19. Juni 2020

Kindheit in einer Patchworkfamilie

Im Buch «Drei Väter» beschreibt der Illustrator Nando von Arb direkt und unverblümt, wie er in einer Patchworkfamilie aufgewachsen ist.

Szene aus «Drei Väter» von Nando von Arb
So stellt Nando von Arb in seinem preisgekrönten Buch eine Kindheitsszene dar: Jede Woche isst die Familie mit den drei Vätern (Hund, Harlekin und Riese) ein Mal gemeinsam zu Abend. Ermöglicht hat das die Mutter (Vogel). (Illustrationen: Nando von Arb)

Nando kann sich nicht an die Zeit erinnern, als sein leiblicher Vater und seine Mutter noch glücklich waren zusammen. Als kleines, weisses Oval mit winzigem Körper steht er verloren da. Über ihm streiten seine Eltern und werfen sich Unflätigkeiten an den Kopf. Auf der folgenden Seite versuchen Nando und seine beiden Schwestern zu schlichten – umsonst. Die Eltern wiegeln bloss ab: «Wir streiten doch nicht.» Als Nando noch keine zwei Jahre alt ist, verlässt der Vater die Mutter.

So beginnt Nando von Arbs Buch «Drei Väter», für das er im Mai den ersten Kinder- und Jugendbuchpreis gewonnen hat. Der 27-Jährige nimmt die Leser darin mit auf einen Spaziergang durch seine Kindheit, die von drei Vätern geprägt ist: Da ist der leibliche Vater, ein windiges, hundeartiges Wesen in schicker Kleidung. Der Vater der Schwester, ein Harlekin mit ellenlangen Beinen (Kiko). Der Freund der Mutter, ein riesiges Steinwesen, kräftig wie ein Superheld (Zelo).

Nando von Arb
«Mit meinen drei Vätern hatte ich drei Vorbilder und drei Freunde.» – Nando von Arb, Illustrator und Grafiker (Bild: Giorgio von Arb/Keystone)

Die comicartig erzählten Episoden sind mal tieftraurig, mal knalllustig. Und manchmal auch beides. So geht die Szene unter die Haut, in der Nandos Mutter beim Staubsaugen weint, in der Hoffnung, ihr Schluchzen gehe so unter. Die Szene, in der Nando gamt, zeigt, wie unterschiedlich die Männer mit ihm umgehen. Der Vater sagt mit Blick auf den Bildschirm «da wird mir übel» – und verschwindet. Nando spielt zufrieden weiter. Bald schon steht Kiko da und ruft: «Sehr schön, du spielst Mississippi Massacre! Komm zu mir, wenn du bei River Rampage angekommen bist, dann verprügeln wir diese Mistsäcke zusammen!» Zelo indes kauert hinter dem Sofa und schaut geduldig bis zum Ende zu.

Erwachsenenwelt aus Kindersicht

Das Buch «Drei Väter» ist Nando von Arbs Bachelorarbeit für den Studiengang Illustration Fiction an der Hochschule Luzern. Das Thema sei «einfach da gewesen», habe sich aufgedrängt, erzählt er via Zoom. Er sitzt in seinem Studio im belgischen Gent , wo er zusammen mit seiner Freundin Dale Forbes Molina einen Master in Fine Arts absolviert.

Die Illustratorin zeichnet am Tisch nebenan, während er Auskunft gibt. Es habe ihm keine Mühe bereitet, seine Kindheit, sein Trauma des Verlassenwerdens zum Thema zu machen. Zum einen wollte er diese Zeit schon lange künstlerisch verarbeiten, zum anderen habe er die Figuren so gezeichnet, wie sie als Kind auf ihn wirkten. «Es ist meine Wahrheit.»

Szene aus «Drei Väter» von Nando von Arb
Die drei Geschwister sind aus einem Guss gezeichnet, behütet von der Mutter.

Und doch war Nando von Arb vor der ersten Vernissage, als er sein Werk seiner Familie präsentierte, nervöser als vor der zweiten, «richtigen». Sehr speziell war der Anlass und schön, erinnert er sich. Alle hätten sich sofort erkannt. Seine Mutter konnte sich gleich mit ihrer Figur identifizieren. Seine Väter hätten nach genauer Lektüre die Rolle, die sie für Nando spielten, besser verstanden. Nando verändert sich im Lauf des Buchs nicht. «Die Verhältnisse bleiben ja auch dieselben, wenn man älter wird», erklärt er. Das sei einerseits irritierend: «Meine Mutter will mich als Kleinsten noch heute beschützen.» Aber auch tröstlich: «Es gibt diesen Ort, wo ich noch Kind bin.»

Szene aus «Drei Väter» von Nando von Arb
Miese Stimmung im Auto: Mit dieser Zeichnung begann Nando von Arb die Reise in seine Kindheit.

Entstanden sind die knapp 300 Seiten in nur drei Monaten. Er habe viel gezeichnet und wenig geschlafen, sagt von Arbs Mentor an der Hochschule Luzern, Yves Noyau. Man spüre, dass «Drei Väter» in einem Zug geschaffen wurde, und so müsse man es auch lesen. «Man kann sich der Geschichte nicht entziehen.» Formell sei das Werk avantgardistisch: Mit seinen vereinfachten Figuren breche Nando mit vielen Regeln der Comicsprache. Ob so ein Ansatz funktioniere, lasse sich nicht voraussagen. «In Nandos Fall ist etwas Gewaltiges passiert.»

Herausforderung Patchworkfamilie

Für Nando von Arb fühlt sich das Buch an wie eine Erweiterung seines Körpers. Es hat ihm geholfen, mit der Idee der Patchworkfamilie Frieden zu schliessen. Als Kind habe er sich immer gewünscht, seine Eltern würden wieder zusammenkommen. Heute sehe er auch, wie er von der komplizierten Konstellation profitiert habe: «Mit meinen drei Vätern hatte ich drei Vorbilder und drei Freunde.» Bei der Frage, was er mit welchem Vater gemeinsam habe, verweist er an seine Freundin. Dale könne das besser beurteilen.

So prägten die Väter Nando von Arb

Und so führt Dale aus: Von seinem leiblichen Vater, einem Fotografen, habe Nando den Blick für die Kunst mitbekommen. Kiko sei der Clown in der Familie. Ist die Stimmung angespannt, erzähle er einen unangebrachten Witz. Auch Nando ziehe sich gern in seinen Humor zurück und schaffe so Distanz. Wie Zelo sei er ebenfalls ein Fels in der Brandung: «Immer für mich da.»

Schon bald wird Nando von Arb von Gent nach Zürich zurückkehren. Er zeichnet bereits für ein neues Buch. Obwohl seine «Drei Väter» in Kürze in der dritten Auflage à 1000 Exemplare erscheinen, ist er kritisch. «Keine Ahnung, ob das neue Projekt was wird.» Er träumt von einem Atelier mit Ladenfenster, in dem er als Autor wirkt. Und damit genug zum Leben verdient. Er hört auch bereits die biologische Uhr ­ticken. Ein Leben ohne Kinder kann er sich nicht vorstellen. Nando von Arb möchte als Vater immer da sein für seine Familie. «Aber ich weiss: Das Leben ist nicht perfekt.» Es könnte anders kommen. «Aber: In meinem Fall war auch das gut.»

«Drei Väter» von Nando von Arb, Edition Moderne, 2020, erhältlich bei exlibris.ch

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