17. August 2019

Junggemüse im Familiengarten

In Luzern bewirtschaften vier Freunde eine Gartenfläche. Mit Leidenschaft setzen und pflegen sie vor allem Gemüse – und essen alles sogleich auf. Ihr Motto: «Nichts muss, alles darf». Das klappt hervorragend.

Auch der Rasen will in Ordnung gehalten werden
Lesezeit 5 Minuten

Sie dachten an Gartenfestli, Grilladen, den berühmten Schwatz am Zaun. Sie sahen sich mit Parzellennachbarn bei einem Bier über Gemüse fachsimpeln und auf dem Liegestuhl in die Sonne blinzeln. Für die vier Freunde, die gemeinsam eine Familiengartenparzelle in Luzern bewirtschaften, kam es ein wenig anders, aber mindestens ebenso gut.

«Den Liegestuhl habe ich bis jetzt genau ein Mal aufgestellt», sagt Jonas Vonaesch und lacht. Und es ist immerhin über zwei Jahre her, dass er bei seiner Coiffeuse sass und sie ihm von ihrem Schrebergarten erzählte, den sie abgeben wollte. Dem Maschineningenieur war sofort klar: Er wollte den Garten. Seine Partnerin Sidonie Gaillard war ohne zögern mit an Bord, die gemeinsamen Freunde Corinna Strehlow und Manuel Tiefenthaler auch.

Für die vier jungen Luzerner begann eine spannende Zeit, lehrreich und arbeitsam. Und offensichtlich fruchtbar: Auf der 200-Quadratmeter-Parzelle am Lilienweg 99 des Familiengartenareals Allmend blüht und grünt es üppig. Tomaten leuchten unter einem Plastikdach hervor, eine Malve mit pinkfarbenen Blüten flankiert das Aussencheminee, der Spalierapfelbaum trägt schon schwer an seinen noch unreifen Früchten, Wolken von Lavendel- und Rosenduft wabern über den Beeten. Es ist einer dieser trägen Sommernachmittage, zum Faulenzen gemacht.

Jonas und Sidonie streifen aber lieber barfuss durch ihr «Gärtli», wie sie den Ort nennen. Lassen Zweige durch ihre Finger gleiten, betasten zärtlich Blätter und Stängel, gehen in die Knie, um mickrige grüne Büschel zu begutachten, tragen tote Pflanzenteile quer durch den Garten zum Komposthaufen. «Es gibt immer etwas zu tun», sagt Sidonie Gaillard fast entschuldigend. Doch genau das gefällt den Hobbygärtnern. Manchmal kommt einer von ihnen vorbei, vor der Arbeit oder nach Feierabend, will nur kurz die Peperoni giessen und jätet dann zwei Stunden. Meist sind sie aber am Wochenende da, mähen den Rasen setzen Salat, säen Blumen – und jäten erneut.

Vier Freunde und ein Garten: Jonas Vonaesch, Sidonie Gaillard, Corinna Strehlow, Manuel Tiefenthaler (von links nach rechts)
Vier Freunde und ein Garten: Jonas Vonaesch, Sidonie Gaillard, Corinna Strehlow, Manuel Tiefenthaler (von links nach rechts)
Es ist nicht ganz klar, was die Luzerner Hobbygärtner mehr geniessen: selbst gezogenes Biogemüse oder die Arbeit, die dahintersteckt.
Es ist nicht ganz klar, was die Luzerner Hobbygärtner mehr geniessen: selbst gezogenes Biogemüse oder die Arbeit, die dahintersteckt.

Alle vier sind mit Gärten aufgewachsen, bezeichnen sich aber bescheiden als Neulinge. Am Anfang standen sie gemeinsam im Gartencenter und wussten nur: Wir wollen biologisch gärtnern. Und es soll Spass machen, keinen Stress. Inzwischen haben sie gelernt, die Bodenqualität zu beurteilen und zu verbessern, Kartoffelkäfer abzulesen und Bienenweiden anzulegen. Sie wissen eine Apfelschwemme in konservierbare Chips umzuwandeln und Misserfolg klaglos zu akzeptieren. «Spinat wächst überall, nur bei uns nicht», sagt Manuel achselzuckend.

Das Umfeld zeigt sich geduldig

Die Arbeitsteilung ist denkbar einfach: Jeder macht, wozu er oder sie gerade Lust hat, und erntet, was ihn gerade anlacht. Es funktioniere bestens, sagen alle. Corinna kümmert sich um den Kompost, Sidonie um die Kräuter. Manuel gräbt um, Jonas widmet sich baulichen Projekten und drapiert da und dort seine selber kreierten Blechameisen.

Treffpunkt bei schönem Wetter: Der Tisch vor dem Gartenhäuschen.
Treffpunkt bei schönem Wetter: Der Tisch vor dem Gartenhäuschen.

Die Nachbarn gucken zu, interessiert und zunehmend ­ungeniert. «Am Anfang hatte ich oft das Gefühl, dass jemand durch die Büsche hindurch he­rüberlinst», sagt Sidonie grinsend. Dann, eines Tages, baten die doch ziemlich jungen Familiengärtner ein erstes Mal über den Kiesweg hinweg um Rat. Die erfahrenen Hobbygärtner waren offensichtlich erfreut, dass ihre Expertise gefragt war. Seither sind sie stets mit Rat zur Stelle, mal gefragt, mal ungefragt, «aber immer sehr nett», sagt Sidonie.

Das Häuschen ist noch nicht fertig eingerichtet. Aber Kaffee für Gäste kann man auf dem Gasherd schon kochen.
Das Häuschen ist noch nicht fertig eingerichtet. Aber Kaffee für Gäste kann man auf dem Gasherd schon kochen.

Auch die Botschaften vom Vereinsvorstand werden freundlich übermittelt: Man möge bitte darauf achten, dass die Rasenfläche nicht grösser werde und die Hecke nicht höher – niemand soll sich in seinem Garten verstecken, so der Gedanke hinter der zweiten Weisung. Das ist ganz im Sinne der vier Freunde, die gerne Kontakt haben. Inzwischen pflegen sie einen Austausch mit dem Nachbarn Josef, einem passionierten Berggänger. Mit ihm sprechen sie aber eher über den Kampf am Felsen und nicht dem gegen die Fadenwürmer.

Langsam gedeiht auch der soziale Teil des Kleingärtnerdaseins: Vor dem Häuschen dient ein Klapptisch als Schönwettertreffpunkt. Den Espresso für Gäste kocht man drinnen auf dem Gasherd. Am Holztisch unter der Veranda fand bereits ein Einwinterungsfondue statt. Und an einer Geburtstagsparty verteilten sich einmal gut 30 Gäste zwischen Bäumchen und Sträuchern. Was mit dem Liegestuhl passiert ist, ist nicht überliefert.

Die Geschichte dieser vier Freunde und weitere Familiengartengeschichten kann man hier nachlesen: Gabi Vogt und Stephanie Elmer, «Flachs Sugo Tandem» , edition clandestin, 2019, bei exlibris.ch
Infos: flachs-sugo-tandem.ch

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Tagesfang bei Esther Schnider im Herbst: Schwarzer Rettich

Den Letzten beissen die Mäuse

Elia mit selbst gezogenen Tomaten

Teenager Elia und sein Garten

Stormchaser Andreas Schneeberger mit Stativ auf der Schulter

Auf der Jagd nach dem perfekten Blitz

Kleiner Ort, grosse Reichweite: In Lanterswil TG mit seinen 140 Einwohnern lebt die schweizweit bekannte Gartenbloggerin Carmen Siegrist.

Sie macht den Blog zum Gärtnern