03. April 2019

Kapverden: Afrika für Anfänger

Auf den Kapverden mischt sich afrikanisches mit europäischem Erbe. Die Inseln locken mit spektakulären Landschaften, bunten Märkten, grosser Geschichte, entspanntem Lebensgefühl und ewigem T-Shirt-Wetter.

Boote am Meer
Im Fischerdorf Tarrafal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

«Wer zeigt dir diesen langen Weg», singt die Sängerin Cesária Évora in ihrem melancholischen Welthit «Sodade». Sie habe Sehnsucht nach ihrer Insel São Nicolau. Das Lied ist so etwas wie die Nationalhymne der Kapverdischen Inseln, die 1975 von der Kolonialmacht Portugal unabhängig wurden. Cabo Verde – so der portugiesische Name – liegt 500 Kilometer westlich von Afrika und 1700 Kilometer südlich der Kanaren. Évora war die berühmteste Einwohnerin des Inselstaates, sie starb Ende 2011. Der internationale Flughafen Cesária Évora auf der Insel São Vicente zollt ihr Tribut mit einer riesigen Statue vor der Abflughalle.

Leidy Évora, Nichte derSängerin Cesária Évora
Leidy Évora ist die Nichte der welt­bekannten Sängerin Cesária Évora.

Die grösste der kapverdischen Inseln ist Santiago. Sie liegt im Süden der Inselgruppe und ist etwa so gross wie der Kanton Thurgau. An ihrer Nordspitze befindet sich der Fischerort Tarrafal mit seinem historischen Rathaus, Kolonialläden, einem einladenden Sandstrand sowie Hotels und Restaurants. Den frischesten Fisch bekommt man im «Búzio», das täglich von 9 bis 24 Uhr geöffnet hat. Es ist das Restaurant von Leidy Évora (36), Nichte der berühmten Césaria Évora. Auch sie singt. «Allerdings nur noch am Wochenende», erklärt sie. Schliesslich stehe sie oft in der Küche. Ihre Gäste lieben es, in gemütlicher Atmosphäre Leidys Songs und Gerichte zu geniessen. Leidy Évora selbst liebt hier in Tarrafal «die Langsamkeit des Seins».

Einst Zentrum des Sklavenhandels

Viele kapverdische Lieder klingen genauso traurig wie «Sodade». Das hat nicht zuletzt mit der Geschichte der Kapverden zu tun: Portugiesische Seefahrer entdeckten die damals unbewohnten Inseln um 1460, und schon bald wurden diese zu einer wichtigen Drehscheibe des Sklavenhandels. Die Kapverdianer sind Nachkommen der Sklaven und Kolonialherren. Sie haben Dürrephasen kommen und gehen sehen und erlebt, wie das Meer Piraten, Menschenhändler und Missionare an die Strände der Inseln spülte.

Ribeira Grande, Kapverden
Im Tal Ribeira Grande wurden früher Sklaven gefangen gehalten.

Wer sich für dieses Kapitel interessiert, dem sei eine Wanderung empfohlen, die durch eine geschichtsträchtige und spektakuläre Landschaft führt. Vom Kraterrand beim Dorf Calabaceira geht es hinunter ins Flusstal Ribeira Grande, wo Zuckerrohr, Mangos, Papayas und Affenbrotbäume gedeihen. Am Ende des Tals taucht das am Meer gelegene Dorf Cidade Velha auf. Das Fischerdorf ist die älteste Stadt der Kapverden und war einst das Zentrum des Sklavenhandels zwischen Afrika und Amerika. Ein Pranger aus dem Jahr 1512 erinnert an diese düstere Zeit, 2009 wurde das historische Zentrum von Cidade Velha in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. Wegen ihrer kolonialen Vergangenheit ist Santiago auch heute noch die afrikanischste aller kapverdischen Inseln. Das zeigt sich etwa in den sehenswerten Märkten Municipal und Sukupira in Praia, wo Frauen in bunten Kleidern riesige Kisten voller Früchte auf ihren Köpfen tragen und Männer gleich vor Ort Hühner rupfen.

Kargheit und üppige Vegatation im Wechsel

Die Nachbarinsel Fogo, eine halbe Flugstunde von Santiago entfernt, beeindruckt mit ihrer vulkanischen Landschaft und dem Pico do Fogo – mit gut 2800 Metern über Meer die höchste Erhebung der Kapverden. In São Filipe, einem Dorf aus dem 16. Jahrhundert, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Ort breitet sich an einem Hang über einem Steilabbruch zur Küste aus, wo meist eine kräftige Brandung auf einen breiten, schwarzen Lavastrand trifft. Die schmalen Strassen bestehen aus Kopfsteinpflaster, die Häuserzeilen aus bunt angemalten Kolonialbauten. Sobrados, repräsentative Herrenhäuser, säumen die Plätze. Die Kirche mit barocken Elementen weist darauf hin, dass über 90 Prozent der Kapverdianer katholisch sind.

Markt Municipal in Praia, Kapverden
Ein Hauch von Afrika: auf dem Markt Municipal in der Hauptstadt Praia.

