30. Juni 2017

Junge im Widerstand

Die Jugendrevolution der 68er ging auch an der Schweiz nicht spurlos vorbei. Die Historikerin Brigitte Studer erklärt die Hintergründe und zieht Parallelen zu heutigen Bewegungen wie Occupy und Women’s March.

Das legendäre Musikfestival in Woodstock im August 1969 gilt als Höhepunkt der US-Hippiebewegung.
Das legendäre Musikfestival in Woodstock im August 1969 gilt als Höhepunkt der US-Hippiebewegung.

In der Nacht vom 29. auf den 30. Juni kracht es in Zürich. Das Pulver ist die Forderung nach einem autonomen Jugendhaus. Der Funke springt, als die Polizei den Platz vor dem Globus-Provisorium auf der Bahnhofsbrücke räumen will. Die Strassenschlachten dauern bis in die frühen Morgenstunden und fordern 40 Verletzte.

Der Globuskrawall bringt etwas zum Explodieren, was schon lange schwelt. Es sind nicht nur die fehlenden Freiräume in der Stadt, die die Jugend bewegen, sondern auch die geistige Enge, autoritäre Erziehung und rigide Sexualmoral. Oder wie der Brückenbauer schreibt: «Angegriffen wird überall die Welt der Väter.» Deren Autorität werde nicht mehr hingenommen, sondern nicht selten leidenschaftlich abgelehnt.

Mit dem Globuskrawall erreichten die Jugendunruhen am 29 Juni 1968 auch die Schweiz.

Die Geschichtsprofessorin Brigitte Studer (61) lebt damals im Kanton Freiburg, ist erst 13 Jahre alt und hat davon vorerst nicht viel mitbekommen. In den 70er-Jahren aber profitiert sie von den Veränderungen in der Gesellschaft und beginnt, sich als Wissenschaftlerin für die Dekade des Aufbruchs zu interessieren: «Die Bewegung der 68er war die erste soziale Bewegung globalenAusmasses. Auch in Japan und Osteuropa begehrte man gegen die herrschende Ordnung auf.» Das sei im Rückblick eigentlich sehr erstaunlich, denn damals waren sämtliche Radio- und TV-Sender öffentlich-rechtlich organisiert und viel stärker staatlich kontrolliert als heute.

Ansonsten sieht die Historikerin viele Parallelen zu heutigen sozialen Bewegungen: «Die 68er bestanden wie Occupy oder Women’s March aus heterogenen Gruppen, die sich unter einem gemeinsam Nenner zusammenfanden, der Kritik am Bestehenden.» Damals seien eben nicht nur Studenten auf die Strasse gegangen und bei Women’s March nicht nur Feministinnen oder bei ­Occupy nicht nur Leute, die wegen der Finanzkrise ihr Haus verloren haben.

Der Brückenbauer über die Jugend

Ausgabe vom 29. März 1968

Eine weitere Konstante sei die Bedeutung von Symbolen: «Bei den 68ern waren es lange Haare und Flower Power, bei Occupy die Anonymous-Maske und bei Women’s March pinke Strickmützen mit Katzenohren.» ­Symbole seien ein wichtiges verbindendes Element, gerade weil es zuweilen schwierig sei, sich im Konkreten und ohne Führung auf ein gemeinsames Ziel zu einigen. Bei Occupy ist man sich etwa einig, dass man den Banken Einhalt gebieten sollte. Aber wie genau man das macht, darüber gehen die Meinungen stark auseinander.

Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung, ein Symbol mit einender Kraft und ein Funke, der das Pulverfass zum Explodieren bringt. Theoretisch weiss man, was es braucht, damit die Menschen auf die Strasse gehen. Praktisch sind soziale Bewegungen aber weit weniger gut vorhersehbar. Darum will Historikerin Studer auch auf keinen Fall eine Prognose abgeben, wo in Zukunft ein Feuer ausbrechen könnte. Was sie aber aufgrund des Laufs der Geschichte sagen kann: «Soziale Bewegungen politisieren Menschen, die zuvor passiv und unbeteiligt waren. Das setzt Energie frei und verändert die Gesellschaft.» Darum sei sie sehr gespannt, was in der Folge der neu aufkeimenden Frauenbewegung geschehe. mm

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