30. August 2018

Kinderfreundliche Siedlungen

Rumrennen, auf Gerüste klettern, beim Nachbarskind ein- und ausgehen: Viele Kinder können oder dürfen das nicht. Dabei wäre das einfach zu ändern, wie ein Beispiel im Aargau zeigt.

Kind am Klettergerüst
Kinder, die klettern und frei spielen dürfen, haben Glück. Es tut ihnen körperlich und geistig gut.

«Sehr lebhaft» sei es in ihrer Siedlung, sagt Beatrice Harmutter. Und das sei toll. Sie wohnt in einem Reihenmittelhaus in der Siedlung Zelgli in Windisch AG mit ihrem Mann Sebastian und ihren drei Kindern, dem vierjährigen Finn, dem zweijährigen Erik und dem Baby Emma.

Die Siedlung besteht aus drei Hausreihen, die um einen zentralen Innenhof angeordnet sind. «Hier findet das Leben statt», sagt die 33-Jährige. Denn es gebe eine Grillstelle, eine grosszügige Rasenfläche, einen Sandkasten, eine Art Dorflinde, einen Aufenthalts- und Partyraum und viele Tische und Stühle. Es herrsche beinahe ein Gefühl wie in einer Kommune: Alle sind per Du, man feiert Grillfeste im Hof und sitzt oft zusammen.

Tische und Bänke in der kinderfreundlichen Siedlung Zelgli in Windisch
Tische, Bänke und viel Platz machen das Draussensein attraktiv – für Eltern und Kinder.

Der grösste Vorteil dieser Siedlung ist für Beatrice Harmutter aber der: «Unsere Kinder können jederzeit draussen spielen, sich gegenseitig besuchen und finden meist ein ‹Gspänli›, zumal rund ein Dutzend Kinder in der Siedlung wohnen.» Etwas, das Marco Hüttenmoser von der Forschungsstelle Kind und Umwelt (KUM) sehr begrüsst: «Kinder müssen unbeaufsichtigt und vor allem ungefährdet draussen spielen können.» So wie Beatrice Harmutters Kinder und deren Nachbarn. Sorgen müssen sich die Eltern keine machen, denn alle Ausgänge sind mit Schiebetoren gesichert.

Die Zelgli-Kinder stellen eine schöne Ausnahme dar, denn freies Spielen wird immer mehr eingeschränkt: Durch stark befahrene Strassen, ängstliche Eltern oder kinderfeindliche Bauplanung.

Kinder müssen unbeaufsichtigt und vor allem ungefährdet draussen spielen können.

Marco Hüttenmoser

Christiane Richard-Elsner, Leiterin des deutschen Projekts «Draussenkinder», stellt fest: «Es steht generell nicht gut um das Spiel der Kinder.» In ihrer Studie und dem gleichnamigen Buch «Draussen Spielen» erinnert sie daran, dass gemäss der Uno das Spielen ein Kindermenschenrecht sei – und das aus gutem Grund: Spielen ist nachweislich wichtig für eine gute Entwicklung junger Menschen.

Marco Hüttenmoser erläutert: Mehr Bewegung fördere mehr eigenständige soziale Kontakte und somit auch die Selbständigkeit, es führe zu intensiverer Wahrnehmung der Umwelt, reduziere den Medienkonsum und sogar Kurzsichtigkeit. «Kinder, die draussen spielen, tun Wesentliches für ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden», fasst der 76-Jährige zusammen.

Wissenschaftlerin Christiane Richard-Elsner fordert deshalb mehr Freiraum für unbeaufsichtigte Aktivitäten: Verstecken spielen, mit Strassenkreide malen, Hütten in den Büschen bauen, bolzen, einen Bach stauen. Fatalerweise gehen die Tendenzen genau in die andere Richtung, warnt die Autorin der Studie: Zu viele Kinder spielen nur im Haus und haben zu wenig Bewegung.

