01. November 2017

Kinderwünsche ernst nehmen

Nachgeben oder hart bleiben, wenn das Kind etwas unbedingt will? Psychologin Sabine Brunner erklärt, warum man die Wünsche des Nachwuchses ernst nehmen soll.

Vater im Gespräch mit schmollendem Sohn
Muss man dem Kind einen grossen Wunsch abschlagen, hilft es, wenn man ihm die Gründe erklärt (Bild: Getty Images).

Leon (8), ist sauer. «Alle anderen bekommen Nike-Schuhe, nur ich nicht!» Er rennt in sein Zimmer, knallt die Tür zu und schreit: «Ihr seid gemein, so werde ich voll zum Freak!» Die Eltern schauen sich unsicher an: Wird ihr Sohn zum Aussenseiter, wenn sie ihm die gewünschten Markenschuhe verweigern? Oder stärkt es seine Persönlichkeit, wenn er nicht immer das Gleiche haben kann wie die anderen?

Die erste Frage, die Väter und Mütter sich in so einem Moment stellen sollten, lautet: «Wie kommt mein Kind auf diesen Wunsch?» Dies rät Sabine Brunner (51), Psychologin und Psychotherapeutin am Marie Meierhofer Institut in Zürich. Manchmal gehe es wirklich um die Sache. «Oft dagegen gehts um den Wunsch dazuzugehören, mit anderen Gleichaltrigen in einen sozialen Kontakt zu treten», erklärt die Expertin. Und dies sei durchaus ernst zu nehmen.

Besonders das Handy sei ein komplexer Fall: «Das ist heute nicht mehr nur ein beliebtes Gadget. Ein grosser Teil des sozialen Lebens spielt sich darauf ab», sagt die Psychologin. «Darüber laufen auch Informationen von Schule und Freizeitverein.» Wer kein Handy habe, müsse sich anders organisieren. Aber: Wer in der Gruppe beliebt sei, werde trotz seines veralteten oder fehlenden Handys nicht ausgeschlossen.

Nur verbieten bringt nichts

Einige Jugendliche finden es sogar ganz in Ordnung, sich eigenwillig zu kleiden, «uncoole» Hobbys zu pflegen oder ein Uralt-Handy zu besitzen. Das sei eine Frage des unterschiedlichen Umgangs mit solchen Dingen, und der zeige sich schon im Kindergartenalter, sagt Sabine Brunner. Wichtig ist, dass sich das Kind zu seinen Vorstellungen äussern kann und nicht einfach den Wertigkeiten der Eltern ausgesetzt

ist. So oder so sei es gut, mit Kindern über Wünsche zu reden und gemeinsam herauszufinden, was man mit dem Wunsch machen solle, sagt Brunner, «Kinder sind sehr vernünftig und können gut unterscheiden, was für sie wirklich wichtig ist.» Hilfreich sei auch, wenn Eltern mit ihrem Kind gemeinsam nach Lösungen suchten: «Ein Kind erträgt den Frust beispielsweise besser, wenn es finanzielle Realitäten versteht.» Das heisse aber nicht, dass man dem Nachwuchs nicht auch hie und da spontan einen Wunsch erfüllen dürfe.

Denn «nie dasselbe haben wie die anderen» ist ebenso wenig förderlich wie «immer alles sofort» zu bekommen: Wer immer nur die alten Kleider des Bruders trägt oder schon um 21 Uhr von der Party heimgehen muss, gilt irgendwann doch als peinlich. Und das ist schwierig für Kinder und Jugendliche, die einfach nur zu ihrer Gleichaltrigengruppe gehören möchten.

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