29. September 2017

Jugendliche – talentiert und engagiert

Was brauchts, damit ein begabtes Kind erfolgreich wird? Unsere Beispiele zeigen: Hingabe, Fleiss und optimistisch-entspannte Eltern.

Konzertviolinistin, Fussballprofi, Maschinenbauer, Politikerin: Die Jugendlichen, die wir hier vorstellen, ­haben klare Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft – und die besten Chancen, ihre Ziele zu erreichen.

Zugegeben: Jeder von ihnen hat auch eine besondere Gabe. Ist das einfach Glückssache? «Begabung ist aus meiner Sicht ein Produkt, über das ein Mensch zu einem aktuellen Zeitpunkt verfügt», sagt Christine Kuhn, Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Zürich. Die Expertin für Hochbegabtendiagnostik fügt an: «Es ist das Ergebnis aus dem Lernen, der Umgebung und der Anlagen.» Bei den jungen Menschen in unseren Beispielen kommt die Leidenschaft hinzu. Die engagierten Talente empfinden Freude beim Üben, Trainieren, Tüfteln oder Politisieren. Sie gehen an sechs Tagen pro Woche ins Sporttraining oder schreiben nach der Schule Medienmitteilungen – freiwillig und ohne elterlichen Druck.

«Von den Eltern ist viel Optimismus gefragt, damit Kinder ihre Talente weiterentwickeln können», sagt Kuhn. Sie warnt aber auch: «Eine besondere Begabung kann man nicht erzwingen.» Entdecken kann man sie sehr wohl. Ob das geschieht oder nicht, entscheiden nicht selten die Interessen von Eltern und Geschwistern, wie etwa bei der Geigerin Laura-Delia Knecht.

DIE GLÜCKLICHE GEIGERIN

Ohne Violine trifft man Laura-Delia Knecht selten an.

«Ein Leben ohne Geige kann ich mir nicht mehr vorstellen», sagt Laura-Delia Knecht (16). In eine musikalische Familie hineingeboren, entdeckte Laura-Delia Knecht ihr Interesse für die Musik bereits im Kleinkindalter. Ihre ersten Gehversuche auf der Violine unternahm sie im zarten Alter von drei Jahren, beeinflusst durch ihren Vater – zu der Zeit Direktor des Konservatoriums Zürich – und ihre ältere Schwester, die Geige spielte.

Zunächst nahm Laura-Delia das Musizieren noch nicht sonderlich ernst. «Ich kratzte irgendwie auf der Geige herum», erinnert sie sich, «irgendwann bin ich in die Ernsthaftigkeit hineingewachsen – altersbedingt sozusagen.»

Heute hat die Musik in Laura-Delia Knechts Leben oberste Priorität. «Man muss auch ein bisschen verzichten, wenn man etwas so unbedingt will», sagt die angehende Violinistin. So fallen wegen der Proben schon mal Freizeitaktivitäten ins Wasser. Es kommt aber vor, dass sie zuerst etwas mit Freunden unternimmt und erst danach übt. Allerdings besteht ihr Freundeskreis hauptsächlich aus Musikern, und so ist Zeit für Freunde oft auch Zeit fürs Hobby.

Wenn Laura-Delia Knecht im Orchester oder im Geigenunterricht spielt, Violinmusik lauscht oder Konzerte besucht, ist sie glücklich. All das motiviert sie auch, weiterzumachen, mit der Selbstdisziplin, die es für den Erfolg braucht. Freude und Willen, sagt sie, seien die zwei wichtigsten Dinge.

Die musisch begabte junge Frau übt zurzeit während über 25 Stunden pro Woche, in den Ferien noch mehr. Alles aus eigenem Antrieb. «Meine Eltern haben mich überhaupt nicht gepusht, nie zum Üben gedrängt oder gesagt, das töne noch nicht so gut», sagt sie.

