30. Juni 2014

Jung verschuldet: Wenn der Betreibungsbeamte klingelt

Schulden kommen in jeder Altersstufe vor. Doch besonders gefährdet sind junge Erwachsene: Erster Lohn, erste Steuererklärung, Umgang mit Ämtern oder ein Schicksalsschlag – und schon ist es passiert. Fünf Betroffene erzählen ihre Geschichte und möchten andere ermutigen, früh Hilfe zu suchen.

Marcel ist auf dem besten Weg, seine letzten Schulden zurückzuzahlen.
Marcel ist auf dem besten Weg, seine letzten Schulden zurückzuzahlen.

Der Moment, wenn der Strom abgestellt wird oder das Jonglieren mit offenen Rechnungen nicht mehr aufgeht und das Kartenhaus einbricht: Schuldengeschichten haben viele Facetten. Etwas haben alle gemeinsam: Man spricht nicht darüber. Dabei wäre Enttabuisierung wichtig für die Prävention, wie die Studie «Wirkt Schuldenprävention?» der Hochschule Luzern zeigt. Mario Roncoroni (59) von der Berner Schuldenberatung sagt: «Darüber reden, Schulden zum Thema machen, das würde helfen.»

Ein Budget zu erstellen, lernen die meisten betroffenen Jungen nicht. «Junge Erwachsene sind aufgrund fehlenden Know-hows in punkto Geldverwaltung, Steuern und Krankenkassenmodelle gefährdet», sagt Mario Roncoroni. Ein Auslöser reicht: Gewalt, Burn-out, Krankheit, Sucht, Lehrabbruch oder zu frühe Ablösung vom Elternhaus – so geschehen bei den Betroffenen, die bereit waren, über ihre finanziellen Probleme zu sprechen. Sie alle möchten mit ihrer Geschichte einen Beitrag leisten. «Hätte ich damals von den Erfahrungen anderer gelesen», sagt Marcel*, «hätte mir das Mut gemacht, Hilfe zu holen.»

Eltern als Vorbild für ihre Kinder im Umgang mit Geld

Der Auszug von zu Hause ist in finanzieller Hinsicht die schwierigste Situation im Leben junger Erwachsener. Dies bestätigt Bruno Crestani (54), Leiter Betreibungsamt Zürich Kreis 4. «In der Erziehung der Kinder hat der Umgang mit Geld häufig einen bescheidenen Stellenwert», sagt er. Aber eigentlich wären die Eltern in der Verantwortung, ihre Kinder auch in finanzieller Hinsicht zur Selbständigkeit zu erziehen. Bruno Crestani meint denn auch, dass man das Tabu Schulden aufbrechen sollte: «Viel finanzielles Elend könnte so vermieden werden.»

Marcel (28): 42'000 Franken Schulden

«Ich bin zu früh geboren», sagt Marcel*. Vielleicht hätte er mit seinem ADHS, der Legasthenie und seiner Hochbegabung in Mathematik heute mehr Chancen in der Schule. «Sei froh, wenn du überhaupt eine Lehre findest!» – der Satz zerstörte sein Selbstbild. Aber Marcel gibt niemandem die Schuld. Nur manchmal fragt er sich: «Warum passierte das alles mir?»

Wegen seiner Arbeitszeiten als Servicefachangestellter verliert er, was ihn, sein ADHS und sein angeschlagenes Selbstbewusstsein im Gleichgewicht hielt: Kontakt zu Freunden und Familie sowie regelmässiger Sport – für das ehemalige Judo-Nati-Mitglied verheerend. Wegen Mehrarbeit schläft er oft nur zwei Stunden. Ab Sommer 2006 kompensiert er das fehlende Glück, kauft Kleider und technische Gadgets. «Ich lebte über meine Verhältnisse», sagt er. «Es war fast eine Kaufsucht – mir fehlte nur noch die Diagnose.» Strom-, Steuer-, Krankenkassenrechnungen oder Miete bleiben oft liegen. «Es war nur noch ein Jonglieren mit Zahlungsrückständen – kein Leben mehr.» Ein grosser Stress für nichts: offene Rechnungen von 42'000 Franken. Die Polizei schraubt sein Nummernschild am Auto ab, der Strom wird abgestellt, und der Pfändungsbeamte kommt. «Das ist ein absolut beschissenes Gefühl, ein Stückchen Stolz geht weg.»

