23. Januar 2020

Keine Angst vor Bauchentscheiden

Konzernchefs und Ärzte fällen oft Entscheide aufgrund ihres Bauchgefühls, würden dies aber nie zugeben, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer – obwohl die Intuition von Fachleuten oft ins Schwarze trifft. Ein Gespräch über intuitive Sportler, ängstliche Manager und faktenfreundliche Schweizer.

Gerd Gigerenzer
Gerd Gigerenzer (72) ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. (Bild: Ullstein Bild)

Menschen fällen Entscheide oft mit dem Bauch und nicht mit dem Kopf, auch wichtige. Weshalb eigentlich?

Weil wir immer erst spüren und dann denken. Oder wie der Fussballer Gerd Müller mal so schön gesagt hat: «Wenns nachdenkst, bist eh schon verloren.» Erfahrene Sportler sind grundsätzlich erfolgreicher, wenn sie intuitiv spielen.

Erfahrung ist aber entscheidend?

Richtig. Die Frage ist immer, wie man mit Ungewissheit umgeht: bewusst oder unbewusst. Bei Letzterem handelt es sich um eine Bauchentscheidung. Und die basiert im Idealfall auf gutem Grundwissen und vielen Jahren Erfahrung mit einem Thema. Das sind die Voraussetzungen für erfolgreiche Intuition, etwa in der Wissenschaft, der Medizin, in einem Unternehmen oder eben im Sport. Aufgrund der grossen Erfahrung spürt man quasi, was man tun oder besser lassen sollte. Denkt der Fussballer nach, verliert er den Ball.

Aber Bauchgefühle führten auch zum Brexit und zu US-Präsident Donald Trump, nicht?

In der Tat führt Intuition nicht immer zur besten Lösung, genauso wenig wie die Logik. Das perfekte Rezept, mit Unsicherheit umzugehen, gibt es nicht. Allerdings ist offen, wie viele Trump-Wähler sich mit dem Bauch für ihn entschieden haben – oder weil sie aus ihrer Sicht rationale Gründe haben, die Demokraten nicht zu mögen oder «denen da in Washington» eins auswischen zu wollen.

Intuition scheint auch wenig geeignet, um zwischen Fakten, Meinung und Fake News zu unterscheiden, was immer wichtiger wird. Intuitiv stimmen wir dem zu, was unsere Haltungen und Vorurteile bestätigt, egal wie real und korrekt sie sind.

Das ist aber nicht die Art Bauchgefühle, die ich meine. Es geht mir um Intuition aus Kompetenz, nicht aus Ahnungslosigkeit. Viele Menschen haben keine Erfahrung damit, wie man echte Nachrichten von Fake News unterscheidet, und da kann die Intuition tatsächlich in die Irre führen: Man hält das für wahr, was die eigene Meinung bestätigt. Mir gehts aber um die Frage, wie man als Forscher, Ärztin oder Unternehmer eine Entscheidung trifft, wenn einem die Fakten keinen Rat mehr geben.

Sie sprechen da aus eigener Erfahrung?

Oh ja. In der Wissenschaft gäbe es ohne Intuition kaum Innovation. Als Forscher kann ich neue Ideen nicht berechnen, sondern ich spüre dank meiner Erfahrung, dass es hier einen Zusammenhang geben könnte, dem nachzugehen sich lohnt. Auch wenn ich es rational nicht begründen kann. Diese Intuition wird anschliessend methodisch überprüft. Es ist also ein Zusammenspiel zwischen Bauch und Kopf, kein Entweder-oder.

Und wo im Alltag ist die Intuition eine gute Ratgeberin? Beziehungspartner, Jobsuche, Kinder oder nicht, Netflix oder Amazon?

Sie ist immer dann nützlich, wenn man vor einer Situation der Ungewissheit steht. Wenn Sie heute Abend im Casino Roulette spielen, müssen Sie sich nicht auf Ihr Bauchgefühl verlassen, diese Chancen lassen sich klar kalkulieren. Aber typischerweise sind wir mit unsicheren Situationen konfrontiert, wie bei der Beziehungs- oder der Jobsuche. Da lohnt es sich, die Intuition zumindest miteinzubeziehen. Es gibt auch Methoden, Intuition bewusst zu entwickeln. So habe ich etwa an einem Entscheidungsbaum für das deutsche Militär in Afghanistan mitgearbeitet.

Wofür konkret?

Für eine typische Alltagssituation: Soldaten stehen bewaffnet an einem Checkpoint, und es nähert sich ein Auto. Wie können sie abschätzen, ob darin harmlose Zivilisten sitzen oder ein Selbstmordattentäter? Unsere Regeln kann man innert Sekunden anwenden, sie retten Leben, und nach und nach kann man sie ins Unbewusste bringen, sodass sie intuitiv werden.

Was haben Sie erarbeitet?

