03. März 2014

Kinderstreit: Wie reagieren?

Wenn es im Kinderzimmer laut wird, tätscht und chlöpft, ist das normal – solange es nicht ausartet. Denn Streiten gehört zum Aufwachsen.

Zwei Mädchen streiten sich.
Das passiert fast täglich: Lynn und Anna streiten sich um ein Spielzeug.

Wie zwei Engelchen sehen die beiden aus – Anna (6) und Lynn (9), die am Stubentisch sitzen, Wasser trinken und den Zvieriapfel essen. Ob die beiden Schwestern überhaupt je streiten? Anna dreht verlegen in ihren Haaren. Lynn denkt nach. Mama Katja (39) lacht. «Natürlich streiten sie. Ein- bis zweimal am Tag zankt ihr sicher, oder?», fragt sie und wirft einen liebevollen Blick auf ihre Töchter. «Oft geht es um Kleinigkeiten: Anna will im gleichen Moment die gleiche Haarbürste benützen, oder eines der Kinder hat das Gefühl, es komme zu kurz.»

«Anna will viel das Gleiche wie ich, das nervt», rückt Lynn heraus. «Oder sie will mitspielen, wenn Freundinnen da sind. Dann schliesse ich die Tür ab, und sie poltert dran.» Das ist der Moment, in dem Mama Katja eingreift. «Verschlossene Türen gibts nicht», sagt sie. Auch wenn der Streit ausartet, laut und körperlich wird, geht sie dazwischen: «Das ist meine Grenze.»

Kinderstreit
Kinderstreit ist anstrengend.

Mit dem älteren Bruder Noah (10) haben die beiden weniger Streit. Wenn, dann geraten sie sich alle drei in die Haare – meist im Fernsehzimmer, einem kleinen Raum, der fast vollständig von einer Matratze ausgefüllt wird und der ideale Ort zum Herumtollen ist. «Dort blödeln wir oft», erzählt der Bub mit dem strohblonden Wuschelkopf, der gerade von der Schule nach Hause gekommen ist. Handgreiflicher Krach entsteht dabei schnell: «Jemand kriegt unabsichtlich eins ans Schienbein, wird hässig, sagt: ‹Spinnst du?!›, und schon gehts los.»

Wenn möglich greift Katja möglichst spät ein. «Wenn ich sie sofort aus ihrem Streit hole, können sie nicht üben, ihn selbst zu lösen.» Denn Konflikte sind wichtig, um zu lernen, sich mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen. Ihr Mann Tobi hingegen hat Mühe, seine Kinder streiten zu lassen. Er greift schneller ein. Katja ist Kleinkinderzieherin und Co-Leiterin einer Krippe. Kommt sie müde nach Hause, erträgt sie den Lärm ihrer Kinder manchmal schlecht. «Ich wüsste ja, wie man professionell reagiert», sagt sie lachend. «Doch zu Hause bin ich emotionaler.»

Unparteiisch zu sein, ist für die Mutter nicht immer einfach

Gibt es Tränen, tröstet sie als Erstes das weinende Kind. Dann hört sie zu, was passiert ist. Schuldzuweisungen gibt es keine. «Meistens merken die Mädchen, dass sie beide verantwortlich dafür sind, dass es zum Streit gekommen ist.» Zwar hätte die Kleinere oft gern, wenn sie sagen würde, die andere sei schuld, weil sie eher Mühe hat nachzugeben. «Doch das muss sie lernen.»

Unparteiisch zu sein, ist auch für einen Profi wie Katja nicht immer einfach. Besonders wenn es um Krach mit den Nachbarskindern geht. Sie wohnen im ländlichen Mittelhäusern BE in einer familienfreundlichen Siedlung – einem Paradies für Kinder. Der Nachwuchs spielt oft draussen, sie haben guten Kontakt zu den Nachbarn. «Auch da muss ich meine Kinder streiten lassen, wenn sie sich in die Haare geraten.»

Die Art der Streitereien verändert sich mit zunehmendem Alter. «Kleine Buben und Mädchen zanken ähnlich», sagt Katja Furrer. «Ab etwa der dritten Klasse geht es bei den Mädchen mit den Geheimnistuereien und dem Ausschliessen von Freundinnen los. Buben hingegen streiten vor allem körperlich.»

Das musste auch Simona di Mauro (31) lernen. Sie hat mit ihrem Mann Reto (36) drei Kinder, alles Buben: Nico (2), Luca (4) und Leandro (10). «Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass Buben körperlich so heftig aufeinander losgehen», sagt Simona. Ihr Mann Reto hatte von Beginn an mehr Verständnis: «Er ist mit Brüdern aufgewachsen und hat mich beruhigt, das sei so bei den Buben.»

Ursachen für Streit sind oft simpel. «Luca baut die Eisenbahn auf, Nico stösst unabsichtlich etwas weg, und schon gehts los.» Wird es zu laut und körperlich zu heftig, greift sie ein und versucht, Kompromisslösungen zu finden. «Bei Streit um ein Spielzeug müssen sie lernen zu teilen.» Oft gibt es auch Streit, weil der vierjährige Luca es als unfair empfindet, dass der sechs Jahre ältere Leandro allein rausdarf. «Manchmal darf er mit Leandro mit. Doch Luca muss lernen, dass sein Bruder älter ist und deshalb mehr darf.»