Die Schülerin aus Winkel ZH besucht das Kunst- und Sportgymnasium Rämibühl in Zürich, zu dem auch die PreCollege-Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) gehört. Seit zwei Jahren spielt sie im ZHdK-Orchestra und hat dort die Funktion der Konzertmeisterin inne – im Orchester die zweitwichtigste Position nach dem Dirigenten. Im Frühling hat sie die Aufnahmeprüfung fürs Violinestudium bestanden.

DER EHRGEIZIGE FUSSBALLER

Marvin Kellers ganze Leidenschaft: Fussballgoalie sein.

Marvin Keller (15) scheint die Lockerheit in Person zu sein. Ausgestattet mit ­einer positiven Ausstrahlung und der Gabe, andere mit seiner guten Laune anzustecken. Und mit einem grossen Fussballtalent. «Ich habe alles, was ich will und brauche», sagt der 15-Jährige mit einem Strahlen im ­Gesicht, «für mich läufts grad ­perfekt.» Marvin Keller ist auf dem besten Weg, Fussballprofi zu werden. Es ist sein Traum­beruf, diesen Sport liebte er schon immer. Bereits als Sechsjähriger spielte er beim Dorfverein FC Mutschellen. «Zum Training drängen musste manmich nie», sagt der Bezirksschüler.

Marvin Kellers anhaltende Begeisterung für den Fussball brachte seinen Vater, selbst ein eingefleischter Fussballfan, 2010 auf die Idee, seinen Sohn zu einem Probetraining beim Grasshopper Club Zürich zu ermutigen. Vom Talent des Jungen überzeugt, nahm ihn der Schweizer ­Rekordmeister gleich auf.

Aktuell träumt Marvin Keller davon, Goalie bei GC zu werden. ­Später sieht er sich zwischen den Pfosten bei einem der ganz grossen Vereine wie Manchester United. Damit es nicht beim Traum bleibt, trainiert er sechs Mal pro Woche. Hinzu kommen die Matches, die er an den Wochenenden in der U-15-Meisterschaft der Gruppe National bestreitet. «Ich gebe alles, um mich zu verbessern», sagt er.

Der Fussball hat ihn diszipliniert, gelehrt, mit Druck umzugehen. Das hilft ihm auch im «Privatleben», wo er seine Leidenschaft und die Schule aneinander vorbeibringen muss. «Habe ich viele Hausaufgaben, gehe ich eben einmal weniger mit Freunden aus», sagt er.

DIE KOMMUNIKATIVE JUNGPOLITIKERIN

Begnadete Kommunikatorin: Linda Müller, Mitglied der Jungen Grünen.

«Die Welt geht uns Junge mindestens genauso viel an wie ältere Menschen», sagt Linda Müller (17). Die Umwelt, erinnert sie sich, habe sie «schon immer» interessiert. Viel zu lange aber konnte sie sich nicht einbringen, weil sie ja nicht abstimmen darf. Daran störte sie sich. Und zwar so sehr, dass sie mit 15 Jahren in die Partei der Jungen ­Grünen eintrat. Hier konnte sie endlich aktiv werden. Fortan ging sie fast täglich auf die Strasse, etwa um Unterschriften für die Zersiedelungs-Initiative oder für die Kriegsgeschäfte-Initiative zu sammeln.

Dank ihrer sozialen Begabung avancierte sie innert zweier Jahre zum jüngsten Mitglied des Kantonalvorstandes – mit gerade mal 17 Jahren. Ausserdem ist die junge Politikerin leitendes Mitglied einer Kampagnengruppe, wo sie für die Grünen ­ gemeinsam mit drei Mitstreitenden – Medienmitteilungen schreibt, Reaktionen auf Bundesratsentscheide und Newsletters verfasst.

«Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft motiviert mich», sagt die Schülerin aus Erlenbach ZH, «diese Leute sind super, mit ihnen hat man immer eine gute Zeit.» Durch die Parteiarbeit knüpft die junge Grüne unzählige Kontakte, sei es bei Mitgliederversammlungen oder beim Unterschriftensammeln. Als Parteimitglied hat sie gelernt, auf wildfremde Leute zuzugehen und Begegnungen mit älteren Menchen zu schätzen.

