27. November 2017

Kalenderbilder - in echt

Bänz Friedli sieht überraschend einen Traum verwirklicht. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Der Kalender aus dem Acadia National Park
Lesezeit 2 Minuten

Eben ist wieder Post aus Übersee gekommen: der neue Wandkalender mit Landschaftsbildern, den ich stets bestelle. Und jedes Jahr, dünkt mich, übertreibt es der Fotograf aus Maine ein bisschen mehr, lässt er die Farben der Küstenwälder noch übernatürlcher erstrahlen. Gerade wenn man hier im Novembergrau hockt, wirken die Aufnahmen zu schön, um wahr zu sein. Umso lieber sähe ich den wirklichen Indian Summer: Fürs Leben gern würde ich einmal die Zeit erleben, wenn die Blätter in Amerikas Nordosten sich in alle Rotschattierungen verfärben, und darüber wölbt sich ein Himmel in unendlichem Blau.

Manche wollen mit Delfinen schwimmen, andere mit Kamelen durch die Wüste trekken, wieder andere träumen von der Transsibirischen Eisenbahn oder davon, in Kanada durch tiefsten Pulverschnee zu sausen. Und ich möchte den Indian Summer erleben.
Das habe ich hier bestimmt schon ausgeplaudert? Keiner, dem ich es nicht schon erzählt hätte! Ich tröste mich dann jeweils, dass ein Traum, einmal verwirklicht, ja keiner mehr ist. Jedenfalls hat es irgendwie nie gepasst. Zu viel los. Die Arbeit, die Kinder, die Verpflichtungen. Und man jettet schliesslich nicht mir nichts, dir nichts rasch wegen eines Naturphänomens über den Ozean.

Sonst ergeht es einem wie Monik, einer Bekannten, die unbedingt die japanische Kirschblüte sehen wollte. Sie flog dazu eigens mal für dreieinhalb Tage nach Tokio. Nur hatte es kurz davor so heftig gestürmt, dass alle Blütenblätter bei ihrer Ankunft längst zu Boden gefallen waren und ihr der Anblick verwehrt blieb. Die Kirschbäume hatten sich nicht an den langjährigen Kalender gehalten. Und schon gar nicht an Moniks Terminkalender.

«Dann halt ...», quittierte ich vor einigen Wochen mässig begeistert den Vorschlag, zwei Tage in der Region Melchsee-Frutt wandern zu gehen. Aber dann! Dann lag er plötzlich vor mir, in seiner ganzen Pracht und Üppigkeit: der Indian Summer. Mitten, buchstäblich mitten im eigenen Land. Diese Explosion der Farben! Die Lärchen und Laubbäume im
klaren Herbstlicht! Dieses magische Zusammenspiel von Fels und Wasser und Sonne und Pflanzen … Ich will ja nicht Frevel am eigenen Traum begehen – aber so bezaubernd wie
derjenige in Obwalden kann der wahre Indian Summer fast nicht sein.

Am schönsten, habe ich gelernt, ist es, wenn ein Traum sich unverhofft erfüllt – wenn man am wenigsten damit gerechnet hat. Ob ich ihn noch immer erleben will, den sprichtwörtlichen Indian Summer in Neuengland?

DIE HÖRKOLUMNE HERUNTERLADEN (MP3)

Bänz Friedli live: 5.12. Sclieren ZH, 7.12. Grüsch GR, 9.12. Thun BE

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