24. Dezember 2018

Kandidatin Mimi

Bänz Friedli erinnert sich an eine beeindruckende Frau. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Bänz Friedli und Mimi Methvin
US-Politikerin Mimi Methvin hat unserem Kolumnisten gezeigt, wie man eine Niederlage mit Würde wegsteckt. (Bild: Philip Gould)

Was am Ende eines Jahres übrig bleibt? Etwa die Begegnung mit Mimi. Eher zufällig war ich zum Zeitpunkt der amerikanischen Zwischenwahlen in Louisiana und geriet an ihre Wahlparty. Ja, eine Party wars, mit Liveband – wenn auch keine Siegesfeier: Dass Mimi die Wahl verlieren würde, hatte von vornherein festgestanden. Als «America’s toughest cop» war der Kongressabgeordnete ihres Bezirks bekannt geworden, als angeblich taffster Polizist der Nation. Captain Clay Higgins jagte Kleindealer und Ladendiebe mittels Youtube-Videos, in denen er sich breitbeinig vor seinem Korps aufstellte, umringt von Einsatzfahrzeugen und Uniformierten mit Maschinenpistolen und Scharfschützengewehren, und donnernd in die Kamera sprach. Er zeigte Bilder von Überwachungskameras, bezeichnete zur Fahndung ausgeschriebene Jünglinge als «Hunde» und «Tiere», wobei die Verdächtigten stets schwarzer Hautfarbe waren. Die krude Mischung aus Nationalismus, Machogehabe und unverhohlenem Rassismus verfing: Verängstigte ältere Menschen wählten ihn 2016 nach Washington.

Gegen den taffen Cop, der nun zur Wiederwahl stand, trat Mimi Methvin an, 65, ehemalige Richterin, alleinstehende Mutter zweier Söhne, Mediatorin und Yogalehrerin, die noch locker den Spagat schafft. Statt Delikte anzuprangern, wollte sie deren Ursachen bekämpfen: die Schulen verbessern, den Mindestlohn anheben und die Küstenlandschaft schützen, wo viele Fischer wegen der Ölverschmutzung ihr Auskommen verloren haben. Für Gleichberechtigung und Menschenwürde stand sie ein. Spenden von Unternehmen lehnte sie ab, und als die #MeToo-Welle aufbrandete, erzählte sie einer Reporterin, wie ein Mitstudent am College einst versucht hatte, sie zu vergewaltigen, und wie er sie Tage später vom Velo herab angegrinst habe, als wäre nichts geschehen.

Mimi und ich unterhielten uns gerade bei einem Glas Weisswein, als die Nachricht ihrer Niederlage eintraf. Warum sie den Amtsinhaber nie angegriffen habe, fragte ich. «Wir wollten eine positive Kampagne führen», sagte sie, trat ans Mikrofon und dankte ihren Leuten. In heiterer Gelassenheit, ohne ein Wort der Bitterkeit. Recht hatte sie. Man soll sich nicht anstecken lassen von der Dreckschleuderei, die Donald Trump angezettelt hat und die inzwischen auch in der Schweiz grassiert, wo die eine Jungpartei die Präsidentin der anderen als «fette, arrogante, kleinwüchsige blöde Kuh» titulierte und wo ein Gemeindeschreiber im Aargau Asylbewerber verhöhnt: «Tja, die Handys der Flüchtlinge saufen nicht ab, komischerweise verlieren aber alle ihre Ausweise während dem Bööteln über das Meer», hämte er auf Facebook.

Ich wünsche uns ein gutes neues Jahr. Und viele Mutige wie Mimi.

Die Hörkolumne (MP3)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Den Rotstift ansetzen!

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Bruno Ganz muss warten

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Hilfsbereite dumme Kuh

Bänz Friedli

Brief an die Enkelin