08. Mai 2019

Kinder vieler Seitensprünge

Regula Brühwiler-Giacometti ist ein Seitensprungkind. Im gleichnamigen Buch hat sie vor zwei Jahren ihre Lebensgeschichte verarbeitet. Seither ist einiges passiert: Sieben weitere Geschwister haben sich bei ihr gemeldet.

Regula Brühlwiler-Giacometti und ihr Bruder Mathias Hoffmann
Sie fanden über das Buch «Seitensprungkind» zusammen: Regula Brühwiler-Giacometti und ihr Halbbruder Mathias Hoffmann

Regula Brühwiler-Giacometti lacht über irgendeine Anekdote und legt unbewusst die Hand auf den Unterarm ihres Bruders Mathias. Eine zärtliche Geste, ganz natürlich zwischen Geschwistern – und doch bemerkenswert. Denn die beiden kennen sich erst seit einem Jahr. Sie sitzen im Gasthof zum Schützen in Aarau, am selben runden Tisch, an dem sie sich zum ersten Mal getroffen hatten. Draussen fällt der Regen in Fäden auf den Boden, genau wie damals, beim gemeinsamen Mittagessen am 10. Februar 2018. Regula Brühwiler-Giacometti hatte zu diesem Zeitpunkt gerade ihre Autobiografie «Seitensprungkind» veröffentlicht. Sie schilderte darin ihr Leben als Adoptivkind und die Suche nach ihren Wurzeln.

Das Buch hatte Erfolg, wurde von den Medien aufgegriffen, im Migros-Magazin erschien ein Porträt mit dem Titel «Affäre mit Folgen». Mathias Hoffmanns Ehefrau erinnerte sich später daran, den Artikel gelesen zu haben – ohne die leiseste Ahnung, dass sie von ihrer Schwägerin liest. Auch Regula Brühwiler-Giacometti ahnte beim Schreiben des Buchs nicht, dass da noch weitere Seitensprungkinder waren.

Wie aus dem Nichts tauchten vier weitere Geschwister auf
Eine Woche vor der Buchvernissage erhielt sie einen Brief von der Organisation Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (Pach). «Darin stand, dass eine Halbschwester von mir, eine gewisse Gabriela, mit mir in Kontakt treten wolle.» Sie war schockiert, dass sie offenbar ein weiteres Geschwister hat. Sie wusste bisher lediglich von den drei, die aus der Ehe ihrer leiblichen Mutter hervorgegangen waren. Doch natürlich war sie einverstanden. Die Halbschwester, Gabriela, rief sie daraufhin an. Sie nannte weitere Namen, von denen Regula Brühwiler-Giacometti noch nie gehört hatte. Regina, Mathias, Angelina … Und dann traf man sich, eben hier in Aarau, im «Gasthof zum Schützen». Die Geschwister assen zusammen und erzählten einander aus ihrem Leben. «Ich hatte nicht das Gefühl, dass da fremde Menschen sassen», sagt Regula Brühwiler-Giacometti. «Mir ging es genau gleich», sagt Mathias Hoffmann, der als Projektleiter in der Verkaufstechnik der Migros Zürich arbeitet.

Von der Pflegefamilie ins Heim – und fünf Mal den Namen gewechselt
Mathias ist 1967 als jüngstes der acht Halbgeschwister zur Welt gekommen – als Folge eines One-Night-Stands mit einem verheirateten Künstler. Wie die anderen ist er von der Mutter direkt nach der Geburt weggegeben worden. Bis heute weiss niemand genau, wie das Leben der Mutter aussah. Und wie es so weit kommen konnte, dass sie so viele Kinder von verschiedenen Vätern gebar, die sie eins nach dem anderen weggab.