Die bisherigen Nato-Regeln gingen so: Wenn das Auto verdächtig scheint: erst mal in die Luft schiessen, dann in die Reifen, dann auf die Leute im Fahrzeug. Das führte zu vielen unschuldigen toten Zivilisten. Unser Entscheidungsbaum stellt drei konkrete Fragen: 1. Ist im Auto eine Person, oder sind es mehrere? Denn Selbstmordattentäter sind immer allein unterwegs. Ist tatsächlich nur eine Person im Auto, kommt Frage 2: Folgt sie den Anweisungen der Soldaten und bremst ab? Selbstmordattentäter tun das in der Regel nicht. Bremst der Wagen nicht, folgt Frage 3: Gibt es besondere Informationen über verdächtige Fahrzeuge? Mit unserem System liess sich die Zahl der unnötig verwundeten oder getöteten Zivilisten an Checkpoints in Afghanistan um 60 bis 95 Prozent reduzieren.

Für einen Bauchentscheid muss man selbst die Verantwortung übernehmen, weil man keine Fakten griffbereit hat, die ihn unterstützen. Und dazu sind immer weniger Führungskräfte bereit.

Gibt es Forschung, wie erfolgreich Bauchentscheide gegenüber rationalen sind?

Ja, besonders im Sport. Bei der Partnersuche sind Erfolg und Misserfolg weniger eindeutig definierbar, können sich über die Jahre auch verändern – ein Tor hingegen ist ein Tor. In einer Studie wurden zum Beispiel erfahrene und unerfahrene Golfspieler gebeten, beim Schlag ganz genau auf ihren Bewegungsablauf zu achten. Die Anfänger wurden dadurch besser, die Profis hingegen schlechter. Denn Letztere schlagen intuitiv richtig – müssen sie darauf achten, was genau sie tun, verändert das ihren Bewegungsablauf zu ihrem Nachteil.

Sie haben sich mit der Entscheidungsfindung in Unternehmen beschäftigt: Dort gibt es durchaus Bauchentscheide, im Nachhinein werden aber oft rationale Gründe gesucht und vorgeschoben. Weshalb hat Intuition einen so schlechten Ruf?

Traditionell ist sie stark mit dem weiblichen Geschlecht verknüpft: Männer gelten als rational, Frauen als emotional und intuitiv – was man in der männerdominierten Welt der Firmen, Wissenschaft und Medizin oft für zweitklassig hält. Doch das ist gleich doppelt unsinnig: Erstens haben auch Männer Intuitionen, und zweitens kann man damit durchaus erfolgreich sein. Ein zweiter Grund ist die weitverbreitete Meinung in der Verhaltensökonomie, dass Intuition systematisch falsch liegt.

Da steht also Forschung gegen Forschung, wer hat recht?

Das zu entscheiden, benötigt mehr als Intuition: Statistikkenntnisse. Wie Studien von mir und anderen gezeigt haben, sind manche der sogenannten systematischen Fehler, die der menschlichen Intuition zugeschrieben wurden, Fehler im statistischen Denken der Forscher. Es gibt aber noch einen weiteren Grund für den schlechten Ruf von Intuition: Für einen Bauchentscheid muss man selbst die Verantwortung übernehmen, weil man ja keine Fakten griffbereit hat, die ihn unterstützen. Und dazu sind immer weniger Führungskräfte bereit. Am ehesten noch in KMUs und Familienunternehmen, in Grosskonzernen aber nur noch sehr beschränkt. Ich habe Führungskräfte dazu befragt, wie häufig eine Entscheidung am Ende eine Bauchentscheidung ist. Ich betone «am Ende», denn natürlich versucht man, zuerst die Daten zu befragen.

Was kam dabei heraus?

50 Prozent der letzten wichtigen professionellen Entscheide werden in grossen Konzernen mit dem Bauch gefällt, in Familienunternehmen sogar mehr. Doch öffentlich zugeben würden Führungskräfte das nicht. Man hat Angst. In der Praxis stellt man dann jemanden ab, der zwei Wochen lang nach rationalen Gründen für den Entscheid sucht – oder heuert gar eine externe Beratungsfirma an, die auf 200 Seiten die schon getroffene Entscheidung dokumentiert und begründet.

Illu: Man darf den Kopf ruhig mal in die Ferien  schicken oder durchputzen – der Bauch trifft oft die richtigen Entscheide.
Man darf den Kopf ruhig mal in die Ferien schicken oder durchputzen – der Bauch trifft oft die richtigen Entscheide.

Woher kommt die mangelnde Verantwortungsbereitschaft?

Ein Grund sind Gesetze. Ein Arzt in den USA muss mit Millionenklagen rechnen, wenn er einen Fehler macht. Also rät er dem Patienten nicht das, was er für das Beste hält, sondern das, was ihm sicher keine Klage einträgt – diese defensive Strategie verfolgen übrigens auch 40 Prozent der Schweizer Ärzte, obwohl die Gesetzeslage hier ganz anders ist. Aber auch ein Manager kann vor Gericht oder anderweitig in die Lage kommen, seinen Entscheid begründen zu müssen. Wenn er oder sie dann nicht mit Zahlen und Fakten argumentieren kann, sondern einen Bauchentscheid eingestehen würde, kommt das selten gut an. Hinzu kommen die scharfen Reaktionen von Medien und Öffentlichkeit auf Fehler, mit denen man als Manager oder öffentliche Person rechnen muss. Uns fehlt ganz grundsätzlich eine positive Fehlerkultur.

