05. April 2018

Keine Lust mehr

Ein Pointenfeuerwerk liefert Rolf Lyssy mit «Die letzte Pointe» nicht, eher eine leise Tragikomödie um eine alte Frau, die lieber rechtzeitig sterben will, als den Verstand zu verlieren.

Monica Gubser
Gertrud (Monica Gubser) ist 89 und eigentlich noch ganz rüstig. Aber auch zunehmend vergesslicher. Sie beschliesst deshalb, Schluss zu machen, bevor es noch schlimmer wird (Bilder: Vinca Film GmbH).
Lesezeit 3 Minuten

Rolf Lyssys Einbürgerungssatire «Die Schweizermacher» von 1978 ist noch immer der erfolgreichste Schweizer Film aller Zeiten. Sein neuestes Werk «Die letzte Pointe» hat es aber immerhin auf den zweiten Platz der erfolgreichsten Schweizer Filme 2017 geschafft, liegt mit seinen gut 93'000 Eintritten jedoch deutlich hinter der Nummer 1 «Die göttliche Ordnung» (fast 345'000 Eintritte).

82 Jahre alt ist Regisseur Lyssy inzwischen, und damit nur gerade sieben Jahre jünger als seine Hauptfigur Gertrud (Monica Gubser), eine rüstige Witwe, die allein in ihrem Haus in der Nähe von Zürich lebt und an sich ganz gesund ist. Doch rund um sie herum sind inzwischen viele gestorben, und eine Freundin im Altersheim ist seit Kurzem so dement, dass sie sie nicht mehr erkennt. So will sie nicht enden, das ist klar. Als dann plötzlich ein freundlicher Herr mit Blumen vor ihrer Tür steht und behauptet, sie hätte ihn über eine Dating-Website zu sich eingeladen, beginnt sie ernsthaft an ihrem Verstand zu zweifeln, weil sie sich daran beim besten Willen nicht erinnern kann. So beschliesst sie, ihrem Leben lieber jetzt ein Ende zu setzen als zu warten, bis es schlimmer wird.

Doch ihr Arzt gibt ihr lediglich ein paar Tabletten gegen Depressionen mit, und gleich zwei Sterbehelfer reden ihr gut zu, sich das doch lieber nochmals zu überlegen – oder es zumindest vorher mit ihrer Familie zu besprechen. Die nämlich ahnt nichts, auch wenn Gertruds Enkel und ihr Mann darauf spekulieren, nach ihrem Ableben mal das Haus zu übernehmen, und eifersüchtig darüber wachen, dass nicht jemand anders sich nun noch schnell in eine bessere Erbposition schiebt. Etwa der neue Verehrer oder die Enkelin, die regelmässig in Gertruds Keller mit ihrer Jazzband probt.

Wer von Lyssy nur «Die Schweizermacher» gesehen hat und ein ähnliches Feuerwerk an Humor und Pointen erwartet, dürfte ein wenig enttäuscht sein. Doch wer selbst mit alternden Eltern oder Grosseltern zu tun hat – oder gar selbst in dem Alter ist –, steckt sofort mitten drin in all den Themen, die sich da früher oder später stellen. Und weiss vielleicht die leise Komik zu schätzen, mit der sich der Regisseur auch schwierigen Fragen annimmt: die Angst, die eigene Selbständigkeit zu verlieren, Einsamkeit, Liebe im Alter, Sterbehilfe.

Tischrunde in «Die letzte Pointe»
Zu Gertruds 90. Geburtstag versammelt sich die ganze Familie, die noch immer nichts von ihren Plänen ahnt.

Ungewöhnlich ist auch die Idee, gleich zwei pensionierte Zürcher SP-Lokalpolitiker in kleinen Rollen zu besetzen. Ex-Regierungsrat Markus Notter spielt Gertruds Arzt, und Winterthurs ehemaliger Stadtpräsident Ernst Wohlwend kommentiert als Passant wohlwollend das Angebot eines Waffenhändlers, das Gertrud auf der Suche nach einer geeigneten Sterbemethode begutachtet. Im Winterthurer «Landboten» erklärte Wohlwend, Lyssy sei ein alter Freund der Familie, so sei er zu der Rolle gekommen. Zudem sei es auch für einen Stadtpräsidenten von Vorteil, wenn er ein gewisses schauspielerisches Talent habe.

Zusammen mit dem wunderbaren Animationsfilm «Ma vie de Courgette» (2017 auf Platz 3 der erfolgreichsten Schweizer Filme) haben «Die göttliche Ordnung» und «Die letzte Pointe» für einen aussergewöhnlich guten Jahrgang gesorgt. Mit einem Marktanteil von 6,74 Prozent erreichte das einheimische Filmschaffen im vergangenen Jahr den zweitbesten Wert seit 1995, laut einer Analyse von Pro Cinema liegt es damit im Ländervergleich nach den USA (66,8%) und Frankreich (10,6%) auf Platz 3. Am meisten Publikum lockten aber auch im vergangenen Jahr wieder Fortsetzungen aus Hollywood ins Kino: «Despicable Me 3» (473'739), «Star Wars: The Last Jedi» (400'882) und «Fast & Furious 8» (378'438). Aber dann kommt auf Platz 4 schon «Die göttliche Ordnung». Zum Vergleich: Für «Die Schweizermacher» wurden damals 941'000 Kinotickets verkauft.


«Die letzte Pointe» gibts bei Ex Libris auf DVD und Bluray


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