08. September 2017

Keine Spur von Sitzplatz-Knigge im ÖV

Pendlerinnen und Pendler leiden tagtäglich unter einer Unsitte: Mitreisende im Zug versperren mit Rucksäcken oder Mappen Sitzplätze. Pro-Bahn-Schweiz-Präsidentin Karin Blättler fordert von den SBB, Sitzplatzblockierer härter anzufassen.

Reisender blockiert seinen Sitzplatz mit einer Tasche
Reisender blockiert seinen Sitzplatz mit einer Tasche (Bild: Keystone).

Feierabend, der Zug ist voll. Freie Sitze gibt es kaum. Und wenn, dann ist ein Handtäschli oder ein Rucksack darauf platziert. Sitzplatz-blockierer werden Reisende genannt, die ihr Gepäck auf dem Nebensitz abstellen und Mitpassagiere so um einen Platz bringen.

Schon länger beobachtet Karin Blättler das Phänomen. Sie ist Präsidentin von Pro Bahn Schweiz und hat sich an einen Selbstversuch gewagt: einen Monat lang darauf bestehen, dass die Leute ihr Gepäck für sie wegräumen. «Nach zwei Wochen habe ich das Experiment abgebrochen», sagt sie. Die Erfahrungen waren zu negativ, die Leute zu genervt. Sie fordert deshalb von den SBB: «Das Zugpersonal soll vermehrt darauf hinweisen, dass das Blockieren nicht erlaubt ist.» Es sei denn, man hat ein halbes Billett für sein Gepäckstück gelöst. So steht es in den Tarifbestimmungen des Verbands öffentlicher Verkehr geschrieben.

«Nach dieser Regel handelt unser Zugpersonal mit Augenmass», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. «Die meisten Passagiere lösen kein Billett für ihr Gepäck, sondern nehmen es einfach weg, wenn sich jemand anderes setzen will.» Gebüsst wird in der Regel niemand.

Die Psychologin und Verkehrsexpertin Katrin Dziekan kann nachvollziehen, warum Pendler ihr Gepäckstück neben sich platzieren. «Es ist je nach Kultur unterschiedlich, wie viel persönlichen Raum wir für uns brauchen.» Im Interview erklärt sie, dass man am besten mit einem humorvollen Spruch auf die Sitzplatzblockierer zugeht.

«Wir Nordeuropäer brauchen eine grössere Blase um uns herum als Leute im Süden»

Katrin Dziekan (40) ist Psychologin und leitet das Fachgebiet Umwelt und Verkehr am deutschen Umweltbundesamt.

Warum sitzen wir lieber neben unserem Gepäck als neben einem anderen Menschen?

Indem wir unsere Tasche neben uns stellen, erweitern wir unseren persönlichen Raum. Wir vergrössern damit die Blase, die uns umgibt. Es ist komfortabler, wenn man mehr Platz für sich selbst hat. Das Abstellen der Tasche ist ein Signal, dass man nicht gestört werden möchte.

Wir nutzen heute zahlreiche Apps und Netzwerke, um Menschen kennenzulernen. Im Zug wollen wir aber nicht gestört werden. Wieso?

Wenn man Zug fährt, will man eine Strecke von A nach B hinter sich bringen und nicht Leute treffen. Studien besagen, dass sich die Mehrheit der Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin setzt, wo es keine anderen Personen hat. Das ist ganz normal. Wir scheuen nicht grundsätzlich den Kontakt zu anderen Menschen.

Manche erschrecken sogar, wenn man ihnen «Gesundheit» wünscht. Wie kommt man ins Gespräch, ohne merkwürdig zu wirken?

Ein kurzer Blick oder eine nette Bemerkung reichen oft schon. Man kann auch gemeinsam über eine lustige Zugdurchsage lachen oder der Klassiker: übers Wetter reden. Grundsätzlich empfiehlt es sich natürlich, in Gruppen zu verreisen, wenn man sich mit Gesprächen die Zeit vertreiben will.

In südlichen Ländern wird in den öffentlichen Verkehrsmitteln viel mehr geredet und gelacht – auch mit Fremden. Wieso ist das so?

Vorher habe ich bereits von unserer Blase gesprochen. Je nach Herkunft strebt man eine unterschiedliche Ausdehnung dieser Blase an. Wir Nordeuropäer brauchen eine grössere Blase um uns herum als Leute aus dem südeuropäischen Raum.

Woran liegt das?

Am Klima und an den Lebensgewohnheiten. Als Beispiele nehme ich Finnland und Süditalien. Die Finnen sind sich viele dunkle und kalte Stunden gewohnt. Dann sind sie nicht oft draussen und haben demnach wenig Kontakt zu anderen Menschen. Sie kommen gut mit sich alleine klar.

Und die Süditaliener?

Sie können dank des warmen Klimas das ganze Jahr auf die Strasse. Bis in die Abendstunden sitzen sie zusammen. Sie leben den Kontakt zu ihren Mitmenschen auf eine ganz andere Weise und sind deshalb auch mehr darauf angewiesen. Das zeigt sich eben zum Beispiel in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch bei uns ist es übrigens unterschiedlich: An einem Montagmorgen kann es mäuschenstill sein im Zug. An einem Freitagnachmittag hingegen herrscht eine ausgelassenere Stimmung.

Ausser man ärgert sich über die Sitzplatzblockierer. Wie geht man am besten mit ihnen um?

Die beste Taktik ist, das Problem direkt anzusprechen. Etwa so: «Ich weiss, dass Sie alleine sein möchten. Das verstehe ich. Aber ich habe gerade keine andere Möglichkeit, als mich hierhinzusetzen.» Oder so: «Sie sehen so nett aus, darf ich mich zu Ihnen setzen?» Es ist auf jeden Fall besser, mit Humor an die Sache heranzugehen. Ein Frontalangriff hilft nicht.

Die Pro-Bahn-Schweiz-Präsidentin fordert, dass das Zugpersonal mehr eingreift. Wie kann ein Bahnbetrieb Ihrer Meinung nach gegen das Phänomen vorgehen?

Ich persönlich bin froh um alle Leute, die sich für den Zug als Fortbewegungsmittel entscheiden. Deshalb bin ich gegen überrissene Regelungen. Bahnmitarbeitende sollen die Passagiere in einem vollen Zug freundlich auf ihr Gepäck hinweisen. Zudem sollte sich der Bahnbetrieb Gedanken darüber machen, ob er genügend Ablagemöglichkeiten für Taschen, Rucksäcke und Co. zur Verfügung stellt.

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