Dort müsste man also ansetzen?

Ja, das würde vieles verbessern. Der Standard ist heute, dass es keine Fehler geben darf, und wenn doch einer passiert, versucht man ihn zu vertuschen oder einen Schuldigen zu finden, den man bestrafen kann. Damit jedoch reduziert man keine Fehler, im Gegenteil. Das gelingt nur mit einer positiven Fehlerkultur. Bei dieser geht man davon aus, dass Fehler passieren können und dass sie eine wichtige Information darstellen, aus der man lernen kann, wie sich Fehler künftig vermeiden lassen. Im Cockpit der Lufthansa herrscht zum Beispiel eine solche Fehlerkultur. Davon bräuchte es mehr. Dann wären auch Bauchentscheide akzeptierter – und Beratungsfirmen könnten etwas Nützlicheres tun.

Wie liesse sich der Ruf der kompetenten Intuition ausserdem verbessern?

Indem wir Vorurteile beseitigen, klar unterscheiden zwischen ahnungslosen Bauchgefühlen und Intuitionen aus Erfahrung – und damit schon in der Schule beginnen. Dort also zum Beispiel nicht einfach nur formelhafte Aufgaben lösen lassen, sondern die Kinder mit einem Problem konfrontieren, das noch gar nicht behandelt wurde. Dabei werden sie Fehler machen, klar, aber genau daraus lernen sie. So würde sich von Klein auf die richtige Geisteshaltung entwickeln: keine Angst vor Fehlern und das bisher Gelernte mittels Intuition weiterentwickeln.

Ich habe den Eindruck, dass man in der Schweiz eher als in Deutschland bereit ist, Fakten ernst zu nehmen und auf dieser Basis zu diskutieren.

Sie sind diese Woche zum Thema Bauchentscheide beim Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) zu Gast. Sind Sie ab und zu in der Schweiz?

Sehr regelmässig, etwa bei Banken, im Gesundheitsbereich oder bei Institutionen wie dem GDI. Aber ich habe auch schon die Basler Polizei zur Fehlerkultur beraten.

Unterscheiden sich die Schweiz und Deutschland im Umgang mit Risiken und Bauchgefühlen?

Oh ja. Die Schweizer sind in der Medizin faktenorientierter und weniger ängstlich als die Deutschen. Es gibt sehr viel gute medizinische Forschung, aber auch viele Ärzte, die deren Ergebnisse kaum kennen und wegen falscher finanzieller Anreize auch nicht unbedingt wissen wollen. Denn sonst würden sie zum Beispiel auf unnötige Krebsfrüherkennungen verzichten. Wir haben im Harding-Zentrum für Risikokompetenz «Faktenboxen» zu diversen medizinischen Behandlungen entwickelt. In Deutschland gibt es keinen einzigen Krankenversicherer, der sich getraut, eine solche Box zur Brust- oder Prostatakrebs-Früherkennung online aufzuschalten. Die Helsana hingegen hat dies getan. Generell habe ich den Eindruck, dass man in der Schweiz eher bereit ist, Fakten ernst zu nehmen und auf dieser Basis zu diskutieren.

Vertrauen Sie immer auf Ihr Bauchgefühl?

Wenn ich in einem Bereich Erfahrung habe, auf jeden Fall. Wenn nicht, nutze ich die Intuition anderer. Spitzenwissenschaft geht nicht ohne Intuition. Einstein soll einmal gesagt haben: «Der intuitive Geist ist ein Geschenk und der rationale Geist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.»

Welche wichtigen Entscheide haben Sie aufgrund von Intuition getroffen?

Die meisten wesentlichen des Lebens, beim Beruf etwa. Ich war Doktorand und Musiker, habe in einer Band Dixieland gespielt und musste mich entscheiden, ob ich die Musik weiterverfolge oder eine Unikarriere riskiere. Wir waren durchaus erfolgreich, verdienten gut, und haben in den 70er-Jahren etwa im TV-Spot für den ersten VW Golf gespielt, den Sie heute auf Youtube finden. Ich bin am Steuer und spiele das Banjo.

Und weshalb der Entscheid fürs Risiko?

Das kann ich auch im Nachhinein nicht wirklich rational begründen. Mitgespielt hat die Überlegung, dass ich die Musikwelt schon kannte und mich fragte, ob ich für den Rest meines Lebens bereit wäre, immer das zu spielen, was beim Publikum gerade ankommt, auch wenn es nicht unbedingt das ist, was ich selbst schätze. Am Ende fand ich, es sei Zeit, etwas Neues zu wagen. Und das kam ja dann ganz gut raus. Auch wenn ich durchaus immer etwas Heimweh nach der Bühne verspürte.

Spielen Sie heute noch?

Musik kann ich nie lassen. Sie berührt das Gefühl, und ohne Intuition könnte man Musik weder komponieren noch spielen.

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