07. Oktober 2019

Kindheit in der Mulde

Die Eltern unserer Stadt-Land-Kolumnistin misten aus. Dabei lassen sie die angebrachte Portion Sentimentalität vermissen und gehen eiskalt vor.

Katze in der Hand und Kuhmist am Schuh: Lisa Stutz als etwa 7-Jährige.
Lesezeit 2 Minuten

«Halt! Stopp!», rufe ich. Meine Mutter hat schon zum Schwung ausgeholt, gerade noch kann ich sie bremsen. Fast hätte sie meinen alten Schulthek in hohem Bogen in die Mulde geschmissen. «Gehts noch?», herrsche ich sie an und reisse den Scout mit den Delfinen drauf an mich. Etwa einmal pro Jahrzehnt bestellen meine Eltern eine Mulde in ihren Garten – und dann wird ausgemistet. Heuer ist offenbar der Keller dran und damit die letzten Überreste meiner Kindheit. Ich finde, meine Mutter lässt die angebrachte Portion Sentimentalität vermissen. Empört gehe ich näher zur Mulde und entdecke darin das zum Schulthek passende Turnsäckli. Wie ich dieses Säckli geliebt habe! Wie ich meinen Schulthek geliebt habe! Spinnt die eigentlich?


«Kannst ihn ja nach Hause nehmen», sagt meine Mutter und zeigt auf den soeben von mir geretteten Thek. «Stinkt aber ein bisschen», fügt sie noch an. Demonstrativ beleidigt gehe ich mit dem Thek unter dem Arm in die Küche. Meine Eltern bleiben draussen und entsorgen wohl gerade mein Zeugnis aus der 1. Klasse. In der Küche liegen stapelweise Fotos. Ich schaue sie durch. Mein Bruder und ich, unsere Hündin Luna, wir in den Ferien auf Elba, meine Eltern, als sie jung waren.


Besonders ein Foto sticht mir ins Auge. Es zeigt mich als etwa 7-Jährige auf einem Bauernhof. Ich sitze in der Hocke und halte ein Katzenjunges an den Vorderpfoten in die Höhe. Um den Hals trage ich eine Chrällelikette und im Haar gelbe Spängeli. An meinen weissen Klettturnschuhen klebt gut sichtbar ein wenig Kuhmist, meine nackten Beine sind übersät mit Bläuele vom Spielen. Überglücklich lächle ich in die Kamera – meine Kindheit in einem einzigen Bild! Und auf einmal bin ich meinen Eltern nicht mehr böse.

Kolumnistin Lisa Stutz (25) sucht die Balance zwischen urban und ländlich. Und pickt von beidem das Beste heraus.

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