Anders als seine Schwester Regula wurde Mathias Hoffmann – geboren als Martin Oertli – vorerst nicht adoptiert. Zunächst wuchs er bei einer Pflegefamilie auf, bei der er sich jedoch nie akzeptiert fühlte. Später kam er in ein Schulheim. Dort ging es ihm besser, er blühte auf und absolvierte nach Schulabschluss eine Schreinerlehre. Insgesamt wechselte er fünf Mal seinen Namen. Erst im Alter von 47 Jahren wurde er von seiner ehemaligen Pflegemutter adoptiert. Nachdem er erfahren hatte, dass da noch so viele Halbgeschwister existierten, sei er nicht einmal gross überrascht gewesen, sagt Mathias Hoffmann. «Ich musste mich schon mein ganzes Leben lang an neue Umstände gewöhnen.»

Er und Regula haben seit dem gemeinsamen Mittagessen vor einem Jahr den engsten Kontakt unter den Geschwistern. «Wir merken in vielen Dingen, dass wir die gleiche Mutter haben», sagt Regula Brühwiler-Giacometti. Schon äusserlich – viele sagen ihnen, dass sie sich gleichen. Auch sonst sind sie auf einer Wellenlänge. Aber es gebe natürlich auch Unterschiede. So sei er eher künstlerisch begabt, sie eher eine Schreiberin.

Die beiden verspüren keine Wut auf die Mutter – dass diese sie weggegeben hatte und sie sich darum nicht schon ihr Leben lang kennen. «Unsere Mutter hat mich lange überhaupt nicht interessiert», sagt Regula Brühwiler-Giacometti, die im Tessin als Teil der berühmten Künstlerfamilie Giacometti aufgewachsen ist. Ihr Bruder fügt an: «Als Zehnjähriger war ich vor allem wütend auf die Leute, die um mich herum waren. Nicht auf meine leibliche Mutter.» Die beiden haben nicht den Eindruck, dass sie eine «eiskalte Frau» war. Statt wütend seien sie vor allem froh, dass sie nicht abgetrieben worden seien. «Die Geschichte ist schon verrückt», sagt Mathias Hoffmann kopfschüttelnd. Er schaut seine Schwester an, ihm kommt etwas in den Sinn: «Stell dir vor, all unsere Väter hätten sich mal getroffen wie im Film ‹Mamma Mia›. Das wäre ja ein Chaos gewesen!» Als Erwachsener hat er seinen Vater kennengelernt. Regula Brühwiler-Giacometti weiss bis heute nicht, wer ihr leiblicher Vater ist. Es ist vielleicht der letzte dunkle Fleck.

Bedürfnis nach Zuwendung
Das Aufwachsen ohne leibliche Eltern prägt. Mathias Hoffmann glaubt, dass er aufgrund seiner nicht ganz normalen Kindheit heute noch ein grosses Bedürfnis nach Zuwendung hat. «Das wirkt sich natürlich auch auf meine Ehe aus», sagt der Vater dreier Kinder. Und wenn er es sich so überlege, eigentlich hätte er seinen heute 16-, 18- und 20-jährigen Kindern gern noch mehr Liebe gegeben. Irgendwie sei es ihm nicht möglich gewesen. Auch Regula Brühwiler-Giacometti kämpft heute noch mit Unsicherheiten und der Angst, verlassen zu werden. Mann und Sohn könnten jedoch gut damit umgehen.

Regula Brühwiler-Giacometti und Mathias Hoffmann stehen mitten im Leben – und haben sich endlich gefunden. Es war Mathias, der Regula zum Verfassen ihres zweiten Buchs motiviert hatte. In «Plötzlich Familie» erzählt sie die Geschichten aller Geschwister. «Ich hoffe, dass es einigen geholfen hat, ihre Lebensgeschichte aufzuarbeiten», sagt sie. Bei ihr sei es so gewesen.

Mathias muss heute etwas früher gehen. Kaum zur Tür raus, klopft er ans Fenster des Gasthofs und winkt Regula nochmals zum Abschied zu. Sie strahlt zurück. 

Das Buch «Plötzlich Familie» erscheint im Cameo-Verlag und ist auf exlibris.ch erhältlich.

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