01. September 2014

Woodstock für Knirpse

Sie singen von Indianern, Geheimbanden und Stinkesocken und nennen sich Silberbüx, Tischbombe und Billy & Benno: Das sind die Senkrechtstarter der Kindermusikszene.

Konzert von Benno und Billy am Lilibiggs-Festival in Windisch
«Wo ist Benno?», fragt Billy am Lilibiggs-Festival in Windisch. «Er ist eingeschlafen!», rufen die Kinder.

Heicho, heicho, heichoheicho grad jetzt. Heicho, eis a d Ohre und dänn ohni Znacht is Bett», dröhnt es 1995 durch die Kinderzimmer der Schweiz. Der Hit der Band Schtärneföifi schuf ein Genre, das es bis dahin noch nicht gab: den rockigen Kinderpop. Die CD «Ohrewürm 1» wurde bis heute 115'000 Mal verkauft und revolutionierte den Schweizer Musikmarkt. Vier Jahre später erkannte Veranstalter Michael Furler, dass sich Musik für die Kleinsten nicht nur gut verkauft, sondern auch live ankommt: Zum neunten Geburtstag seiner Zwillinge organisierte er auf dem Dorfplatz von Grüningen ZH ein Konzert mit Linard Bardill. Als Bühne dienten Bretter auf dem Dorfbrunnen, die Kinder sassen auf Pflastersteinen, tranken Sirup.

Dieser Kleinanlass legte den Grundstein für eine Art Woodstock für Kinder: Die von Furler gegründeten Lilibiggs-Festivals der Migros werden heute jährlich von 40 000 Kindern und Erwachsenen besucht.

Der Kindermusikmarkt in der Deutschschweiz boomt

So etwas wie den Schweizer Kindermusikmarkt gibt es sonst nirgends: «Die Deutschschweiz hat die reichhaltigste, qualitativ hochstehendste Familienmusikszene überhaupt», sagt Michael Furler. Die grossen Namen in der Kindermusik wie Schtärneföifi, Linard Bardill oder Andrew Bond leben seit Jahren vom Kinderpop und geben bis zu 100 Konzerte im Jahr. Doch auch die neue Generation ist erfolgreich unterwegs: So zum Beispiel die Newcomer Billy & Benno. Die beiden Musiker treten seit zwei Jahren mit ihrem Programm «Mir fahred use id Wält» und «Wendelland mir chömed» auf. Philippe Stuker alias Billy, Texter und Gründer der Band, merkte beim Musizieren mit seinem Göttimeitli, wie fasziniert Kinder von Instrumenten sind. Billy & Benno singen von Regenbogen und Elefanten und bekommen Fanpost à la «Es war so kuhl, mit euch zu tanzen und zu singen!».

Die kindliche Brille aufzusetzen, ist für die beiden leicht: «Wir haben Freude an Kindern und am Musikmachen und sind selber Kindsköpfe.» Philippe Stuker arbeitet als Marketingfachmann, Samuel Schäfer («Benno») als Sekundarlehrer. Dass die Kindermusik momentan noch ein Hobby ist, finden sie praktisch: «Dadurch gehen wir ganz unbeschwert an die Sache heran und haben einfach den Plausch am Geschichtenerfinden.»

Eine besondere Geschichte hat sich auch die Band Silberbüx ausgedacht: Als Geheimbande ist sie in ihrem neuen Programm auf Räuberjagd. Die vier haben sich bei ihrem Studium an der Zürcher Hochschule der Künste kennengelernt und sind damals als Jazzquartett aufgetreten. Als akuter Liedermangel herrschte, versteckten sie kurzerhand ein paar im Studium geschriebene Kindersongs im Programm. Die gefielen dem erwachsenen Publikum so gut, dass die vier Musiker die Band Silberbüx gründeten, benannt nach dem Gewehr von Indianer Winnetou.

Mittlerweile haben Silberbüx über 350 Konzerte gespielt und kriegen von ihren kleinen Fans Zuschriften wie «Ihr seid superfantastischgeheimnisvollspannendlustigtollräuberischsuperduper» oder «Ihr seid die coolste Kinderband, auf mich könnt ihr bei der Räuberjagd immer zählen!». Das Schönste für die vier: «Wenn wir uns in die Herzen der Kinder spielen und unsere Lieder zu ihren werden», sagt Benno Muheim, der neben der Kindermusik als Theaterregisseur tätig ist. Am Konzert von Silberbüx merkt man, dass hier Dramaturgieprofis am Werk sind: Jeder spielt mal jedes Instrument, zwischen peppigen Songs wird es auch wieder still und alle schwören gemeinsam den geheimen Silberbüx-Schwur. Am Ende ist dann der Stadträuber gefasst. Ein Abenteuer, das auch den Eltern gefällt.

Letztere würden sogar noch ungeduldiger als die Kinder auf musikalischen Nachschub warten, sagt Severin Graf von der Band Tischbombe: «Meistens bestürmen uns Eltern mit der Frage, wann endlich eine neue CD komme. Die haben unsere Lieder im Auto schon rauf und runter gehört.» Die Mitglieder von Tischbombe sind seit vier Jahren als Kindermusiker unterwegs, derzeit mit dem Programm «Uf grosser Fahrt». Die Idee, Lieder für Kinder zu schreiben, kam von Nelly Gyimesi. Aus ihrer Feder stammen die meisten Lieder, inspiriert wird sie von ihrem neunjährigen Sohn.

Ein Mal im Jahr treffen sich alle Kindermusiker zum Fondue

Wenn Tischbombe auf der Bühne stehen, wird viel getanzt: Die Kinder formen zu «Mamma mia, Pizza Prosciutto, warum fahred mir mit em Auto? Io voglio mitem Flüger ga …» ihre Arme zu einem Flugzeug oder zeigen typisch italienische Gesten. Dass die Kinder mitmachen, ist den Mitgliedern von Tischbombe wichtig und eine schöne Bestätigung. Oft bekommen sie auch Videos, Briefe, Zeichnungen oder selbst gebastelte Armbänder zugeschickt.

All diese Bands sind sich einig: Kinder sind das beste Publikum, begeisterungsfähig und direkt. «Man sieht ihnen sofort an, ob sie es grossartig oder grottenschlecht finden», sagt Benno Muheim. Konkurrenz kennt man in der Kindermusikbranche nicht: Die rund 30 Musiker teilen ihre Tops und Flops gern miteinander. Ein Mal im Jahr treffen sich dazu alle bei Andrew Bond zum Fondueplausch. «Scho chli vill Musiker uf eim Huufe», meinte Bond beim letzten Mal.

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