Heute ist es bei Di Mauros ruhig, Nico ist gerade aus dem Mittagschlaf erwacht, Leandro ist noch in der Schule. Luca zeigt stolz die Eisenbahn, die er in der Stube aufgebaut hat. Simona fährt ihm über die Haare. Er hat sie ganz kurz schneiden lassen: «Damit mich Nico nicht mehr an den Haaren ziehen kann.»

Drei Buben zerren an einem Stofftiger und glotzen sich blöd an.
Bei Nico, Leandro und Luca (von links) geht es immer wieder laut zu. Gründe für Streit sind oft Kleinigkeiten.

Ein braunhaariger Bub klopft an die Terrassentür des Einfamilienhauses im ländlichen Kirchberg BE. Es ist Leandro. Die Schule ist aus. Er erklärt, warum es zwischen ihm und dem sechs Jahre jüngeren Luca so oft zu Raufereien kommt: «Luca beisst mich, haut mich, und ich werde nervös, raste aus und gehe auf ihn los. Und er gibt zurück. Oder versuchts.» Luca, der aufmerksam zugehört hat, sagt: «Ja, und manchmal gewinne ich auch!»

Simona weiss, dass es oft gerade der Kleinere ist, der Streit anfängt. Der Grössere ist ihm aber körperlich überlegen. «Deshalb sage ich eher zu Leandro ‹Hör auf!› Ich sollte es aber zu beiden sagen und unparteiisch sein. Da muss ich mich immer wieder an der Nase nehmen.» Sie setzt aber auch auf Eigenverantwortung. «Sie wissen, dass Schläge nicht gut sind. Sie sollen lernen, selbst zu merken, dass Schluss sein muss, wenn der andere ernsthaft Aua schreit.»

Nur selten ist ein Streit so heftig, dass sie danach darüber sprechen müssen. Etwa, als Leandro in seiner Wut den Bruder mit Schimpfwörtern eingedeckt hat. «Ich habe ihm erklärt, dass er ihn damit ernst verletzt hat. Danach hat er sich bei Luca entschuldigt. Und zur Versöhnung umarmt.» Erwachsene könnten von den Kindern lernen, findet Simona. «Ich staune immer wieder, wie schnell auch Streitereien mit Schulkollegen vorbei sind, und zwar richtig. Sie entschuldigen sich, und die Sache ist gegessen.» Der Kinderstreit ist ehrlicher und auch unberechenbarer – immer wieder von Stimmungen und Launen abhängig.

Mathias Minder (42) weiss das aus dem Familienalltag nur allzu gut. Er hat mit seiner Frau Sabine zwei Töchter: Luise (8) und Hannah (10). Die beiden Mädchen haben ihre langen mittelblonden und braunen Haare zu Zöpfen gebunden. Sie wohnen in einem Mehrfamilienhaus im Berner Breitenrain, er arbeitet als Klavierstimmer an vier Tagen pro Woche, Sabine arbeitet zweieinhalb Tage als Heilpädagogin.

Als Eltern begreift man oft nicht, warum die Kinder streiten

«Kürzlich spielten sie einen ganzen Sonntag zusammen, ohne auch nur einmal zu streiten», erzählt der Berner. «Manchmal reicht aber ein ‹Ich will auch das grüne Becherli›, und es gibt den ganzen Tag Gezänk.» Mathias greift nur ein, wenn Grenzen überschritten werden: «Wenn die eine der anderen wehtut oder körperlich Gewalt anwendet.» Ansonsten versucht er, die Kinder streiten zu lassen, denn: «Streit gehört bei Kindern dazu. Das muss sein.» Er weiss aus Erfahrung: «Brauchen sie Rat und Hilfe, kommen sie von selbst.»

Das Einmischen der Eltern kann auch negativ sein, findet er. «Die Kinder leben in ihrem eigenen Universum. Oft begreifst du als Eltern ja auch nicht, was abgeht, warum sie sich streiten. Und du hast nicht mitbekommen, dass beispielsweise die eine provoziert hat. Und dann kann man schnell einmal ungerecht werden», sagt Mathias.

Mädchen und Bub schliessen nach einem Streit Frieden.
Zum Streiten gehört auch die Versöhnung: Anna schliesst mit dem Nachbarsbub Frieden – mit Handschlag und dem Versprechen, jetzt friedlich zu sein.

Kleine Streitereien erledigen sich meist von selbst. Und wenn er mal eingreifen muss, ist das noch keine Garantie, dass danach auch Friede herrscht. Manchmal kommt es danach zum Knatsch mit einem der Mädchen – meist mit Luise, der Jüngeren. Denn diese kann ein richtiger Hitzkopf sein. So sehr, dass Mathias und Sabine die Kleine zum Abkühlen schon auch mal unter die Dusche gestellt haben. Genützt hat es allerdings nichts. «Wir haben viel gelernt», sagt er. «Wutausbrüche muss man sein lassen, bis das Kind erschöpft ist und nicht mehr kann. Erst dann ist es wieder ansprechbar.»

Mit der Älteren klappt der verbale Austausch besser: «Nach einem Krach sitzen wir zusammen aufs Bett und besprechen, was passiert ist.» Der Streit seiner Kids zeigt ihm auch, wie er selbst drauf ist. «Wenn ich müde oder genervt von der Arbeit nach Hause komme, ertrage ich Lärm viel weniger.» In diesen Momenten sei es wichtig, den beiden zu sagen, dass er nichts ertrage. «Auch ich habe meine Schwächen.» In der Wiederholung sieht er die grosse Chance: «So können wir als Eltern lernen, das nächste Mal anders zu reagieren.» Denn dem Streit der Kinder kann man nicht ausweichen.

Bilder: Gaby Vogt

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