschen so gut gebildet und informiert wie heute, vor allem in der westlichen Welt – wir leben in der aufgeklärtesten Zeit, die es je gab, sind also besser denn je vorbereitet, um Unsinn oder Desinformation zu entlarven. Der Zweifel an Fakten und Wissenschaft ist nur auf eine kleine, oft politisch ideologisierte Gruppe beschränkt.

Was ist Ihre Prognose für die Zukunft – wird die Sprache wieder klarer?

Ich glaube schon. Die grosse Sehnsucht nach Authentizität bei der jüngeren Generation dürfte sich auch auf die Sprache auswirken: Technokratisches Geschwurbel wird eher abnehmen. Und je fairer und liberaler die Gesellschaft wird, je mehr ihre diversen Gruppen gleichwertig nebeneinander stehen, desto unnötiger wird politische Korrektheit.

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