12. Juni 2019

Kinder in der «GemüseAckerdemie»

Gärtnern macht Schule. 350 Schüler in der Schweiz gehen diesen Sommer in den erdigen Unterricht – zum Beispiel in Bonstetten ZH. Sie suchen Schädlinge und pflanzen Gemüsesetzlinge.

Die 4. Klasse in Bonstetten bewirtschaftet den ganzen Sommer einen Gemüsegarten
Gartenbeet statt Schulbuch: Die vierte Klasse in Bonstetten ZH bewirtschaftet den ganzen Sommer einen Gemüsegarten.

Er ist bloss daumengross. Trotzdem frisst er in einer Woche mehr Salat als eine Schulklasse. Schüler Felix findet den Engerling schnell. Er legt ihn in die Tupperdose, die Lehrerin Nicole Kuhn dabeihat. Die Klasse guckt sich den kleinen Fresssack interessiert an. «Wow, krass!», rufen die einen. «Iih!», die anderen. Es ist Montag, 8.30 Uhr: Die vierte Klasse von Bonstetten ZH sitzt nicht im Klassenzimmer, sondern kniet in einem grossen Gemüsegarten im Dorf und buddelt das Salatbeet um. Die grünen Köpfchen, die vorige Woche noch so gut ausgesehen haben, lassen jetzt alle ihre Blätter hängen. Der Daumengrosse mit dem riesigen Salathunger hat ganze Arbeit geleistet.

Engerling Nummer eins von insgesamt 14
Die Salatwurzeln haben ihm geschmeckt: Engerling Nummer eins von insgesamt 14.


Seit Mitte April bewirtschaftet die Klasse einen Gemüsegarten. Mit allem, was dazugehört: Jäten, Setzen, Engerlingejagen, Ernten oder Verlustmelden. Der gefrässige Engerling hat zum Glück die Radieschen in Ruhe gelassen. An diesem Montag Ende Mai dürfen die Schüler sie aus dem Boden ziehen. Jedes Radieschen sieht anders aus. Bei einem weissen länglichen fragt Gartenexpertin Simone Nägeli die Klasse: «Ratet mal, wie diese Sorte heisst!» Daniel fällt sofort etwas ein: «Vampirzahn?» Simone Nägeli sagt: «Das wäre auch ein schöner Name. Aber das ist ein Eiszapfen­Radiesli.» Das nächste ist rot, dick und kugelrund. «Diese Radieschen heissen Rudi», erfahren die Kinder. Und alle lachen über den lustigen Namen.


Die Klasse im Garten für alle
Simone Nägeli begleitet die Schule vom ersten Gartentag Mitte April bis zum letzten im Oktober. Die Umweltwissenschaftlerin ist Mitgründerin des Projekts «GemüseAckerdemie» und leitet die Geschäftsstelle des gleichnamigen Vereins: «Zu sehen, wie das Interesse von Woche zu Woche wächst und die Schüler Zusammenhänge verstehen lernen, das ist für uns grossartig», sagt sie.

Simone Nägeli (hinten rechts) und Jeremy Notz (hinten links) mit dem «Ackerdemie»-Team
Simone Nägeli (hinten rechts) und Jeremy Notz (hinten links) mit dem «Ackerdemie»-Team im Garten in Bonstetten ZH

An diesem Montag ist sie zusammen mit vier Kolleginnen und Kollegen gekommen, damit die 25-köpfige Klasse nicht zum Bienenhaus wird. Darunter ist auch Ackercoach Jeremy Notz. Der 25-jährige Naturpädagoge ist Pächter des grossen Gartens, der der Gemeinde Bonstetten gehört. Einen Teil davon bewirtschaftet er für sich, den anderen stellt er den Einwohnern und zwei Schulklassen für die «Ackerdemie» zur Verfügung. Heute leitet er die Gruppe, die Kürbisse setzt. Das Anleiten kann er eigentlich dem Schüler Maurice überlassen. «Kürbisse können fast bis zu 1000 Kilo schwer werden!», erklärt er seinen Mitschülern. Maurices Eltern betreiben einen der letzten Bauernhöfe im Dorf – «unsere Kürbisse verkaufen wir auf dem Markt», erklärt er. Jeremy Notz lässt den jungen Experten erzählen und die Gruppe die Kürbissetzlinge selbständig pflanzen. «Schaut einfach, dass ihr immer einen Meter Platz dazwischen lasst. Der Kürbis braucht genügend Nährstoffe!»


