19. April 2018

Keine Angst vor Robotern

ETH-Professor Roland Siegwart zählt zu den führenden Robotikexperten der Welt. Er ist überzeugt: So rasch werden uns die Maschinen nicht ersetzen.

ETH-Professor Roland Siegwart
Roland Siegwart forscht an der ETH an der Künstlichen Intelligenz à la C3PO.
Lesezeit 6 Minuten

Ein Besuch bei Roland Siegwart an der ETH bewirkt vor allem eins: eine tiefe innere Zufriedenheit mit dem persönlichen menschlichen Sein. Der führende Robotikexperte kann sogar aus der Tatsache, wie man auf Irrwegen doch noch sein Büro erreicht, die Überlegenheit menschlichen Denkens und Handelns definieren. «Ich habe Ihnen vorher am Telefon in zwei Sätzen erklärt, wie Sie mich finden, und es hat geklappt. Was in diesen drei Minuten in Ihrem Hirn abgelaufen ist, die komplexen Situationen, die es zu meistern galt – Treppen, Lift, Büro suchen –, davon ist die künstliche Intelligenz heute noch meilenweit entfernt.»

Roboter als Schreckensgespenst

Dabei geistern seit Jahren Befürchtungen herum, dass die Hälfte der Menschheit bald arbeitslos sein wird. Ersetzt durch menschenähnliche Maschinen. An den Rand gedrängt durch superintelligente Roboter, die effizienter sind, sich selbst schützen und erst noch bessere Maschinen bauen als wir Menschen. Ist die Robotik also noch gar nicht so weit? Sind all diese Befürchtungen unbegründet?

Roland Siegwart kann die Situation so kompetent beurteilen wie weltweit nur wenig andere. Der 59-Jährige ist Leiter des Autonomous Systems Lab (ASL) am Institut für Robotik und Intelligente Systeme (IRIS) der ETH Zürich, und eine der grössten Koryphäen in Sachen Robotik weltweit.

Und er gibt Entwarnung: «Heute sind Roboter trotz aller Fortschritte noch immer extrem unintelligent.» Aber sie würden langsam aus den Produktionsstrassen herausfinden und sich ins Alltagsleben vorwagen. «Das weckt Ängste, das ist klar», sagt der Professor.

Team von ETH-Professor Roland Siegwart mit Drohnen
Auch die Entwicklung von Drohnen gehört zum Arbeitsfeld von Roland Siegwarts Team.

So oder so: Die ETH ist eine der weltweit wichtigsten Forschungsstätten im Bereich Robotik. Siegwarts fünfzigköpfiges Team beschäftigt sich gleich mit beiden Bereichen der Robotik, der künstlichen Intelligenz (KI) und der Mechanik. Gerade in Sachen KI haben sich Zürich und die ETH zu einem globalen Hotspot gemausert.

Wen wundert es, dass Google unterdessen 2000 Leute im Raum Zürich beschäftigt, dass Facebook sein Labor für die Forschung in Sachen Virtual Reality hier ansiedelt und auch Firmen wie Microsoft, Amazon, Samsung oder Oracle in Zürich Forschungspräsenz markieren?

Roboter lernen eigenständig

Und bei der künstlichen Intelligenz hat die Forschung in den vergangenen Jahren doch erstaunliche Fortschritte gemacht. Gerade das sogenannte Deep Learning hat das Forschungstempo erhöht. Es bedeutet eigentlich nichts anderes, als dass der Computer, ähnlich wie der Mensch, aus Beispielen lernt. Dass er es schafft, Schlüsse zu ziehen und Zwischenschritte hierarchisch zu bewerten – etwa zu entscheiden, ob etwas nun eine Strassenlaterne oder ein Mensch ist. Deep Learning ist die Basis für die intelligente Sprachsteuerung, für führerlose Autos oder für die Bilderkennung; es ist auch die Mutter von Siri und Alexa.

Menschen bleiben überlegen

Aber auch wenn die Forschung in Sachen KI Fortschritte gemacht hat, für Roland Siegwart sind Roboter noch weit von den Möglichkeiten des Menschen entfernt. «Unsere Welt ist mehrdimensional. Mit Riechen, Sehen, Hören und Spüren werden noch viele Anforderungen an die Robotik herangetragen.» Jede weitere Dimension vergrössere die Komplexität zusätzlich. «Das Abstraktionsvermögen, das wir Menschen mitbringen – und von dem wir ja noch nicht einmal wissen, wie es genau funktioniert – wird Roboter noch lange überfordern.»

Im Bereich der Mechanik ist der Unterschied Roboter/Mensch nach Siegwarts Einschätzung fast noch grösser als bei der künstlichen Intelligenz. Hier seien in den letzten Jahrzehnten viel weniger Fortschritte erzielt worden als in der Information.

«Der Mensch hat eine phänomenale Taktilität», sagt Siegwart. Mit einer Fingerkuppe kleinste Unebenheiten abzutasten, zu merken, wie stark man eine Tomate drücken kann, ohne dass sie platzt, ein Glas schnell und mit Schwung in der Abwaschmaschine zu versorgen – das sind Aufgaben, die noch kein Roboter beherrscht. «Roboter», bilanziert Siegwart, «haben effektiv noch gar keine taktilen Fähigkeiten.» Es ist auch nicht das primäre Ziel der Robotikforschung, den Menschen nachzubilden, sondern Maschinen zu entwickeln, die sich bestmöglich spezifischen Aufgaben widmen können. Eine Maschine also, die nicht wie der Mensch alles relativ gut, sondern etwas Bestimmtes perfekt kann. Oder unglaublich schnell oder sehr lang.

Eine Welt mit weniger Arbeit

«Wir werden uns noch lange in erster Linie mit nichthumanoiden Robotern oder Maschinen befassen. Allein schon aus Kostengründen.» Einen menschenähnlichen Roboter zu bauen, um ihn dann als ganz normalen Menschenersatz einzusetzen, ist nicht sinnvoll und schlicht zu teuer.

Trotzdem: Ob in fünf, zehn oder zwanzig Jahren, der Zeitpunkt, an dem der Roboter (oder vielleicht besser: die sich selbst steuernde Maschine) den Menschen als Arbeitnehmer gefährdet, wird kommen. Und wir tun gut daran, uns dieser Situation rechtzeitig zu stellen, uns mit einer Welt auseinanderzusetzen, in der die heutige Art von Arbeit weniger im Zentrum steht.

Während der vergangenen 100 Jahre wuchs die Produktivität weltweit jedes Jahr um 1 bis 3 Prozent. Das heisst: Jedes Jahr wurden mit dem gleichen Aufwand einige Prozent mehr Leistung gebracht. Diese Fortschritte landeten aber praktisch voll in höheren Einkommen. Die Arbeitszeit wurde fast nicht mehr reduziert.

Keine «Staubsaugersteuer»

Vielleicht muss sich die industrialisierte Welt daran gewöhnen, dass wir statt mehr zu verdienen in Zukunft weniger arbeiten. Oder die Öffentlichkeit findet neue Formen von Leistungsabgaben. Wie etwa eine «Robotersteuer», die immer wieder durch die Medien geistert. Davon hält Roland Siegwart nicht viel: «Mit der gleichen Argumentation könnte man auch eine Waschmaschine besteuern. Oder einen Staubsauger. Beide haben vor Jahrzehnten bezahlte Arbeitsplätze vernichtet.»

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