Im Mai 2009 dann die Lohnpfändung: 1400 Franken bleiben für alle Fixkosten. «Man lebt nur noch – resigniert. Alles war egal, ich fühlte nur noch grosse Trauer.» Rechnungen wirft er ungeöffnet weg: «Ich konnte sie ja eh nicht bezahlen.» Ein halbes Jahr später geht er zur Schuldenberatung. Der Rückzug in die Arbeit, der fehlende Ausgleich – Marcel fällt in ein Burn-out. Im Sommer 2010 versucht er sich das Leben zu nehmen. Ein Jahr Klinik und die Aussicht auf die IV-finanzierte Umschulung geben ihm Stabilität und eine neue Perspektive: Heute ist er Buchhalter und macht das höhere Wirtschaftsdiplom. Dann wird er die letzten Schulden zurückzahlen. Sein Kampf zurück ins Leben sieht er nicht nur positiv: «Dass ich überhaupt so tief sinken konnte, ist eine Schwäche.»

Simon (29): 90'000 Franken Schulden

So locker, wie Simon sich ein Leben auf Pump leistete, so hart arbeitet er jetzt daran, die Schulden zu tilgen.
So locker, wie Simon sich ein Leben auf Pump leistete, so hart arbeitet er jetzt daran, die Schulden zu tilgen.

90'000 Franken – Simon* sieht die Zahl schwarz auf weiss: «Da hats Klick gemacht.» Bis Frühling 2011 hatte er keinen Überblick. «Erst bei der Schuldensanierung schaute ich alles an. Ich war jung und unerfahren – habe alles links liegen lassen.» Seither hat er 600 Franken monatlich für Essen, Handy und Freizeit. Vom Restlohn bezahlt er Fixkosten und die Sanierung: 60'000 Franken, nach Absprache mit den Gläubigern. Ende Jahr ists geschafft. Simon hätte zwar mehr Geld für sich beanspruchen können, aber dann hätte die Sanierung einfach länger gedauert. Sein Ziel verfolgt er mit eiserner Disziplin: «Ich will es richtig spüren, es muss wehtun. Ich will etwas lernen daraus.»

2004 fängt alles an: ein Darlehen für die Informatikerschule. 2007, nach Abschluss, dann der erste Kredit: 5000 Franken für ein Auto. «Da habe ich gemerkt, wie einfach das geht, und gedacht: Ferien wären schön. Mal probieren, ob ich den Kredit bekomme.» Es geht viel zu einfach: «Die werden einem nachgeschossen.» Simon besitzt mehrere Kreditkarten und ist bei vier Kreditinstituten Kunde. Einmal bittet er aus Tunesien um Kreditaufstockung: «Das ging ohne Abklärung.» Er versucht, Schulden mit neuen Krediten zu tilgen. Seinem Organisationstalent verdankt er, dass er nie betrieben oder gepfändet wird.

Nach drei Jahren sperrt die UBS seine Kreditkarte, Simon wird vom Zentralregister für Kreditinformation gesperrt: Für zehn Jahre gibts keinen Kredit mehr. Er beichtet seinem Vater alles und sucht Hilfe bei der Schuldenberatung. Ein Privatkonkurs käme für ihn nie infrage: Nur wenn er alles abbezahlt, ist es definitiv abgeschlossen. «Aufgeben gibts nicht.»

Martin (21): 15'000 Franken Schulden

Martin betäubte den seelischen Schmerz mit Kiffen.
Martin betäubte den seelischen Schmerz mit Kiffen.

Zehn Adressen in vier Jahren: Martin* (21) zieht mit 17 weg – aus Schutz vor dem gewalttätigen Zuhause. Sein Lehrlingslohn mit dem Geld vom Sozialamt reichen für’s Nötigste und Martin hat nie gelernt ein Budget zu erstellen. «Es waren mehrere Problemfelder: überfordert mit dem alleine Leben, mit Ämtern, Rechnungen, der Lehre – es gibt so viel Administratives.» Den seelischen Schmerz betäubt er mit Kiffen. «Rückstellungen hab ich nie gemacht – ich kannte das Wort nicht einmal.»