Der Fenchel zieht magisch an
Die Schüler wissen vom Ackerprogramm schon, dass es heute darum geht, Zucchetti, Mais, Lauch, Kürbisse und Tomaten zu setzen. Aber wie erkennt man die Setzlinge? «Kürbisblätter sind weicher, Gurkenblätter spitz, Zucchiniblätter haben eine weisse Maserung», erklärt Simone Nägeli und zeigt je einen Setzling. Danach teilt sie die Klasse in fünf Gruppen auf. Jede Gruppe kümmert sich um ein Gemüse. Mila von der Kürbisgruppe erzählt ihrer Freundin Elena beim Graben vom grossen Gemüsegarten von Grossmami. Elena jätet zu Hause zwar nicht, «aber ich mähe den Rasen», sagt sie stolz.


Plötzlich kauern alle vor dem Fenchelbeet, wo es diese Woche eigentlich gar nichts zu tun gibt. Auf dem feinen Kraut hocken zig kleine Marienkäfer, die den Frühling spüren. Die Glücksbringer faszinieren die Schüler genauso wie die Engerlinge. Nur wollen sie diesmal alle anfassen. Simone Nägeli ist darauf vorbereitet. Sie holt ein Heft mit vielen Fotos: «Schädlinge und Nützlinge.» Seht ihr, da sind auch die Ameisen. Warum sind sie wichtig für den Garten?» «Sie helfen gegen allerlei Plagegeister im Garten und räumen ihn auf.» Die Schüler blättern im Heft und finden auch ihren bekannten Fresssack unter den Schädlingen. Da verkündet Lorenz der Klasse das Jagdergebnis aus dem Salatbeet: «Wir haben schon 14 Engerlinge gefunden.» Bald ist Zehnuhrpause. Gartenexpertin Nägeli fragt die Klasse: «Was haben wir heute gelernt?» Die Kinder strecken auf: «Gurken und Mais in ein Beet. Weil der Mais den Gurken Schatten spendet.» Richtig, bravo. «Beim Lauchsetzen ist die Hauptsache, dass er tief in der Erde ist!», sagen zwei Kinder im Chor. Stimmt, bravo!


Radiesli für alle
Mit einem Stück «Rüeblichueche» von der «Ackerdemie» in der Hand schultern die Schüler ihre Rucksäcke und machen sich auf zum Schulhaus. Nicole Kuhn nimmt Kresse, Baby-Leaf-Salat und Radieschen mit in den Unterricht. Am Mittag dürfen alle etwas davon nach Hause mitnehmen. Für die Lehrerin ist es das erste Mal, dass sie mit einer Klasse an der «Ackerdemie» teilnimmt. «Die Kinder sind sehr interessiert, der Verein kümmert sich um das Organisatorische und das Werkzeug. Ich bin froh, dass ich für die Betreuung einer so grossen Klasse noch zwei Mütter zur Unterstützung dabei sind.»


Jauche gegen den Fresssack
Die Mütter bleiben noch kurz mit Simone Nägeli auf dem Acker und hecken einen Plan gegen die Engerlinge aus. Die Expertin rät: «Setzt Brennnesseljauche an und giesst sie über die Wurzeln, das stärkt die Pflanzen und stinkt den Fresssäcken.» in der folgenden Woche wird die Klasse sehen, ob der eine Salatkopf, der noch übrig ist, das Rennen gegen den Schädling gewonnen hat. Und was sie als nächstes ernten können. Wenn es nach Maurice ginge, dann einen «krassen Kürbis, der mindestens 1000 Kilo auf die Waage bringt!».

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