23. Februar 2015

Lappland: Kalte Schnauzen, schnelle Pfoten

Die Polarhunde des Zürcher Ehepaars Schnyder ziehen abenteuerlustige Gäste mit geballter Power durch Schwedisch Lappland bis zur norwegischen Grenze. Auf unvergesslicher Hundeschlittentour im hohen Norden.

Bewegungsdrang: Die Huskys
Unbändiger Bewegungsdrang: Die Huskys können es kaum erwarten, bis es nach einer Pause endlich weitergeht.

Es steht schwarz auf weiss auf der Website des Ferienanbieters «Outdoor-Ticket»: Mitzubringen sei auch eine Skibrille. Und Gäste mit Sehkorrekturen sind angehalten, zusätzlich zur Brille Kontaktlinsen im Gepäck zu haben.

Nun ja, denkt sich die aufgeregte Baldreisende: Eine Sonnenbrille mit Sehkorrektur wirds doch auch tun. Sie wird gegen Ende der fünftägigen Hundeschlittentour erfahren, weshalb dem nicht so ist. Doch zuerst geniesst sie nach rund eineinhalbtägiger Zug- und Busfahrt das Ankommen im Gästehaus auf dem weitläufigen Gelände einer Zürcher Familie.

Matthias (45) und Barblina (42) Schnyder
Das Zürcher Ehepaar Matthias (45) und Barblina (42) Schnyder

Matthias (45) und Barblina (42) Schnyder wanderten vor sechs Jahren mit ihren kleinen Kindern nach Sorsele, 800 Kilometer nördlich von Stockholm gelegen, aus. Er, damals Schulungsleiter einer Outdoor-Fachhandelskette, Polarhundehalter und passionierter Wildnisentdecker, sie, Filialleiterin im Buchhandel und offen für ein langfristiges Abenteuer an der Seite ihres Mannes. Schnyders konnten in der kleinen Ortschaft mit 1500 Einwohnern Haus und Land kaufen. Samischen Boden, denn hier oben befindet man sich in Lappland respektive in Sápmi, wie die Urbevölkerung ihr einst grenzenloses Siedlungsgebiet nennt, das sich rund um den Polarkreis von Norwegen über Schweden und Finnland bis nach Russland erstreckt.

Warum hier oben, warum überhaupt auswandern? Es gibt ja auch im Muotatal und im Jura gute Bedingungen für Hundeschlittentouren. Matthias Schnyder: «Ich mag die menschenleere Weite, die es in der Schweiz nicht gibt. Hier kann man tagelang unterwegs sein, ohne einer Person zu begegnen.» In Kanada hatte er bereits Erfahrungen gesammelt, nun wollte er sich selbständig machen. Seine Passion ist die Wildnis. Die hat er hier beinahe unbegrenzt.

Waghalsige schlafen unter freiem Himmel

Die meisten ihrer bisherigen Kunden sind Schweizer. Hundeschlitten-Einsteiger kommen für kleinere Touren mit Übernachtungen im eigenen Gästehaus, die Waghalsigen begeben sich auf eine zehntägige Fjäll-Expedition mit Übernachtung unter freiem Himmel. Und wer ein bisschen abenteuerlustig ist und auch kulinarisch gern Neues entdeckt, fühlt sich von der Tour «Auf den Spuren der Samen» am meisten angesprochen.

Lukas, Matthias und Per-Nils studieren bei Kerzenlicht und mit Stirnlampen die Route
In der Hütte hat es keinen Strom: Lukas, Matthias und Per-Nils studieren bei Kerzenlicht und mit Stirnlampen die Route.

Das Motto ist kein leeres Versprechen. Hier ist man mit Samen unterwegs, die ihre Kultur weiterhin leben: dem Ehepaar Ingrid (61) und Per-Nils (78) Pilto. Der nimmermüde und erzählfreudige Same ist im Vindelfjällen-Hochtal aufgewachsen und hat sein ganzes Leben mit Rentieren verbracht. Er kennt jede Erhebung und jedes Bächlein im unverbauten Naturreservat. Und er weiss stets, wo Norden ist. Das kann von grossem Nutzen sein, wenn alles im gleichen Weisston scheint und es einem sturm wird im Kopf.

Es tut gut, sich in Schnyders gemütlichem Gästehaus ausserhalb von Sorsele erst mal anzuklimatisieren. Und die Hunde kennenzulernen. Kaum nähert man sich den Zwingern, sind viele aufmerksame Augenpaare auf einen gerichtet. Und zur Fütterungszeit jault und bellt es dem Teufel das Ohr ab. Es gibt noch einen anderen Anlass, der die Hunde dermassen laut werden lässt: Aufbruchstimmung.

Eine  willkommene Stärkung
Eine willkommene Stärkung.

Montagmorgen. Die Gäste, von Barblina in der Zwischenzeit köstlich verpflegt und von Matthias mit Polarkleidern ausgestattet, freuen sich auf das Abenteuer. Mitarbeiter Lukas, auch er Schweizer, erklärt den Schlitten. Wichtig: Die Hunde bremst man mit der Fussmatte, mittels Kralle bringt man sie richtig zum Halten. Weil sie das nur ungern tun, hängen Anker zu beiden Seiten des Schlittens, die man mit den Füssen fest in den Schnee drückt. Wer nachlässig ist, erfährt, wie schnell ein entfesseltes Hundegespann rennen kann – was der Schreibenden öfter passieren wird.