Drei Monate vor Lehrschluss geht die Firma Konkurs. Martin muss die Informatik-Ausbildung unterbrechen. Ab Sommer arbeitet er mit vollem Lohn und voller Verantwortung. Überforderung und mangelnde Betreuung kosten ihn im Mai 2013 die Lehrabschlussprüfung: Er ist arbeitslos. Bisher halten sich die Schulden mit 2500 Franken in Grenzen. «Ich hab jeweils den bezahlt, der am meisten Stress gemacht hat.»Mit Null Einkommen ist er drei Monate später bei 15’000 Franken. «Der schwierigste Moment? Wenn du realisierst, dass du nichts hast: tonnenweise Schulden und keinen Abschluss. Nichts was für diese Gesellschaft wichtig ist.» Die reformierte Jugendkirche „streetchurch“ unterstützt ihn in der Schuldensanierung. Martin wird gläubig, erkennt Kiffen als Realitätsflucht, kommt davon weg und findet eine Lehrstelle: «Ich war ganz radikal: gab nur noch für Essen und Tabak Geld aus. Auf alles andere habe ich verzichtet.» Im Dezember 2013 ist er saniert – dank streetchurch: «Es bräuchte mehr solche Anlaufstellen für Junge, die Hilfe benötigen.»

Aline (29): 25'000 Franken Schulden

Online-Einkäufe und Steuerschulden wurden Aline zum Verhängnis.
Online-Einkäufe und Steuerschulden wurden Aline zum Verhängnis.

Pinke Nägel, pinkes Handy: So rosarot war Alines* Leben nicht immer. Ende Lehre zieht die 19-jährige Zahnarztgehilfin aus. «Alles, was ich vorher nicht konnte, lebte ich aus: auswärts essen, Leute einladen, mit dem Taxi fahren, da und dort einkaufen – auch völlig unnötige Sachen.» Die Onlinekataloge sind ihr Verhängnis: «Die Ware kommt, ohne dass man bezahlt.» Sie hat eine Kaufsucht. Handy, Miete und Strom bezahlt sie immer, die Steuerrechnungen und die der Onlinekataloge bleiben offen. Mahnungen und Zahlungserinnerungen legt sie weg, sorgt sich nicht. «Ich wollte mich nicht mit Geld beschäftigen – bin selber schuld.»

Fünf Jahre später wird sie das erste Mal betrieben, und der Pfändungsbeamte kommt. «Erst da realisierte ich, was los ist.» Der Beamte nimmt nichts mit, es gibt einen Verlustschein. Im Sommer 2010 sucht Aline Hilfe bei der Schuldenberatung: «Ich rechnete so mit 4000 Franken Schulden – da hatte ich mich schwer getäuscht.» Es sind 25 000 Franken: grösstenteils Steuern und offene Katalogrechnungen.

Gleichzeitig wird sie Erstgehilfin in einer neuen Praxis: «Das, was ich immer wollte.» Die Verantwortung ist gross: «Ich erwartete mehr von mir, als ich konnte.» Zudem fällt jedesmal der Verdacht auf sie, wenn Geld fehlt. Sie, die ja Schulden hat. Im Juli 2012 erleidet Aline ein Burn-out. Therapie und eine neue Arbeit ziehen sie raus: Ab März ist sie saniert. Auf den 30. Geburtstag freut sie sich: «Ein schuldenfreier Neuanfang.»

Rita (42): 15'000 Franken Schulden

Der eigene Mann wurde Rita zum Verhängnis: Wegen seines zügellosen Lebens häufte er Schulden an, die Rita nach der Scheidung hälftig übernehmen musste.
Der eigene Mann wurde Rita zum Verhängnis: Wegen seines zügellosen Lebens häufte er Schulden an, die Rita nach der Scheidung hälftig übernehmen musste.

