30. Juli 2018

Kafi mit dem Bundesrat

Bänz Friedli schlich sich an die Politprominenz heran. Hier kannst du dich mit anderen Leser(innen) austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Bundesrat Nello Celio bei einem Auftritt für die Helvetas
Bundesrat Nello Celio bei einem Auftritt für die Helvetas.

Zwei Erinnerungen habe ich an Bundesrat Furgler (Ältere wissen: der Handballer, der spitzmündige Sankt Galler, der so geschliffen redete und einen angeblichen Landesverräter auffliegen liess, den Brigadier Jeanmaire. Furgler, von dem alle dachten, er würde in die Geschichte eingehen. Was er dann nicht tat.): Wie er, erstens, an der Fussball-WM 1982 auf der Ehrentribüne während des Finals immer weiter nach vorn drängelte, bis er, der eher Kleingewachsene, bei der Pokalübergabe schliesslich ganz zuvorderst stand, gleich neben dem spanischen König und dem italienischen Präsidenten Sandro Pertini. Zweitens erinnere ich mich, wie ich mich als junger Reporter jeweils im «Klubzimmer», einer Tribünenbar der Young Boys, die Journalisten und Mehrbesseren vorbehalten war, zu ihm vorzwängte, wenn YB gegen St. Gallen spielte. Ich wusste: Wenn Kurt Furgler an der Theke stand, würde er sich kurz nach rechts und links wenden und blind «Nendsiiauenkafi?» fragen. Er hat mir unzählige Cafés crème spendiert.

Nimmt mich wunder, wo unsere Bundesrätinnen und -räte heuer ihre 1.-August-Reden halten. Und ob sie wieder so gefragt sein werden, dass einzelne mit dem Helikopter von Ort zu Ort fliegen müssen, um mehrmals zu sprechen: «Chers compatriotes, cari connazionali …» Einigen Mitgliedern der Landesregierung bin ich im Verlauf der Jahre begegnet. Ruth Dreifuss fuhr oft im selben Tram zur Arbeit, und wenn man ihr den Sitzplatz anbot, sagte sie, nein, nein, sie steige gleich wieder aus. Dass sie ganz ohne Bodyguard unterwegs war, glauben mir Freunde im Ausland noch heute nicht. Dölf Ogi frappierte mich. Ich hatte ihn mal – lange bevor er Bundesrat wurde – fürs Lokalradio interviewt. Jahre später kommt Bundesrat Ogi mir an der Berner Schauplatzgasse entgegen, stellt seinen Aktenkoffer ab, zieht den Lederhandschuh aus, streckt mir die Hand entgegen und sagt: «Gueten Aabe, Herr Friedli!»

Aber eigentlich wollte ich von meiner ältesten Erinnerung an einen Bundesrat erzählen. Ich war viereinhalb, hatte an einem Zeichenwettbewerb teilgenommen und wurde prämiert, vermutlich weniger meiner Zeichnung als vielmehr meines geringen Alters wegen. Nello Celio, der Tessiner Bundesrat, bückte sich zu mir herab, er hatte etwas Weiches, Grossväterliches und eine Stimme, die ich noch heute im Ohr zu haben vermeine, und sprach in gebrochenem Deutsch zu mir. Was, weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass er mir Vertrauen einflösste. Was heutigen Bundesräten weniger gelingt. Ob es an ihnen liegt oder daran, dass ich kein kleiner Junge mehr bin?

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