Wir sind eine kleine Gruppe, nur vier Schlitten insgesamt. Das sei normal bei dieser Tour, erklärt Matthias: «Mehrtägige Touren machen wir nur mit maximal vier Teilnehmenden.» Bei sieben bis neun Hunden pro Schlitten sind so um die 30 von den insgesamt 38 Hunden unterwegs.

Gut eingepackt erträgt man die Kälte
Gut eingepackt erträgt man die Kälte. Die Skibrille ist jedoch obligatorisch!

Nachdem die Hunde zu Hause unter ohrenbetäubendem Gejaule in einen Anhänger verladen worden sind, werden sie nun in Ammarnäs, dem Ausgangspunkt der Tour, wieder ausgeladen und vor die Schlitten gespannt. Ihre Ungeduld ungerührt hinnehmen, geht nicht. Man möchte sie erlösen, schnell. Endlich sind alle 30 Hunde bereit, es kann losgehen. Matthias zuvorderst, Lukas zuhinterst.

Doghandler nennt man den Winterjob, den der Umweltstudent aus Klosters GR schon zum zweiten Mal bei Schnyders ausübt, stets ruhig und ausgeglichen. Egal, wie laut die Hunde jaulen und bellen. Oder sich gegenseitig packen. Auch das kommt vor. Es sieht spektakulär aus. Umso erstaunlicher, mit welcher Sanftheit sie mit den Menschen kommunizieren, wie zutraulich sie sich streicheln lassen. Es sind Siberian Huskys, Alaskan Huskys, Grönlandhunde und ein Laika.

Die Landschaft ist zunächst nicht sehr spektakulär. Das ändert sich, je höher und näher man zur norwegischen Grenze kommt. Der Winter neigt sich dem Ende zu, es hat länger nicht geschneit, und die Nadelbäume sind kaum mit Schnee bedeckt. Aber am Boden ist alles weiss, und der mächtige und ungestaute Fluss Vindelälven noch fest zugefroren. Still gleiten die schweren Holzschlitten dahin, das einzige Geräusch sind 120 Hundetatzen auf Schnee. Die Vierbeiner ziehen und hecheln. Die Gedanken schweifen ab, ins wohltuende Nichts. Das werden sie in den kommenden Tagen immer wieder tun. Es ist fast wie Meditation, ohne still sitzen zu müssen. Manchmal kommt Langeweile auf: Doch welch angenehmes, höchst selten gewordenes Empfinden in unserer dauerd reizüberfluteten W-Lan-Welt!

Ingrids Hausfinken, natürlich selber gemacht
Ingrids Hausfinken, natürlich selber gemacht.

Nach einer ersten Nacht in einer einfachen, aber gut ausgerüsteten öffentlichen Holzhütte mit Küche und einer am zweiten Tag immer schöner werdenden Landschaft, die sich nach und nach öffnet, erreicht die Gruppe am zweiten Tag das Teilzeitzuhause von Ingrid und Per-Nils Pilto. Jeden Sommer verbringen sie hier oben mit der Rentierherde. Es ist ein wenig wie auf der Alp in den Schweizer Bergen: Im Frühling gibt es einen Aufzug (hier wochenlang), im Herbst einen Abzug.

Rentier, Elch und Schneehuhn auf dem Teller

Die Reisegruppe bleibt zwei Tage auf der Hochebene namens Vindelkroken. Die Hunde erholen sich, Ingrid verwöhnt die Gäste. Sie ist nicht nur eine begnadete Köchin, sondern auch Botschafterin der samischen Esskultur und Mitaktivistin der samischen Slow-Food-Bewegung. In den nächsten Tagen tischt sie Rentierfleisch in traditionellen Variationen auf, aber auch Elch, Schneehuhn, lokalen Fisch, Preiselbeeren, Kartoffeln aus Ammarnäs, selbst gebackenes Brot und vieles mehr. Keine Frage zu den Samen, die sie nicht beantworten könnte.

Auch Per-Nils erzählt, von seiner nomadischen Kindheit und davon, wie die Moderne auch in ihrem Volk angekommen ist. Wie der Schneetöff die Ski abgelöst und der Lastwagen die lange Wanderung ersetzt hat. Und dass dieser Winter ein schwieriger war für die Rentiere, weil sie zu wenig Nahrung fanden.

Die Hütte im Dämmerlicht
Die Hütte im Dämmerlicht.

Am nächsten Tag, dem vierten, hat das Wetter gedreht. Der einst blaue Himmel ist nun ganz weiss, es weht ein starker Wind. Die Fahrt ist anstrengend, Schnee peitscht ins Gesicht, Kontaktlinsen und eine Skibrille wären jetzt optimal. Per-Nils geht kurzfristig verloren, sein Schneetöff will nicht mehr. Der Chef beschliesst, trotz Navigationsgerät umzukehren, als das Wetter immer dramatischer wird und plötzlich Himmel und Erde und alles dazwischen genau gleich weiss ist und einem ganz schwindlig wird ob der Orientierungslosigkeit. Ein Whiteout nenne man das, klärt Lukas auf, der dies nicht zum ersten Mal erlebt.

Am nächsten Tag und wieder zu Hause erfahren wir, dass die Behörden eine Sturmwarnung für die Region herausgegeben haben. Und wir mittendrin, unwissend. Aber mit den besten Guides, die man sich wünschen kann. Matthias, der wie seine Hunde problemlos bei minus 20 Grad draussen schlafen kann, Ingrid, die nichts anbrennen lässt, und Per-Nils, der immer weiss, woher der Wind weht.

Bilder: Sava Hlavacek

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