Mit 23 heiratet Rita* einen Mann, der «auf nichts verzichten» kann: offene Mietrechnungen, Kontoüberzüge und drei Leasingverträge belasten das Paar. «Ein Auto fuhr er zu Schrott. Der Vertrag lief weiter, aber ein zweites musste her», sagt Rita. Dies geht nur mit Solidarunterschrift von ihr. Warum trat sie ihm nicht entgegen? «Er war sehr dominant, bestimmte alles.» Als er zunehmend handgreiflich wird, vermeidet sie Streit und die Konfrontation mit dem Thema Geld.

«Wir hatten immer mal wieder Krach, weil er auswärts nicht auf Znüni und Zmittag verzichtete und Geld in der Beiz verprasste.» Nach vier Jahren sind 50'000 Franken offen – einen Teil müssen sie zurückzahlen. Vier Jahre später dann das Schlüsselerlebnis, das Rita den Perspektivenwechsel ermöglicht: Ihr Mann geht auf eine Freundin los – zum ersten Mal sieht Rita «ihre» Szenerie von aussen. Nach einem Nervenzusammenbruch zieht sie ins Frauenhaus und trennt sich. «Von dem Tag an, als ich weg war von ihm, machte ich keine Schulden mehr.»

Sie haushaltet mit Couvertsystem: Für jeden Tag eines Monats sind 12.75 Franken in einem Umschlag und 50 Franken im Notgroschencouvert. «Manchen Mittag gabs nur Päcklisuppe mit Wienerli und Brot. Und zum Znacht noch mal Suppe.» Die Scheidung zögert er drei Jahre hinaus, Rita haftet so lange für weitere Schulden mit. «Plötzlich erfuhr ich, dass ich ein Natel-Abo habe!» Sie klagt auf Scheidung und erbt 15'000 Franken Schulden: die Hälfte. Weil die Gläubiger vom Ex-Mann kein Geld sehen und die Schulden aus der gemeinsamen Zeit stammen, muss Rita erneut für ihn bezahlen – ein letztes Mal.

Nicole (31): 24'000 Franken Schulden

Sie lebte über ihre Verhältnisse, aber jetzt hat Nicole ihre Schulden abbezahlt.
Sie lebte über ihre Verhältnisse, aber jetzt hat Nicole ihre Schulden abbezahlt.

Sie habe einen Rücken wie eine 80-Jährige, sagen die Ärzte zu Nicole*. Wegen der Diskushernie bricht sie ihre Zweitausbildung zur Pflegefachfrau ab, und in ihrem Erstberuf als Kosmetikerin kann sie auch nicht mehr arbeiten. Sie meldet sich bei der IV an für eine Umschulung zur medizinischen Sekretärin. Bis zum Entscheid erhält sie 80 Prozent des letzten Lohns: der Lehrlingslohn einer Pflegefachfrau. Ein Jahr später folgt die Absage: Nicole muss ein weiteres Jahr aufs Sozialamt.

Krankheitspech als Schuldenursache? Die 31-Jährige winkt ab: «Angefangen hat es mit meinem damaligen Partner: Ende Lehre zog ich zu ihm, und die Miete war einfach über meinen Verhältnissen.» Für Steuern reicht es nicht mehr. «Es gibt so eine Redensart: Steuerschulden sind Ehrenschulden. Solange es nur das ist, hat man das Gefühl, es sei noch nicht so schlimm.» Während der dreijährigen Arbeitslosigkeit erhöhen zudem offene Arzt- und Krankenkassenrechnungen ihre Schulden. «Das Schlimmste, was ich je erlebt habe», sagt sie, «war, als der Pfändungsbeamte vor der Tür stand».

Im Januar 2010 findet sie eine Büro­stelle – und damit beginnt die Lohnpfändung, «der Anfang des Teufels­kreises.» Sie erhält 2200 Franken Lohn ausbezahlt. «Ich konnte wieder kein Geld für die Steuern auf die Seite legen», sagt sie, «und häufte neue Schulden an.» Im Existenzminimum sind Steuern nicht einberechnet. Ein Jahr später: 24'000 Franken Schulden. Mit Hilfe der Schuldensanierung begleicht sie alles in zwei Jahren. Ihre Freunde wissen bis heute nichts davon, «man schämt sich – über Geld redet man nicht.»

* Alle Namen der Redaktion bekannt

Bilder: Annette Boutellier

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