In der Nähe befindet sich das Museum Casa da Memória, das São Filipe der Westschweizerin Monique Widmer (72) verdankt. Sie hat hier historische Dokumente, Bücher und Einrichtungsgegenstände zusammengetragen und macht diese mittwochs, donnerstags und freitags der Öffentlichkeit zugänglich. Widmer kam 1983 durch ihre Arbeit für Caritas auf die Kapverden, erlag dem Charme des historischen Viertels und lebt jetzt im 1. Stock ihres Museums.

Wer den Vulkan Pico do Fogo besteigen will, sollte ein bisschen Kondition mitbringen. Denn auf der Wanderung von Mosteiros im Norden Fogos zum Kraterrand überwindet man 1400 Höhenmeter auf einem schmalen Pfad, vorbei an Bananen-, Papaya- und Kaffeeplantagen, Guava- und Mangobäumen. Der Weg ist teilweise so steil, dass man auf allen Vieren gehen muss. Doch am Krater angekommen, wird man für die Strapazen mit einer einzigartigen vulkanischen Szenerie entschädigt. In der Kratersenke, auf 1700 Metern über Meer, führt Mustafa Lopes Eren (51) zusammen mit seiner einheimischen Frau Marisa (36) die Casa Marisa II, eine Herberge, die aus 15 Zimmern und 5 Bungalows besteht. Das Paar verlor 2014 alles, als die Lava des Pico do Fogo ihre zwei kleinen Pensionen zerstörte, die 100 Meter von der heutigen entfernt standen. Seither leben mit rund 700 Menschen nur noch halb so viele Einheimische am Fuss des Pico. In der Umgebung der Casa Marisa II gibt es keine Wasser- und keine Stromversorgung. Das wertvolle Nass muss mit Lastwagen hochgefahren werden. Umso erstaunlicher, dass auf dem Kraterboden des Parque Natural do Fogo mit dem «Chã Branco» ein hervorragender Weisswein kultiviert wird.

Ungeduld ist gesellschaftlich geächtet

Szenenwechsel: Mindelo, an der grössten und schönsten Hafenbucht des Landes gelegen, ist die Hauptstadt der trockenen Insel São Vicente. Die Hafenstadt ist bekannt für ihre dynamische Musikszene. Genau deswegen wanderte der deutsche Schlagzeuger Markus Leukel (52) nach mehreren Besuchen 2010 hierhin aus. «Hier bin ich zu Hause, habe meine Freunde, meine Frau und ihre Familie», sagt er. Im Sommer tritt er an den diversen Musikfestivals und in Bars auf, in der touristischen Hauptsaison von Oktober bis April verdient er sein Haupteinkommen als Reiseführer. Leukel ist begeistert: «Ich kann das ganze Jahr über jeden Morgen mit dem T-Shirt aufs Fahrrad steigen.» Die Bewohner seien sehr entspannt, «Ungeduld ist gesellschaftlich geächtet». In der historischen Altstadt befinden sich rund ein Dutzend Lokale wie das Livraria oder das Jazzy Bird, wo regelmässig Livemusik gespielt wird.

Wer wandern möchte, sollte mit der Fähre zur Nachbarinsel Santo Antão reisen. Die grünste aller kapverdischen Inseln ist für Naturliebhaber ein Traum und bietet vom Delgadinho-Gebirgsrücken einen spektakulären Ausblick auf Grate, Kämme und tiefe Täler. Die Wanderungen auf Eselswegen der Steilküste entlang zum Ort Ponta do Sol oder ins fruchtbare Paúl-Tal mit seinem Zuckerrohr, Mango- und Drachenbäumen gehören zu den eindrucksvollsten Erlebnissen auf Cabo Verde. Auf dieser malerischen Insel haben sich Jacques (68) und Dominique Zürcher (66) aus Montreux VD ihren Lebenstraum erfüllt und im Oktober 2016 das Bed and Breakfast «Quinta Cochete» eröffnet.

Jacques und Dominique Zürcher, Santo Antão, Kapverden
Lebenstraum: Jacques und Dominique Zürcher führen auf Santo Antão ein Bed and Breakfast.

Im Niemandsland, zwischen bizarren Felsformationen, gut 30 Fahrtminuten vom Hafen von Porto Novo, ist es eine Oase der Ruhe. Im Garten wachsen Bananen, Papayas, Feigen, Wassermelonen, Erdbeeren, Süsskartoffeln, Karotten, Kohl, Fenchel, Tomaten, gelbe Bohnen und Broccoli. Die Milch der am Rand des Anwesens lebenden Kühe und Ziegen wird zu Käse verarbeitet. Das Ehepaar stellt sich darauf ein, auf Santo Antão den letzten Lebensabschnitt zu verbringen. «Unsere Kinder haben uns auch schon besucht und verstehen das nicht», sagt Jacques Zürcher, «aber wir betreiben dieses Projekt für die Menschen auf der Insel und für uns.»

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt von travelhouse.ch

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