In Windisch möglich: Bauen für Familien 

Dass das nicht sein muss, zeigt das «Zelgli». Es bietet eine Wohnform an, die auch Eltern zugutekommt: «Man hat meist jemanden zum Austauschen oder zum Kinderhüten», sagt Beatrice Harmutter. Wenn Kinder frei spielen, haben Eltern auch mal die Hände frei. Der Wermutstropfen: «Man ist nie für sich, meist ist es sehr lebhaft.» Dennoch muss man nicht ganz auf Privatsphäre verzichten: «Auf der Rückseite verfügt jedes Haus über einen eigenen Sitzplatz.»

Innenhof der kinderfreundlichen Siedlung Zelgli in Windisch
Die Siedlung Zelgli in Windisch AG ist wie eine kleine Burg angelegt: Sie hat einen sicheren, attraktiven Innenhof.

Die Siedlung in Windisch ist ein gutes Beispiel für durchdachten Familiensiedlungsbau: «Das Quartier entstand 1981 mit dem Ziel, Familien ein Reihenhaus zu günstigen Mietzinsen anzubieten», erklärt Dieter Hauser von der Gemiwo AG, der aktuellen Besitzerin der Häuser.

Auch wenn viele Wohnungsinserate eine tolle Wohnung in einer familienfreundlichen Siedlung versprechen, tatsächlich kinderfreundliche Wohnungen sind Mangelware, wie Marco Hüttenmoser sagt: «Für viele Verwaltungen bedeutet ‹kinderfreundlich› einzig, dass es einen normierten Spielplatz gibt.» Das genügt dem Fachmann zufolge jedoch bei weitem nicht für das Prädikat «kinderfreundlich». Dieses Label könne sich jede Verwaltung geben: Gesetzliche Vorgaben existieren nämlich nicht.

Kinder stehen nur scheinbar im Zentrum

Gabriela Muri
Gabriela Muri

Gabriela Muri (55), Architektin und Kulturwissenschaftlerin, befasst sich seit mehr als 20 Jahren mit urbanen Entwicklungen und mit Alltagsräumen von Familien, Kindern und Jugendlichen.

Abenteuer in der Natur erleben heute nur noch wenige Kinder unbeaufsichtigt. Es drohen ja Zecken und andere Gefahren. Wie finden Sie als Mutter von drei Kindern das?

Auch ich muss oft mein Bedürfnis nach Sicherheit gegen die Interessen der Kinder abwägen. Aber ich denke, ein Zeckenbiss ist weniger gefährlich als Bewegungsarmut. Wir Eltern müssen uns fragen: Was nehmen wir den Kindern weg, nur um ein Risiko zu vermeiden? 

Warum werden nicht wenigstens mehr Siedlungen auf die Bedürfnisse des Nachwuchses zugeschnitten?

Familienfreundliches Bauen wird eher als städtebauliche denn als gesellschaftliche Aufgabe betrachtet. Bei raumpolitischen Prozessen und in Baugesetzen fehlt die Wahrnehmung von familienspezifischen Bedürfnissen. Planungs- und Architekturfachleute sind meist auf räumliche und gestalterische Aspekte fixiert. 

Was muss sich ändern, damit Wohnen kindgerechter wird? 

Die Ressorts Planung und Gesellschaft in den Gemeinden müssten vermehrt zusammenarbeiten und die zukünftigen Nutzergruppen und Fachleute der Familien-, Kinder- und Jugendarbeit miteinbeziehen.

Setzen sich Architekten zu wenig mit den Bedürfnissen von Kindern auseinander?

Ästhetische Aspekte haben in den letzten Jahren an Gewicht gewonnen. Und doch gibt es Bauten, die davon zeugen, dass sich die Planer mit ­Nutzeranliegen auseinandergesetzt haben.

Stadt oder Land: Was ist attraktiver?

In der Stadt ist das Angebot an Treffpunkten, Gemeinschaftszentren und Kindertagesstätten meist grösser. Auf dem Land ist es einfacher, die Freizeit im Freien und an unbeaufsichtigten Orten zu verbringen. Aber Quartiere in Agglomerationen und sterile Einfamilienhausgärten zeigen, dass Kinder nur scheinbar im Zentrum stehen. Prototypisch dafür stehen die Trampoline, die – schön eingezäunt – den Bewegungsraum von Kindern einem konkreten Platz zuordnen.

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