«Ich bin generell weltoffener geworden», resümiert sie. Seit August sitzt sie auch noch in der Geschäftsleitung der Jungen Grünen.

Bleibt noch Platz für Freizeit und Freunde? «Natürlich, kein Problem», sagt die Jungpolitikerin. Das sehen ihre Eltern etwas anders. Sie sind zwar politisch interessiert, aber nicht aktiv. Also unterstützen sie ihre ­Tochter. Aber manchmal, finden sie, übertreibe sie ein wenig. Hie und da ­müssen sie sie auch ermahnen, die Schule nicht ganz zu vergessen. «Es ist aber wichtig, dass sich auch junge Menschen politisch engagieren», sagt Linda Müller.

DER PREISGEKRÖNTE PROGRAMMIERER

Jack Kendall und sein Roboter, mit dem er einen Preis gewonnen hat.

Jack Kendall (20) ist ein analytisches Ausnahmetalent. Im Alter von zwölf Jahren begann er zu programmieren und Websites zu bauen. Der Sechstklässler interessierte sich brennend für das, was im Innern eines ­Computers abläuft. Hatte er verstanden, was hinter einem Programm steckt, nahm er sich sogleich das nächste vor. «Ich kann nicht lange bei etwas bleiben», sagt der in Altendorf SZ lebende Sohn einer Kunsthistorikerin und eines Elektroingenieurs. Schon als er ein Kind war, führte sein Vater ihn in die Welt der Elektrotechnik ein, indem er etwa mit ihm Experimente mit Electro-Kits durchführte.

Dass dies seine Begabung gefördert hat, bezweifelt der «Star Wars»-Fan zwar. «Ich kann aber auch nicht sagen, was mich beeinflusst hat», sagt er. Begabtenexpertin Christine Kuhn hat dazu eine Erklärung: «Es gibt enge Zusammenhänge zwischen der Begabung eines jungen Menschen und der Bildung der Eltern. Selbst adoptierte Zwillinge zeigen eine höhere Annäherung an das Bildungsniveau der Adoptiveltern als an das Bildungsniveau der biologischen Eltern.» Und: Viele Begabungen würden gar nicht erst entdeckt und gefördert, erklärt die Ärztin: «Das ist etwa bei einer auf Gruppen ausgerichteten Erziehung und kulturellen Bildung der Fall.»

In der Sekundarschule trug sich Jack Kendall noch mit dem Gedanken, Banker zu werden. Dann kam das Gymnasium und mit ihm die Maturaarbeit. Ein Jahr investierte Jack Kendall in dieses Projekt, das er gemeinsam mit einem Klassenkameraden realisierte: die Planung, den Bau und die Programmierung eines autonomen Roboters. Während sich Jack Kendall um die Mechatronik und Elektrotechnik kümmerte und alles programmierte, designte sein Kollege das Chassis des Roboters. Jack Kendalls Aufwand betrug wenigstens zehn Stunden pro Woche. Dieses Engagement hat sich gelohnt, denn das Projekt errang den Sieg im «Schweizer-Jugend-forscht»-Wettbewerb 2016. Und er vertrat die Schweiz im Mai am wichtigsten und grössten Jungforscherwettbewerb der Welt, am Intel ISEF in Los Angeles (USA). Einen Preis gab es nicht, aber viel Zuspruch von den Profis der Jury.

So sehr die Maturaarbeit Jack Kandall auch in Beschlag nahm, für Freunde und Freizeit fand er immer Zeit. «Man muss eine Balance finden», meint er. Was das Programmieren betrifft, spricht er sich für einen frühen Zugang zur Materie aus: «Um mehr Jungen und Mädchen zu begeistern, sollte Programmieren ein Primarschulfach sein. Ohnedies geht viel Talent verloren», bedauert er. Jack Kendall selbst wird sein Talent weiter nutzen: Er studiert seit einem Jahr Maschinenbau an der ETH Zürich.

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